Für Montagabend (16. März) hatte der ORF einen zweistündigen Abend zum Fall Kampusch geplant – am 23. August jährt sich ihrer Selbstbefreiung zum 20. Mal. Geplant war für dieses „Thema Spezial“ die Ausstrahlung der Doku „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ , in der u.a. Familienmitglieder (etwa Mutter Brigitta Sirny im Foto oben) zu Wort kommen sollten, und anschließend eine Gesprächsrunde. Am Samstagabend kam die überraschende Bekanntgabe, dass der Themenabend „vorerst“ aus dem Programm genommen werde. Solche Maßnahmen seien laut Auskunft des ORF bereits vorgekommen – etwa bei Reportagen, wenn diese eventuell nicht ausreichend juristisch geprüft waren. Die Absage dieses breit angekündigten Abends zieht jedoch besondere Aufmerksamkeit auf sich. Maßgeblich für die Entscheidung waren „unterschiedliche Auffassungen betreffend die Persönlichkeitsrechte von Natascha Kampusch“, teilte der ORF mit. Man wolle sich „Zeit für eine entsprechende finale Abklärung geben“. Stattdessen werde die „Millionenshow“ ausgestrahlt und der „Kulturmontag“ vorgezogen. Rechtliche Schritte geprüft Der „Weiße Ring“ begrüßte die Entscheidung. Als Hilfseinrichtung für Verbrechensopfer habe man im Vorfeld dem ORF seine Bedenken deutlich gemacht und rechtliche Schritte zur Prüfung eingeleitet, gab die Institution bekannt. Mediale Aufmerksamkeit könne für Betroffene sehr belastend sein und unabsehbare Konsequenzen mit sich ziehen. Gleichzeitig wies der „Weiße Ring“ darauf hin, dass bereits durch die Vorberichterstattung „erheblicher Schaden“ entstanden sei. Viele Medien hätten im Zusammenhang mit der angekündigten Sendung über höchstpersönliche Details zum Gesundheitszustand von Kampusch berichtet – zum Beispiel auch die Bild-Zeitung oder The Sun. „Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung“ hatte der ORF die Bewerbung betitelt, und geschrieben, dass Kampusch „einen Zusammenbruch erlitten“ habe. Die nunmehrige Entscheidung des ORF sei „als wichtiges Signal für einen verantwortungsvollen Umgang mit Betroffenen von Straftaten“ zu werten, schrieb der „Weiße Ring“. "Gefahr der Retraumatisierung" bei Jahrestagen Psychoanalytikerin Rotraud Perner sagt dazu zum KURIER: „Erinnerungen an Jahrestage von belastenden Erlebnissen bergen immer die Gefahr der Retraumatisierung in sich. Wir können uns vorstellen, dass Frau Kampusch sicher von mehreren Medien unter Druck gesetzt wurde, zurückzublicken und ihre Seele zu öffnen, um die Neugier der Menschen zu befriedigen.“ Der ORF berichtete übrigens von „Medienanfragen aus aller Welt“. „Man sollte sie jetzt in Ruhe lassen“, sagt Perner, „sie braucht Schutz und Ruhe. Wenn, dann müsste sie selber wieder ein Buch schreiben, oder sich von sich aus Leute suchen, mit denen sie das aufarbeitet.“ Es sei „so schwer, wenn man Gewalt erlebt hat, sich zu schützen, die eigenen Grenzen wieder aufzubauen“. Man könne „nur mit Ehrfurcht vor dieser Resilienz stehen, das überlebt zu haben. Und man kann ihr nur wünschen, dass sie Begleitung und Unterstützung findet, um ein befriedigendes Leben führen zu können.“ "Das Thema ruhen lassen" Die Entscheidung, „das Thema jetzt ruhen zu lassen“, findet Perner richtig. „Der ORF muss ohnehin aufpassen, Dinge zu veröffentlichen, die ihn noch angreifbarer machen als er im Augenblick ohnehin schon ist. Er täte auch gut daran, den Schutz von Persönlichkeitsrechten immer wieder zum Thema zu machen – da besteht großer Bedarf in Zeiten von Facebook und Tiktok.“