Michael Lehofer ist Psychiater, Psychologe und Philosoph. Der 69-Jährige ist Ärztlicher Direktor im LKH II, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie 1 in Graz, Professor, Buchautor und Referent zu wesentlichen Lebensthemen. Kürzlich hat er bei Thalia Linz sein neues Buch „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen – Begegnung, Lebendigkeit, Liebe“ (Kneipp Verlag) vorgestellt. KURIER: Welche Botschaft ist in Ihrem Buch die wichtigste? Michael Lehofer: Wir streben in unserem Leben danach, Bedürfnisse zu befriedigen. Wir setzen dabei manchmal nicht auf die richtigen Bedürfnisse, weil wir darunter leiden, dass wir frühe existenzielle Bedürfnisse nicht befriedigt bekommen haben. Zum Beispiel Liebe. Wenn man liebt, hat man Bindungsempfinden. Wenn man so etwas vielleicht nicht bekommen hat, strebt man vielleicht nach sehr viel Macht, oder nach sehr viel Geld, was ja auch ein Machtmittel ist. Und ist deswegen vielleicht nicht zufrieden, weil es einem nicht darum geht, sondern um etwas anderes. Wir glauben aber immer, dass wir von etwas, das wir nicht brauchen, noch mehr brauchen, um satt zu werden. Mehr Geld, mehr Macht, mehr Frauen, schnellere Autos? Genau. Statt innezuwerden, was brauchen wir eigentlich? Das ist der Inhalt des Buches. Wie kommt der Mensch darauf, dass er am Holzweg ist? Wenn wir uns auf einen bestimmten Lebensvollzug konzentriert haben und wir merken, dass uns das nicht glücklich und nicht froh macht. Wenn wir das erkennen, sollten wir schauen, welche Handlungen im Leben uns Herzensruhe geben. Welche Handlungen führen dazu, dass wir eine innere Gelassenheit entwickeln? Welche Verhaltensweisen führen dazu, dass wir keine Gier mehr haben? Wenn wir auf diesem Weg gehen, führt das zu Glücklichkeit. Das wird aber möglicherweise etwas sein, was viele andere nicht so machen. Wir dürfen uns nicht von der Umgebung korrumpieren lassen. Sondern wir sollen schauen, was macht mich glücklich? Das zu finden, ist nicht einfach. Das erfordert viel innere Arbeit. Arbeit kostet es nicht viel, es kostet Mut. Den Mut, die eigenen Konzepte als nicht zielführend zu verstehen, sich zu wandeln und andere Dinge anzustreben. Das ist das Wesentliche. Ihr Buch trägt den Titel „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen“. Die Nachkriegsgeneration litt an einem Mangel an Möglichkeiten. Heute ersticken die Menschen an den Möglichkeiten. Es gibt so vieles, was angeboten wird, trotzdem ist es schwierig, für sich den richtigen Weg zu finden. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie da recht haben. Nach dem Krieg hat es von allem zu wenig gegeben. Beruflich konnte man vieles angehen, und es war ein Erfolg. Weil es für alle bergauf gegangen ist? Genau. Heute ist es ein bisschen schwierig, was zu finden. Die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich sicher erweitert, aber wofür soll ich mich entscheiden? Was heißt, ein Leben zu führen, das leidenschaftlich ist? Wenn man versucht, alles zu leben, lebt man nichts. Die Trance ist beispielsweise ein Phänomen, bei der man sich auf eines einengt, und das ganz lebt. Ein leidenschaftliches Leben besteht nicht darin, alle Möglichkeiten zu nutzen, die wir haben, sondern Möglichkeiten wirklich auszuloten. Die Möglichkeiten sind für uns etwas sehr Verheißungsvolles. Wir müssen uns fragen, ist das Engagement, immer mehr Möglichkeiten zu haben, nicht an und für sich ein Gefängnis? Denn die Möglichkeiten sollen uns ja Freiheit vermitteln. Jetzt kämpfen die Menschen ein Leben lang um Möglichkeiten, ohne jemals die Freiheit zu nutzen. Das kann man am Körperkult sehr gut sehen. Manche optimieren sich ihr ganzes Leben, aber wohin und wozu machen sie das? Um beispielsweise in einem fitten Zustand lange zu leben. Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben: das Leben durchtauchen und am Ende des Beckens weiterschwimmen wollen. Die Frage ist, wozu die Selbstoptimierung? Ich kann mich nicht das ganze Leben auf das Leben vorbereiten, irgendwann muss ich auch leben. Ich habe einmal den Satz geprägt, wenn das Überleben endet, beginnt das Leben. Ein Kapitel haben Sie der Selbstverwirklichung gewidmet. Wie kann man sich selbst verwirklichen, was sich ja jeder wünscht? Man muss sich den Rufen des Lebens stellen und nicht versuchen, die Checklisten abzuhaken. Wir sollten uns vom Leben ins Leben hineinziehen lassen. Ist Ihr Buch nicht eine Zusammenfassung Ihrer Arbeit? Mein eigener Erkenntnisprozess ist ein kontinuierlicher. Was ich vom Leben verstehe, von dem, was ich gelesen habe, von meinen Begegnungen, von meinen Begegnungen mit mir selbst, das alles fließt hier ein. Einerseits wissenschaftliche Erkenntnisse, andererseits Begegnungen mit Patienten, mit Freunden, mit mir selbst. Gibt es bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die Ihnen auffallen? Eine besondere Rolle im Buch spielt die Verwöhnung. Vernachlässigung ist es, jemanden in seinen eigentlichen Bedürfnissen zu übersehen. Und ihn mit etwas anderem abzuspeisen. Der wird davon süchtig, denn süchtig werden wir immer von Verheißungen, die nicht eintreten. Von der Erfüllung wird man nicht süchtig. Es gibt zwei Arten der Vernachlässigung: die Verwöhnung und die Vernachlässigung im eigentlichen Sinn. Das ist auch ein gesellschaftliches Phänomen. Wir haben einen Sozialstaat, den ich wunderbar finde. Ich wünsche mir keinen Turbokapitalismus. Die negative Seite des Sozialstaats ist die Reduktion der Selbstverantwortung. Wenn wir die Selbstverantwortung reduzieren, entwürdigen wir die Menschen und sie entwürdigen sich selbst. Es gab den Fall eines jungen Mannes, der barfuß 65 den Traunstein besteigen wollte. Er kam dann nicht mehr weiter, verständigte die Bergrettung, der Hubschrauber musste kommen. Als ihm die Bergretter gesagt haben, er müsse den Flug wegen grober Fahrlässigkeit selbst bezahlen, wollte er nicht einsteigen, was er dann aber aufgrund des Zuredens der Bergretter doch tat. Ein wunderbares Beispiel von verwöhnten Menschen. Wir haben eine unglaublich verwöhnte Gesellschaft. Das führt dazu, dass wir von allem relativ viel und durchschnittlich haben. Wir haben viel Komfort im Leben und trotzdem entsteht ein tiefes Unbehagen. Es gibt keine Zufriedenheit. Das spürt man deutlich. Es braucht ein Umdenken. Wie kommt man aus der Verwöhntheit raus? Üblicherweise braucht es dafür relativ unsanfte (An-) Stöße. Die Frage ist, was tue ich mir mit der Verwöhntheit an? Übernehme ich Verantwortung? Taugt es mir, für mich selbst Verantwortung zu übernehmen, oder bleibe ich im Jammern und in der Frustration? Wenn genug Menschen auf dieselbe Weise frustriert sind, werden sie nach einem totalitären Regime heischen, weil sie endlich zufrieden werden wollen. Das ist eine Illusion. Zuerst werden die totalitären Regime bejubelt und dann gehen sie den Bach runter. Ich würde Ihnen gerne noch eine persönliche Frage stellen. Sind Sie gläubig? Glauben heißt, nichts wissen. Ich bin ein sehr religiöser Mensch. Was ist der Unterschied zwischen gläubig und religiös? Religio heißt rückverbunden. Ich fühle mich eigentlich mit der numinosen Sphäre sehr verbunden. Ich habe im Buch darüber geschrieben, dass man die religiöse Frage lieb haben muss. Um sie für sich selbst zu beantworten, nicht von der Institution Kirche her. Genau. Wie geht es Ihnen mit der römisch-katholischen Kirche? Sie ist ebenso in der Krise wie die gesamte Gesellschaft. Viele jungen Menschen sehen sich selbst als Christen, wollen aber mit der Kirche nichts zu tun haben und treten aus. Das ist für die Struktur der Kirche ein Problem. In der Bibel heißt es, ihr seid das Salz der Erde und nicht ihr seid der Teig der Erde. Vielleicht ist es nur eine Restrukturierung auf das, worauf es ankommt, nämlich Salz der Erde zu sein. Darum weiß ich nicht, ob die römisch-katholische Kirche in der Krise ist. Vielleicht hat sie sich zu viel entfremdet. Die katholische Kirche hat ihre Probleme, aber die Probleme sind teilweise durch die Protagonisten bewirkt, teilweise aber auch durch die Globalisierung. Wenn die deutsche Kirche etwas fordert, spalten sich die Afrikaner ab. So ein riesiger Dampfer ist sehr reformresistent. Es ist nicht einfach.