Sehr geehrtes Kulturamt! Mit Amüsement beobachte ich, was rund um die Salzburger Festspiele passiert. Das ist großes Theater, eine veritable Weltenkomödie. Daher stelle ich bei Ihnen den Antrag auf die Vergabe eines Stückauftrages an irgendeinen mittelmäßigen Autor (ein guter wäre fast fehl am Platz), der aus all den Vorkommnissen einen schenkelklopferischen Theaterabend montiert, der im ersten Jahr nach der Intendanz von Markus Hinterhäuser an einer Provinzbühne rund um Salzburg zur Uraufführung gelangt. Helfen Sie doch mit, dieses Kleinod österreichischer Kulturgeschichte für die Nachwelt zu erhalten! Es grüßt Sie herzlich, N. B. *** Sehr geehrter N. B, vielen Dank für Ihr Schreiben und für Ihren Antrag, dessen postalisches Einlangen umgehend zu bestätigen wir uns hiermit erlauben (Geschäftszahl 10/2026). Allerdings sehen wir uns zur Ablehnung desselben gezwungen, allein schon darob, weil wir die Vorgänge in Salzburg nicht für komödientauglich, sondern als höchst dramatisch erachten. Ob es sich letzten Endes um eine Tragikomödie handeln könnte, darüber wären wir möglicherweise nachzusinnen gewillt. Jedenfalls sind am Ende alle Protagonisten beschädigt wie in bester Shakespeare-Manier (was auch Ihrem Ansinnen bezüglich eines dafür genügenden mittelmäßigen Autors widerspricht). Uns erinnert der Fall – da Sie ihn in einen literarischen Zusammenhang zu bringen bemüht sind – am ehesten an Thomas Bernhard, den großen Übertreibungskünstler, bei dem man auf den ersten Blick oft nicht glauben konnte, was er alles ersann, dessen Abrechnungen mit einer kleinkarierten Geisteshaltung sich jedoch letzten Endes zumeist als im Kern äußerst wahr herausstellten. Riesiger Skandal Der Bezug zu Bernhard resultiert nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, allein schon aus Werktiteln wie „Der Schweinehüter“, „Frost“, „Kälte“, „Die Jagdgesellschaft“, „Vor dem Ruhestand“, „Auslöschung. Ein Zerfall“ oder „Einfach kompliziert“. Vielmehr denken wir an die Uraufführung seines Stückes „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ im Jahr 1972 bei den Salzburger Festspielen, inszeniert von Claus Peymann. Theaterkundige könnten wissen, dass es da unter anderem um die Königin der Nacht geht. Sie haben aber vielleicht auch vernommen, dass die Weltpremiere zu einem der größten Skandale der Salzburger Festspielgeschichte erwuchs. Dies deshalb, weil Bernhard und Peymann darauf bestanden, dass am Ende des Stückes vollkommene Dunkelheit im Theater herrsche, also auch das Notlicht abgedreht werden sollte. Diese Anweisung wurde jedoch bei der Premiere von den Behörden unterwandert, es gab Licht – woraufhin alle weiteren Vorstellungen abgesagt wurden und der Fall vor Gericht landete. Was das nun mit Markus Hinterhäuser und dem Festspielkuratorium zu tun hat? Wieder einmal prallen künstlerische Verantwortung und politische Eingriffe heftig aufeinander. Wieder einmal droht eine langwierige juristische Aufarbeitung. Wieder einmal überlagern Streit und einbetonierte Positionen programmatische Inhalte. Und diesmal wird die Lokalpolitik auch damit konfrontiert, dass man einen Intendanten nicht so einfach austauschen kann wie jemanden in politischen Vorfeldorganisationen. Große Unklarheit Die Festspiele haben im Moment keine Gewissheit, wer sie nach diesem Sommer leiten wird. Die Festspiele haben eine Präsidentin, deren Vertrag (zumindest vorerst) definitiv ausläuft. Die Festspiele haben keine Schauspielchefin. Welcher seriöse Kulturmanager soll sich bei einer offenbar in Vorbereitung befindlichen Ausschreibung bewerben, wenn alles so unklar ist? Das Kuratorium wollte Hinterhäuser vorzeitig loswerden und die Vertragsverlängerung bis 2029 (oder sogar 2031) aufgrund einer missachteten Benimmvereinbarung nicht akzeptieren – ob zurecht oder nicht, lässt sich nur mutmaßen, weil bezüglich möglicher Verfehlungen nichts klar kommuniziert wurde. Es hat Hinterhäuser mit der Vergabe gelber oder roter Karten beschädigt – ohne ein Ausstiegsszenario zu haben. Es wollte Fakten schaffen, war aber letztlich nicht dazu in der Lage, willens oder mutig genug. Nun reden Anwälte miteinander – ob das sinnvoll bei künstlerischen Fragen ist? – und suchen eine Lösung. Man hat Hinterhäuser, dessen ursprünglicher Vertrag nach diesem Sommer ausläuft, angeboten, bis September 2027 zu bleiben. Er verfügt über einen Vertrag zumindest bis 2029. Wie könnte da wohl ein Kompromiss aussehen? Wo ist da der Notausgang? Hat schon jemand zum Beispiel vom Jahr 2028 gehört? Aber um Gesichtswahrung oder um Kunst geht es ja nicht. Wie hat doch Bernhard einst an den Festspielpräsidenten telegrafiert: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“ Salzburg befindet sich wieder im Notlicht-Modus.