Jammerfasten statt Hass: Günther Lainers utopische Vision

Ich fuhr mit dem Auto irgendwohin aufs Land, um dort eine kleine Auszeit zu genießen und stand an einer Kreuzung, noch in der Stadt, als mir von hinten ein aggressives akustisches Signal zu verstehen gab, dass sich eine Weiterfahrt bei Grün lohnen würde. Ich musste schnell entscheiden, ob ich links oder rechts fahre, und ich entschloss mich, links zu fahren. Spontan fiel mir ein: Es kann doch nicht sein, dass so viele Menschen rechts abbiegen. Ich gebe zu, ich war gedanklich etwas abgedriftet. Schuld war das Autoradio, genauer gesagt das Mittagsjournal auf Ö1. Die katastrophale Weltlage ließ mich nicht los. Also verbrachte ich den Tag zuerst in der Natur, saß dann im Kaffeehaus (was meiner Natur sehr nahekommt), kehrte in ein Wirtshaus ein, ging sogar spazieren – und fasste schließlich einen Entschluss: In den nächsten Tagen will ich bewusst das Positive sehen. Und es gelang mir. Hier drei Beispiele: Mein Neffe machte den Mopedführerschein. Von seinem Opa bekam er dessen altes Moped samt Helm geschenkt. Es war zwar kaputt, aber vielleicht, so hofften beide, ließe es sich reparieren. Der große Tag kam – und er schaffte beides: sich selbst und das alte Moped fahrtüchtig zu machen. Stolz fuhr er zu seinem Opa, um ihm sein Gefährt zu zeigen. Für beide war es ein besonderer emotionaler Moment. Sein Opa gab ihm daraufhin die kaputte Kaffeemaschine, das abgefahrene Fahrrad und seinen alten Traktor zum Reparieren. Ein anderes Mal musste ich Grünschnitt entsorgen und fuhr mit dem Bioabfall ins Altstoffsammelzentrum. Die Dame bei der Annahme warf einen Blick in mein Auto und begrüßte mich mit den Worten: „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.“ Dann zeigte sie mir lachend den richtigen Container und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Ein kleiner, heiterer Augenblick. Gleich darauf hörte ich sie singen: „Jingle Bells, Jingle Bells …“ und dann sah ich, wie ein alter Mann mit langem weißen Bart seinen alten Schlitten zum Sperrmüll brachte. Seit Jahren habe ich – hauptsächlich wegen der Witze auf der letzten Seite – ein Spatzenpost-Abo. Ich weiß, diese Zeitschrift ist nicht für mein Alter gedacht, aber die Spatzenpost ist von Anfang an mein humoristischer Leitfaden gewesen, letztlich mein Einstieg ins Kabarett! Ein Witz ist mir besonders aufgefallen: „Unser Lehrer weiß einfach nicht, was er will“, schimpft Emma zu Hause. „Gestern sagte er, 15 plus 15 ist 30. Heute meinte er, 20 plus 10 ist 30.“ Am Aschermittwoch hörte ich von einem Freund den schönen Begriff „Jammerfasten“. Das inspirierte mich zu einer utopischen Vision: Jede Meinung wird respektiert und diskutiert, ohne sofort bewertet oder schlechtgemacht zu werden. Diskussion mit Kuss Es gibt keinen Hass und keine Hasspostings. Politiker setzen sich zusammen, hören einander zu, und es geht um die Sache – nicht darum, welche Partei etwas sagt oder tut. Menschen begegnen einander und reden miteinander. Schließlich ist im Wort Diskussion das Wort Kuss enthalten.