Glücksexperte: Warum „positiv denken“ oft nach hinten losgeht

Viele Menschen lesen Glücksratgeber – und wirken trotzdem nicht glücklich. Das kennt der deutsche Berufsschullehrer Peter Finger (47) aus eigener Erfahrung: Vor sieben Jahren klebten Affirmationen wie „Denk positiv“ an seinem Badezimmerspiegel. Er litt unter Clusterkopfschmerzen und Tinnitus , rannte von Arzt zu Arzt, aber es wurde nicht besser. Seine HNO-Ärztin fragte schließlich, ob ihn etwas belaste. Das ließ ihn nicht los – obwohl er objektiv vieles zum Glücklichsein hatte, einen guten Job, eine Familie. Also besorgte er sich diverse Ratgeber. Die Zettelchen wurden mehr, glücklicher wurde er nicht. Nun hat er das etwas andere Buch dazu geschrieben. Das Interview zum heutigen Weltglückstag . KURIER: Sie schreiben, dass Menschen unglücklicher werden können, je stärker sie versuchen, glücklich zu sein. Wie kommt es zu diesem Paradox? Peter Finger: Das Paradoxon entsteht, wenn wir nur der Hedonie hinterherjagen – dem kurzfristigen Glück aus Spaß und Genuss . Das Problem: Hedonisches Glück nutzt sich schnell ab, wir brauchen immer mehr davon. Dieses Rennen können wir nur verlieren. Die Lösung liegt in der Eudaimonie , der grundsätzlichen Lebenszufriedenheit . Es geht um Sinnhaftigkeit, persönliches Wachstum und darum, seine Werte zu leben – auch wenn es mal anstrengend ist. Ein erfülltes Leben braucht beides. Sind wir in einer hedonistischen Tretmühle gefangen? Absolut. Wir gewöhnen uns schnell an positive Veränderungen: das neue Auto, die Gehaltserhöhung. Kurz darauf flacht die Freude ab, wir brauchen den nächsten Kick. Das liegt heute auch an der Sichtbarkeit der Vergleiche. Wir messen unseren Alltag nicht mehr an unseren Nachbarn, sondern an einer digitalen Öffentlichkeit. Dieser Abgleich treibt das Hamsterrad der Selbstoptimierung immer schneller an. Wir suchen unser Glück im Nächsten: im nächsten Urlaub, im nächsten Kauf, im nächsten perfekten Foto. Betrachten wir Glück als rein strategisches Ziel, machen wir es zum Projekt. Wenn ich dann eine Strategie verfolge, und trotzdem nicht glücklich werde, fühle ich mich wie ein Versager. Peter Finger, Berufsschullehrer und Buchautor Glück ist zu einem Lebensziel geworden, das strategisch erreicht werden soll. Ein Missverständnis? Ein riskantes sogar. Betrachten wir Glück als rein strategisches Ziel, machen wir es zum Projekt. Wenn ich dann eine Strategie verfolge, und trotzdem nicht glücklich werde, fühle ich mich wie ein Versager. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass wir immer glücklich sein können oder müssen. Ein erfülltes Leben bedeutet nicht, dass Schmerz und Chaos nicht vorkommen, sondern dass man die Fähigkeit besitzt, dem Leben mit all seinen Herausforderungen zu begegnen. Viele glauben, sie müssten nur erfolgreicher werden, um glücklich zu sein. Warum funktioniert diese Logik so selten? Sie scheitert an der Fokussierungsillusion. Nobelpreisträger Daniel Kahneman sagte: „Nichts im Leben ist so wichtig, wie wir glauben, während wir gerade darüber nachdenken.“ Wir überschätzen maßlos, wie sehr ein einzelnes Ereignis unser Wohlbefinden langfristig verändert. Die vielen kleinen Momente im Hier und Jetzt werden dabei verpasst. Wie viel Einfluss haben wir auf unser eigenes Glück? Etwa 50 Prozent sind genetisch bedingt, zehn Prozent machen äußere Umstände aus. Die entscheidenden 40 Prozent liegen in unserem Denken und Handeln. Da unser Gehirn neuroplastisch ist, verändern wir durch unser Denken dessen Struktur. Wenn ich mich auf das konzentriere, was fehlt, baue ich eine „Unglücksautobahn“ im Kopf. Wenn ich meinen Fokus bewusst lenke, entstehen neue Wege. Wir sind unseren Genen nicht hilflos ausgeliefert. Wie könnte man Kinder so erziehen, dass sie Glück im „Kleinen“ wahrnehmen? Ich habe zwei Söhne, sieben und acht Jahre alt. Oft ist es andersherum. Wir müssen unseren Kindern nicht beibringen, das Glück in kleinen Momenten zu finden, sondern sollten aufhören, ihnen das durch unsere Erwachsenenwelt abzuerziehen. Meine Söhne beschäftigen sich stundenlang mit Insekten und Lego. Sie sind im Moment. Wir Erwachsene denken ständig an die Vergangenheit oder die nächste Erlebnisspitze. Wenn jemand sagt, er sei „kein glücklicher Mensch“, was entgegnen Sie? Zunächst würde ich dieser Person sagen: Das ist vollkommen in Ordnung. Ich würde jedoch einladen, das Wort „bin“ durch „fühle mich gerade“ zu ersetzen. „Ich bin kein glücklicher Mensch“ ist ein festgefahrenes Urteil über die eigene Identität und somit eine Sackgasse. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Schlüssel zu einem erfüllten Leben? Gute Beziehungen – das werden alle unterschreiben. Für mich gibt es noch einen weiteren Faktor: unsere Selbstwirksamkeit in Verbindung mit einem dynamischen Selbstbild. Wer sich als „fertig“ betrachtet, bleibt Gefangener seiner Umstände. Ein erfülltes Leben beginnt, wenn ich erkenne: Ich kann mein Denken und Handeln aktiv formen. In dem Moment, in dem ich etwas verändere, egal wie klein der Schritt, gewinne ich meine Freiheit zurück. Mein Buch ist eine Einladung dazu: kein Ratgeber, der Glück verspricht, sondern ein Begleiter, der zur Selbstgestaltung ermutigt. Buchtipp