Der kleinste Windhauch, der durch die Eichen und Buchen des Rohrwaldes im südlichen Weinvierte l streift, erfüllt die Luft mit Geschichte. Wer die Ohren spitzt, hört vielleicht das leise Plätschern des Goldenen Bründls , das im Jahr 1278 eine der maßgeblichen Sagen des Weinviertels begründet hat. Aber davon später. Ganz in der Nähe der Quelle reckt ein riesiger Baum seine knorrig verkrümmten Äste in den Himmel. Eine Stieleiche , 275 Jahre alt . Und um auch ihr die Magie der Geschichte einzuhauchen, braucht es bloß eine einfache Rechnung. Etwa die: Als an dieser Stelle eine Eichel keimte und heranwuchs, dauerte es noch fünf Jahre bis zur Geburt von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Eiche steht mitten in einem Gastgarten . Sie wird im Sommer Schatten spenden, und das Vogelgezwitscher mag auch inspirieren, selbst ein wenig zu zwitschern. Was auch immer. Denn hier, an diesem Wohlfühlort für Fuchs und Hase, steht ein Gasthaus, das zweifellos zu den Kronjuwelen der niederösterreichischen Wirtshauskultur zählt: das „Goldene Bründl“. Als Gerhard Knobl im Jahr 1999 zufällig durch den Rohrwald fuhr, kam er an einem geschlossenen Ausflugslokal vorbei; draußen ein Schild: „Wegen Renovierung geschlossen“. Einige Zeit später – Knobl fuhr wieder durch den Rohrwald – war das Schild immer noch da. Heute sitzt er als Eigentümer am weiß gedeckten Tisch des behutsam modern eingerichteten Schankraumes, den die Strahlenbündel der Nachmittagssonne in ein Licht tauchen, das wohl schon manchen vorzeitigen Aufbruch verhindert hat, und sagt schmunzelnd und salopp: „Wenn so ein Schild ewig draußen hängt, weißt eh, was los ist.“ Eine treue Seele Richtig, da hatte jemand vor, nie wieder aufzusperren. Im Jahr 2000 eröffnete Knobl sein Gasthaus, und Jahr für Jahr wuchs der kulinarische Ehrgeiz. Bei seinen Exkursionen in andere Gasthäuser Niederösterreichs lernte er den Küchenchef Norbert Steiner kennen, der gerade dabei war, das Gut Oberstockstall in die Routenplanung erwartungsvoller Genussmenschen zu integrieren. Jetzt sitzt auch er am weiß gedeckten Tisch im Rohrwald und erzählt: „Gerhard hat lange sanft versucht, mich abzuwerben. Wenn du dich einmal verändern willst, hat er gesagt, du wärst mein Mann.“ Im März 2007 war es soweit. Norbert Steiner wechselte ins „Goldene Bründl“. Ein Jahr später wurde sein Kalbsbeuschel unter 66 Varianten zum Landessieger gekürt; er war der Beuschelkaiser. Keine schlechte Motivation für alles, was da noch kommen sollte. 19 Jahre ist Steiner nun schon Küchenchef bei Gerhard Knobl. „Ich bin im Gastgewerbe eine treue Seele“, sagt er. Das erlaubt ihm auch, seine Küche ohne Hast und Stress, irgendwelche Trends zu verpassen, weiterzuentwickeln. Die Bouillabaisse seiner ersten Speisekarte, eine weltoffene Mischung aus Garnelen, Muscheln und Süßwasserfisch, ist zum Klassiker geworden. Aus dem Beef Tatar macht er eine Wissenschaft mit hinreißenden Forschungsergebnissen. „Statt Kapern verwende ich Radieschen, für die subtile Schärfe ein bissl Wasabi und Chili, weil Tabasco ist mir zu säuerlich. Und den oft verwendeten Schuss Cognac lass ich auch weg.“ Und die Marillenknödel sind auf der Dessertkarte so verwurzelt wie die Eiche im Gastgarten. „Unter unseren Gästen“, erzählt Gerhard Knobl, „ist eine Expertin, die hat schon jeden Knödel in Niederösterreich probiert. Bei uns hat sie einmal sieben auf einen Streich verdrückt.“ Die Quelle des Beuschels Gerhard Knobl hat im Rohrwald eine Dynastie begründet. Eigentlich Gerhard Knobl senior. Im Juli 2025 hat er das Haus offiziell an seinen Sohn Gerhard junior übergeben, ohne deshalb auffallend leiser zu treten. Der Senior und seine Frau Regine – sie ist im Übrigen die Namensgeberin für den ziemlich eleganten Haus-Gin „ReGINe“ – sind allgegenwärtig. Und Gerhard junior hat das humane Zwitschern in seiner Funktion als Sommelier in neue Sphären gehoben: „Wir halten mittlerweile bei 900 Positionen.“ Ach ja, die alte Sage . Im Schnelldurchlauf geht sie so: König Rudolf I. von Habsburg reitet 1278 durstig durch den Rohrwald. Findet Quelle, daneben ein goldener Becher. Rudolf will Becher einstecken. Plötzlich taucht Quellnixe auf und fleht, er soll Becher da lassen. Rudolf lässt Becher stehen und kriegt dafür einen goldenen Ring geborgt, der so lange Glück bringt, wie männliche Thronfolger da sind. Mit Kaiserin Maria Theresia endet männliche Thronfolge. Sie schmeißt den Ring zurück in die Quelle. Seither sieht jeder ihn am Grund der Quelle leuchten, der noch nie gelogen hat. Jetzt bleibt nur noch die Frage: Ist Norbert Steiners Beuschel nur deshalb so gut, weil er es mit dem Wasser aus dem Goldenen Bründl aufgießt? Wer das behauptet, sieht den Ring ganz sicher nicht.