"Das Vermächtnis" von John Grisham: Sei umschlungen, Millionenerbe

Man kann sehr, sehr gerne Krimis lesen – und trotzdem finden, dass das Genre seit vielen Jahren auserzählt ist. Brütende Ermittler, fiese Mörder, tragische Schicksale; über viele Seiten versteckte Hinweise, die sich zu einem letztlich fruchtlosen Ratespiel zusammenfügen – alles, was man in diese Konstellationen pressen kann, wurde von Autorinnen und Autoren schon reingepresst. Da es aber nun mal eines der meistverkauften Genres überhaupt, somit wichtig für die Verlage und eine gute Riesennische für Autorinnen und Autoren ist, werden weiter Krimis geschrieben. Und wenn es ein bisschen schwierig ist zu erklären, was ein Buch eigentlich ist, wird es halt auch „Krimi“ genannt. Selbst bei einem Starautor wie John Grisham , der eigentlich etwas ganz anderes schreibt. Trauer und Gier „Das Vermächtnis“, so hieß es zur Buchbewerbung in den USA, ist der erste klassische Krimi von Grisham, bei dem die Suche nach dem Täter im Mittelpunkt steht. Das klingt einleuchtend, ist aber Unsinn. Es ist ein Buch über Trauer und Gier, und es ist ein weiterer Schritt von Grisham, mit dem er sein Stammgenre Justizthriller zum großen amerikanischen Roman weiterentwickelt. Er müsste ja nicht. Seit drei Jahrzehnten versorgt er seine Fans mit einem Bestseller nach dem anderen, mehr als 300 Millionen Bücher soll er verkauft haben. Da könnte man den Anspruch schon längst an der Garderobe abgegeben haben. Aber Grisham will etwas, das zeigte schon „Der Polizist“ (2021), und nun auch „Das Vermächtnis“. Die Story ist schnell umrissen, und geht auch ungefähr so weiter, wie man es sich gleich denkt. Simon Latch ist ein kleiner Anwalt in einer kleinen Stadt in einem großen Land, der sich kaum über Wasser hält. Bis eine reiche, etwas wirre Witwe zu ihm in die Kanzlei kommt – und er seine große Chance auf eine finanziell erfreuliche Zukunft sieht: Er verfasst ihr ein Testament, das es ihm als Erbverwalter ermöglichen würde, nach dem Ableben der Witwe einige Millionen an Anwaltsgebühren zu scheffeln. Das Problem ist nur: Sie stirbt prompt – unter Umständen, die für Simon Latch zum brandgefährlichen Problem werden. Nein, man braucht nicht mitzuraten, wer hier was angestellt hat, man kann es nicht wissen, bis ein hilfreicher Twist es offenbart. Grisham erzählt den Fall mit, die Essenz des Buches ist eine andere. Latch ist kein schmieriger Anwalt, sondern ein Mann der Zeit: Wie so vielen schwimmen ihm alle Felle davon, er blickt sich mitten im Leben um und sieht nur Ruinen. Das Hauptgeschäft von Latch sind nicht umsonst Insolvenzen und Testamente. Das große Abwärts Seine Ehe ist kaputt, und er und seine Bald-Ex müssen die Kinder durch das brutale Desaster hindurchleiten, das so scheinharmlos „Scheidung“ genannt wird. Bald wird er unter Druck kommen wegen der Gebühren, die er von der Witwe verlangt; in der nahen Großstadt verlangen sie das Vielfache. „Das Vermächtnis“ ist ein Buch über das große Abwärts von Heute, das innere, wirtschaftliche, geistige, emotionale Abwärts. Grisham skizziert eine Gesellschaft, die gerade aus dem amerikanischen Traum aufwacht, die im Großen wie im Kleinen keinen Halt mehr findet. Latchs Achterbahnfahrt, auf die ihn der große Autor schickt – das ist Grisham inzwischen – endet im Bewusstsein: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist selbst für die gehobene, studierte Mittelschicht längst der Weg nach oben verstellt, der rasante Weg nach unten aber frei.