Achtsames Jammern: Wie man seine Einstellung dauerhaft ändern kann

Auf einmal war es Peter zu viel. Das Aufregen über den Kollegen , der ständig Fehler machte. Das Lamentieren über Arbeitsabläufe , die vielleicht vor 30 Jahren aktuell waren. Das Echauffieren über den Vorgesetzten , der stets Probleme zu verursachen schien. Am Aschermittwoch vor einigen Jahren war Schluss damit. Peter wollte eine Fastenzeit lang „jammerfasten“ . Denn das ewige Lamentieren nervte nicht nur ihn, sondern auch die Menschen um ihn herum. Doch kann eine positivere Sicht auf die Welt tatsächlich unser Leben verändern? Ja, sagt Peters Bekannte, die Sprachwissenschafterin Heike Abidi , die mit der Autorin Daniela Nagel in einem neuen Buch ein Plädoyer für „achtsames Jammern“ hält. Denn Peter ist mit seiner Jammerei ja nicht alleine. Wie verbreitet Pessimismus im deutschsprachigen Raum im Allgemeinen ist, zeigt sich schon an den vielen Wörtern, die wir fürs Jammern haben. Wann Jammern hilft Zunächst wollen die Autorinnen klarstellen: Jammern an sich ist nicht nur schlecht. In seiner positiveren Form kann das Jammern helfen, Probleme zu verarbeiten, unsere Gefühle herauszulassen oder Solidarität schaffen. „Wenn man sich auf der Arbeit etwa über einen gemeinen Chef aufregt, handelt es sich um soziales Jammern “, sagt Abidi. Das schweißt zusammen. „Auch wenn sich Eltern auf dem Spielplatz darüber beschweren, dass das Baby die ganze Nacht geheult hat und man nicht durchschlafen konnte, können sie sich durch das Jammern erleichtert fühlen.“ Erst wenn das Lamentieren zum Stressfaktor – wie bei Peter – wird, erhöht das den Blutdruck und die Herzfrequenz . Im schlimmsten Fall kann das zu Bluthochdruck oder sogar einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Automatismus beenden Wichtig sei es, sagt Abidi, sich zu überlegen: „Wie geht es mir nach dem Jammern?“ Fühle ich mich leichter, oder habe ich mich in eine schlechte Laune hineingeredet? Ging es um konkrete Lösungsansätze, oder habe ich mich in meinem Leid ein wenig gesuhlt? Ist es ein neues Problem oder hat man sich des Themas schon oft bedient? Um dann die automatisierte Jammer-Reaktion zu ändern , braucht es Zeit und Übung. Eine Möglichkeit ist es, bewusst negative Denkmuster zu durchbrechen. Das klappt etwa mit einem Dankbarkeitstagebuch , in dem man positive Ereignisse der letzten 24 Stunden festhält. Oder auch mit Affirmationen . Hier hilft wieder das Beispiel von Abidis Freund Peter. Er ließ sich bei seinem Jammerfasten von einer App unterstützen, die ihm täglich positive Tagesimpulse schickte. Anstatt auf eine frustrierende Reaktion mit negativem Jammern zu reagieren, gewöhnte er es sich an, mit dem Tagesimpuls „Ich habe mich für Frieden entschieden“ zu reagieren. Vermutlich hätten ihn seine Kolleginnen und Kollegen für verrückt erklärt, wenn sie gewusst hätten, was ihm durch den Kopf ging, gestand er – und doch fuhr er unbeirrt mit seinem Projekt fort. Denn die positiven Gedanken machten etwas mit ihm . Aber was genau ändert sich? Wenn einem zum dritten Mal der Bus vor der Nase davonfährt, dann kommt er durchs Nicht-Jammern schließlich auch nicht retour. Bewertung ändert Realität Jammern ändert vielleicht nicht die Realität, sehr wohl aber die Bewertung einer Situation . Heike Abidi nennt ein Beispiel: Man stelle sich eine Person vor, die mit ihrem Auto immer wieder an rote Ampeln kommt und schon wieder die Grünphase verpasst. Verärgert sitzt sie in dem Moment hinterm Steuer, grummelt über die Welt. In dem Moment hört sie von der Rückbank: „Oh, wie toll! Wenn es grün wird, sind wir die ersten!“ Manchmal helfe es also, die Welt wieder ein bisschen mehr mit Leichtigkeit, aus Kinderaugen , zu betrachten. Denn auch wenn wir auf Dinge treffen, auf die wir vermeintlich keinen Einfluss haben, können wir immer noch unsere Einstellung zu ihnen ändern. Und Peter ? Seine Jammer-Abstinenz hat die Fastenzeit schon lang überdauert . So positiv hat sich sein Leben dadurch verändert, dass er nicht mehr in die alte Gewohnheit zurückgefallen ist.