Wie sich die Betrachtung von Kunst auf die Gesundheit auswirkt

Von Ulrike Krasa Ein intensiver Blick auf ein Gemälde, ein Museumsbesuch , ein buntes Bild im Krankenzimmer oder das Eintauchen in eine digitale Ausstellung: Kunst leistet für uns weit mehr, als nur ästhetisch zu gefallen. Dies bestätigen Forschungen von Prof. Dr. Matthew Pelowski , Experte für Wahrnehmung von Kunst und Emotionen an der Universität Wien, Institut für Psychologie: Kunstbetrachtung eröffne zahlreiche Wege, damit wir uns besser fühlen. Sie wirkt dabei allerdings nicht einheitlich, sondern entfaltet ihre Kraft im Zusammenspiel aus Umgebung, Begleitaktivitäten und individueller Erfahrung: Emotionales Erleben, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lernen, Neugier, soziale Beziehungen, persönliche Reflexion, Identitätsstärkung, Sinnfindung, Stressabbau, Resilienz und depressive Symptome lassen sich nachweislich verbessern. Die Übersichtsstudie evaluierte 3.893 wissenschaftliche Arbeiten und 38 Studien mit 6.805 Teilnehmenden aus den Jahren 2000 bis 2023. Geforscht wurde in Museen, Krankenhäusern, Laborumgebungen sowie über Online-Plattformen. Emotionen in Bewegung bringen Kunst wirkt am stärksten, wo sie Gefühle berührt. Es zeigte sich deutlich, dass Gemälde, Fotografien oder Installationen positive Emotionen auslösen und körperliche Stressmarker reduzieren können. Das reicht vom einfachen Vergnügen bis hin zu tiefgehenden Gefühlen wie Ehrfurcht oder Ergriffenheit . Gerade diese intensiveren emotionalen Momente scheinen entscheidend zu sein, weil sie Räume öffnen, in denen Menschen innere Themen ordnen oder schwierige Gefühle in geschütztem Rahmen verarbeiten können. Dabei kann „ein Museumsbesuch lohnenswert sein, aber es gibt viele andere Möglichkeiten, sich mit Kultur auseinanderzusetzen. Wir haben festgestellt, dass schon 90 Sekunden, die man mit Kunst verbringt, positive Auswirkungen haben, egal ob man das Werk online über Google Arts and Culture betrachtet, oder man auf dem Weg zur Arbeit kurz stehen bleibt und sich ein Wandgemälde in der Stadt ansieht“, berichtet Pelowski. Erinnerung und Verbundenheit, Aufmerksamkeit und Neugier werden ebenso gefördert. Flow-Erlebnisse, inspirierende Assoziationen oder eine Rückkehr zu vergessenen Eindrücken sind nicht selten. Für ältere Menschen oder Demenzpatienten kann das Betrachten von Kunst deshalb sogar identitätsstärkend wirken. Ein oft unterschätzter Aspekt ist die soziale Wirkung der Kunst. Gemeinsames Betrachten schafft Verbundenheit, senkt Isolation und eröffnet Gespräche, die über den Moment hinauswirken. Im klinischen Kontext zeigte sich, dass Kunst die Beziehung zwischen Patienten und Betreuungspersonen stärkt und indirekt das Wohlbefinden beider Seiten verbessert. „Die Möglichkeit, Erfahrungen mit anderen zu teilen, Gespräche zu führen oder das Haus zu verlassen und an einer öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen – diese Aspekte könnten wichtige Gründe dafür sein, warum viele Menschen einen Nutzen aus der Beschäftigung mit Kunst ziehen, noch bevor wir überhaupt über Kunst selbst nachdenken“, so Pelowski. Hauptsache, man beschäftigt sich tatsächlich damit. „Wenn man Menschen beispielsweise bittet, morgens aufzustehen und die Albertina in Wien zu besuchen, können sie sich schon besser fühlen. Aber nachdem sie sich die Kunst angesehen haben, fühlen sie sich noch besser!