Kiews zweite Front: Die große Angst vor dem Staatsbankrott

Wer Wladimir Putin s immensen Vorteil gegenüber der Ukraine verstehen will, braucht nur einen Blick auf die Zahlen zu werfen. Russland , das sich jeden Zentimeter an der Front mit viel Blut und Geld erkauft, hat im vergangenen Jahr offiziell 5,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in den Krieg investiert. Doch selbst wenn man inoffiziellen Schätzungen glaubt, die von bis zu zehn Prozent ausgehen, bleibt das Missverhältnis eklatant: Die Ukraine braucht ein Drittel ihres BIP, um den Attacken überhaupt standhalten zu können. 60 Prozent des ganzen Budgets landen an der Front – ein trauriger Weltrekord. An der finanziellen Front, an der Kiew seit vier Jahren kämpft, wird es zusehends enger. Schon vergangenes Jahr war das Loch in der Staatskasse groß, das Verteidigungsbudget musste gleich dreimal nachgebessert werden. Heuer sind Experten noch pessimistischer: Laut Internationalem Währungsfonds klafft eine Lücke von mehr als 50 Milliarden Dollar im Staatshaushalt – und die wächst mit jedem Monat. Die steigenden Ölpreise spürt auch die Ukraine hart, sie importiert den Großteil von Benzin und Diesel, beim Strom ist es mittlerweile sogar vollständig abhängig. Während Putin von den steigenden Preisen profitiert, zahlt die Ukraine die Rechnung – Strom ist dort wegen der zerstörten Infrastruktur mittlerweile teurer als im Westen. Angst vor Kipppunkt In Kiew wartet man daher händeringend auf jenen 90-Milliarden-Euro-Kredit , den die EU dem Land eigentlich in die Hand versprochen hatte. Im Herbst hatten die EU-Staaten den Plan verworfen, die eingefrorenen russischen Milliarden der Ukraine zur Verfügung zu stellen; man hatte Angst vor Moskaus Vergeltung. Stattdessen stellte Brüssel einen Kredit in Aussicht, der erst zurückgezahlt werden muss, wenn Moskau Entschädigungen zahlt – ein unwahrscheinliches Szenario. Doch auch dieser Plan hängt dank Viktor Orbáns Blockade (siehe unten) in den Seilen. In der Ukraine wächst darum die Angst vor dem Staatsbankrott. Zwar hat der IWF erst vor Kurzem einen Kredit von 8,1 Milliarden Dollar zugesagt, doch der stopft die Lücke nur kurz. Landet das EU-Geld bis Ende April nicht auf Kiews Konten, fehlen Milliarden für Gehälter, Pensionen, Gesundheitssystem. Der Staat müsste dann Einschnitte setzen, die er bisher bewusst vermieden hat. Steuern wurden nur einmal zu Kriegsbeginn angehoben, große Teile der Wirtschaft funktionieren weiterhin unter marktwirtschaftlichen Bedingungen, auch Preise sind nicht reguliert. Subventionen gibt es nur punktuell – etwa für Notstromaggregate oder Solaranlagen. Auch Pensionen und Beamtengehälter wurden nicht gekürzt, sondern trotz teils hoher Inflation angepasst. Lehrergehälter etwa wurden erst im Herbst um 30 Prozent erhöht, um eine weitere Abwanderung zu verhindern. Diese zurückhaltende Strategie erklärt die „überraschende Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Wirtschaft“, wie die Ökonomin Sinikka Parviainen schreibt. Der Sozialstaat wurde nicht frontal beschnitten, was die Binnenwirtschaft stabilisierte. Gleichzeitig hat das Land eine eigene Verteidigungsindustrie aufgebaut, die zunehmend auch exportiert. 2025 stieg die Produktion in diesem Sektor um ein Drittel, der Iran-Krieg befeuert die Drohnenproduktion weiter. Zwischenlösung Kommt es jedoch zu Kürzungen oder Zahlungsausfällen, droht eine Verschärfung jener Probleme, die der Krieg ohnehin verursacht. Schon jetzt finden Unternehmen kaum Personal, weil viele Fachkräfte ins Ausland geflohen sind – seit Kriegsbeginn etwa jeder Sechste. Die Landwirtschaft steht vor der Erntesaison, doch hohe Energiepreise treiben die Kosten. Gleichzeitig erschwert Russland den Export über das Schwarze Meer zunehmend durch Drohnenangriffe. Im Inland sinkt die Nachfrage, weil vielen Menschen das Geld fehlt – eine Abwärtsspirale droht. Einige Think Tanks malen darum eine düstere Zukunft. „Steigen die Steuern und setzt die Ukraine den Krieg fort, steuert das Land auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu“, heißt es in einer Prognose des Ukrainischen Zukunftsinstituts . Selbst der EU-Kredit wäre demnach nur eine Zwischenlösung: Von 90 Milliarden Euro fließen nur 30 in den Haushalt, der Rest gehe in Waffenbeschaffung. In der zweiten Jahreshälfte stünde Kiew damit wieder vor demselben Finanzloch wie heute.