"Dachte, ich sterbe": Grazer Amoklauf-Opfer veröffentlicht Buch

Ein Gedanke tauchte auf: Das hier war nicht echt. Das Blut war Kunstblut, die Waffen Attrappen, der Mann mit der Brille ein Schauspieler. Nichts davon konnte echt sein. Doch der rationale Teil meines Verstandes sagte: Das hier, das passiert wirklich. ( Sam Askari, Kapitel 13 in "Graz. 10. Juni 2025.") Es ist Dienstag nach Pfingsten , der 16-Jährige müde, weil seine Eltern und er erst spätabends von einem Städtetrip aus München zurück nach Graz gekommen sind. Am liebsten hätte er sich im Bett noch einmal umgedreht, vielleicht krank gespielt, um weiter schlafen zu können. Sam, erst vor wenigen Jahren mit der Familie aus dem Iran nach Österreich gekommen, ging aber in die Schule, zum Unterricht, zu seinen Freunden, mit denen er manchmal auch rauchte und trank, obwohl er wusste, die Eltern hatten etwas dagegen. "Ich werde jetzt echt sterben" Ein typischer Jugendlicher. Der Musik liebte und davon träumte, Rapper zu werden. Ins Fitnesscenter ging. Alles völlig normal. Bis zum 10. Juni 2025 , 9.57 Uhr. Da traf ein Projektil Sams, abgefeuert aus einer Waffe in nächster Nähe. "Ich werde jetzt echt sterben, sagte ich zu mir selbst. Jetzt, hier, in der Schule, in einem Klassenraum" , schreibt Sam in seinem Buch, in dem er seine Erinnerungen an den Amoklauf am BORG Dreierschützengasse verarbeitete. An jenem 10. Juni wurden zehn Menschen ermordet , eine Lehrerin sowie neun Schülerinnen und Schüler. Der Schütze, ein 22-jähriger, ehemaliger Schüler des Oberstufengymnasiums, richtete sich in einer WC-Anlage der Schule selbst. Sam Askari ist unter jenen, die den schwersten Amoklauf der österreichischen Nachkriegsgeschichte überlebt haben. Fast zwei Tage lang lag der 16-Jährige in künstlichem Tiefschlaf, sein Zustand galt als kritisch. Sein Kiefer war von dem Projektil zersplittert worden, er musste nach Operationen wieder essen und sprechen lernen. Die Leute sollen wissen: Wenn ihr etwas plant, etwas vorhabt, wenn ihr jemandem eure Gefühle sagen wollt - dann ist heute der beste Tag dafür. Vielleicht kommt kein weiterer Tag. Sam Askari / Schüler, Rapper, Buchautor Doch Sam haderte nicht mit seinem Schicksal und begann bald, über den Tag zu reden , der für so viele Menschen alles zerstört hatte. "Vielleicht geht es mir deshalb heute besser, weil ich darüber gesprochen habe", überlegt der Schüler im KURIER-Gespräch. "Meine eigene Geschichte" Was vor dem 10. Juni vielleicht nur Hobby oder Traum war - als Musiker durchzustarten - wurde nach dem 10. Juni definiertes Ziel. "Ich habe mich dafür entschieden, Rapper werden zu wollen und kein Problem damit, gesehen zu werden. Aber die Frage ist, wie werde ich gesehen?" sinniert Sam. "Als jemand, der angeschossen worden ist? Oder als ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte?" Sam entschloss sich für Zweiteres, er will seine Geschichte schreiben und nicht dem Attentäter Macht geben, der " sich für Gewalt, Hass und Zerstörung entschieden hatte ", schreibt der 16-Jährige. "Heute ist der beste Tag" Das klingt abgeklärt für einen so jungen Mann. "Ich glaube, dass ich diesen Tag nie mehr im Leben vergessen kann. Ich kann mich wie in einem Film daran erinnern", überlegt Sam. "Aber ich will mir ein Leben aufbauen, eine Karriere. In zehn, 20 Jahren will ich eine Familie haben. Man soll schon seine Vergangenheit durchleuchten. Aber meine Botschaft ist, hier und jetzt zu leben. Heute ist der beste Tag dafür. Vielleicht kommt kein neuer Tag." Noch im Spital schrieb Sam Lieder, unter seinem Künstlernamen Samiko hatte er auch schon vor dem Attentat Auftritte als Rapper. In zwei Jahren steht die Matura an, Sam besucht die sechste Klasse am BORG Dreierschützengasse, das sich seit Herbst 2025 in einem Ausweichquartier befindet. Großteils jedenfalls, der Sportunterricht findet am alten Standort statt. Rückkehr im Herbst 2026 Das Gebäude, gleich in der Nähe des Hauptbahnhofes, wird seit Sommer 2025  umgebaut. Alle anderen Räume  erhalten zudem neues Mobiliar.  Im Herbst 2026 sollen die Schülerinnen und Schüler mit den Lehrkräften zurück an den Standort übersiedeln. Dort zu bleiben war ihr eigener Wunsch. Bisher habe ich es nicht geschafft, die Gräber meiner Freunde aufzusuchen. Ich denke fast jeden Tag an sie, manchmal ist es fast so, als ob sie noch da wären. Sam Askari Im Englischunterricht in der 3. Stunde Sam hat seine alte Klasse "einmal kurz gesehen", erzählt er, "für ein paar Sekunden. Ich war schockiert. Ich habe zuerst keinen Weg gefunden, das zu beschreiben. Die Erinnerungen waren alle wieder da." Daran etwa, dass er gerade im Englischunterricht an die Tafel gerufen worden war, in der dritten Stunde, als er ein Knallen hörte. Drei oder vier Mal hintereinander. Die Professorin habe ihn dann zurück nach hinten geschickt und versucht, die Tür zum Klassenzimmer zu verriegeln, vergeblich. Der 10. Juni 2026 Er sei vorsichtiger geworden, "keine waghalsigen Rückwärtssaltos mehr vom Beckenrand, ich habe zu rauchen aufgehört", betont der Schüler. Das Leben sei zu kostbar.  Der 10. Juni 2025 habe ihn also schon verändert, überlegt Sam. " Aber nicht zum Schlechteren. Das ist ein Sieg, den ich Mördern und Verbrechern nicht gewähren möchte ", schreibt er. Der Jahrestag des Amoklaufs steht bevor. Was wird er an dem Tag machen? Sam überlegt kurz. "Ich habe keine Ahnung. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich bevorzuge es, mein Leben hier und jetzt zu genießen."