“ Dies gelinge auch ohne Begleitung. „Wir müssen nicht unbedingt mit anderen sprechen oder zusammen sein, um wichtige Kunsterfahrungen zu machen. Zeit zu haben, um mit sich selbst und einem Kunstwerk allein zu sein, kann sehr bereichernd sein und eine großartige Ergänzung zu unseren täglichen Aktivitäten darstellen“, weiß der Experte. Sinn finden, Burnout vermeiden Die Steigerung des „eudämonischen Wohlbefindens“ , dem Gefühl von Reflexion, Sinn und Lebensbedeutung, sticht besonders hervor. Und das in einer Zeit, in der sich viele Menschen orientierungslos und ausgebrannt fühlen. „Ich denke, dass die Aspekte Sinnhaftigkeit, Transformation und Lebenssinn tatsächlich zu den vielversprechendsten Vorteilen gehören, die wir in Bezug auf unsere Begegnungen mit Kultur oder Kunst finden.“, so der Psychologe. Die Beschäftigung mit Kunst könne dazu beitragen, dass wir uns besser fühlen, Stress abbauen, unsere Emotionen oder Ängste besser regulieren. Sie könne uns herausfordern, uns über unsere Grenzen hinausbringen oder uns nachhaltig bewegen. Eben dieses eudämonische Wohlbefinden sei für unsere Gesellschaft ein besonders wichtiges Bedürfnis. „Ich würde definitiv sagen, dass es uns helfen kann, Burnout zu vermeiden und soziale sowie persönliche Verbindungen aufzubauen, wenn wir uns die Zeit nehmen, uns mit Kunst zu beschäftigen, sei es als Betrachter oder als Schöpfer“, ist sich der Experte sicher. Stärkung von Resilienz Kunst schafft mentale Erholung , unterstützt Bewältigungsstrategien und fördert gesundheitsstärkende Verhaltensweisen – etwa, wenn Patienten durch kunstvolle Stationen im Krankenhaus motiviert werden, mehr zu gehen. Gerade in Spitälern, Büros und öffentlichen Räumen zeigen sich positive Aspekte auf Genesung und allgemeine Stimmung. Über die Wahl des Werkes, welches Potenzial habe, das Wohlbefinden zu unterstützen und nicht nur dekorativ zu wirken, sollte sorgfältig nachgedacht werden. Es komme darauf an, „was wir in einer bestimmten Situation idealerweise erreichen möchten. Die Antworten können je nach Kontext und Ort sehr unterschiedlich ausfallen. So gibt es zum Beispiel bestimmte Arten von Kunst, die viele Menschen als angenehm oder harmonisch empfinden – etwa der Impressionismus. Andere, herausforderndere Kunst kann in anderen Fällen wiederum sinnvoll sein.“ Wichtig sei, Menschen zu unterstützen, Kunstwerke zu finden, die sie als bedeutsam erleben oder die sie nachhaltig bewegen. Ressource für die Gesellschaft Die ideale Form der Kunstbetrachtung gäbe es nicht. „Die Vielfalt der Künste und die Art und Weise, wie wir darauf reagieren können, ist in der Tat eines der wichtigsten Merkmale“, so Pelowski. „Zum Beispiel kann eine stärkere soziale Interaktion unser Gefühl von Verbundenheit oder unsere soziale Teilhabe fördern. Allein zu sein, kann dagegen Raum schaffen, mehr über uns selbst sowie über die eigenen Gedanken und Gefühle nachzudenken. Kunst online zu betrachten oder ein Videospiel zu spielen, kann wieder andere Möglichkeiten eröffnen.“ Die psychologischen Reaktionen von Menschen auf Kunstwerke seien ganz unterschiedlich „sogar beim selben Kunstwerk.“, so Pelowski. Der wichtigste Faktor für das Wohlbefinden bestehe darin, dass Menschen wahrnehmen, wenn ihre Kunst- oder Kulturerfahrung für sie persönlich bedeutsam waren. Bezüglich der Häufigkeit, damit sich positive Effekte einstellen, gäbe es laut Pelowski Ergebnisse von „zwei Stunden Kunst- oder Kulturengagement pro Woche“, bis zu Studien, die suggerieren, dass „mehr“ besser sei. Aber jede noch so kurze künstlerische Betätigung oder Beschäftigung könne bereits eine positive Wirkung haben und uns helfen, sich in diesem Moment besser zu fühlen. Vorreiter dazu: Das Vorarlberg Museum in Bregenz hat in Kooperation mit der Ärztekammer vor kurzem das Pilotprojekt „Museum auf Rezept“ zur Stärkung der psychischen Gesundheit initiiert – mit 1.000 kostenlosen Tickets, die von Ärztinnen und Ärzten als wertvolle, nunmehr wissenschaftlich untermauerte Ergänzung zur herkömmlichen medizinischen Behandlung ausgegeben werden können.