Einen neuen Blick auf Gustav Klimt wirft eine Sonderausstellung im Medizinhistorischen Museum Josephinum, ausgehend von dem 1945 bei einem Brand zerstörten Fakultätsbild „Die Medizin“, einem der umstrittensten, innovativsten und zugleich visionärsten Werke des Secessionsmalers. In einer Rekonstruktion des ursprünglich für die Deckengestaltung des Festsaals der Universität Wien vorgesehenen Gemäldes mithilfe künstlicher Intelligenz aus dem Jahr 2024 ist die monumentale Komposition – zwölf mal acht Meter groß – an der Fassade des Anna Spiegel Forschungsgebäudes am AKH-Gelände zu sehen. Thema Leben und Tod Für die Schau „Gustav Klimt und die Medizin. Bilder zum Fluss des Lebens“ (26. 3. bis 28. 6.) „haben wir das Thema kunsthistorisch erweitert“, sagt Tobias G. Natter, Kurator und Autor des aktuellen Werkverzeichnisses aller Klimt-Gemälde, im KURIER-Gespräch. Das „mindestens genauso interessante“ Ölgemälde „Die drei Lebensalter der Frau“ (1905) thematisiert den Lebenszyklus mit den Phasen Kindheit, Mutterschaft und Alter. „Was uns bisher so gar nicht bewusst war: Dieses fundamentale Thema zum Kreislauf des Lebens zwischen Werden und Vergehen, Leben und Tod, interessiert Klimt sehr und ist ihm ein wichtiges Anliegen über 25 Jahre hinweg bis zu seinem Tod.“ Schon beim Frühwerk „Allegorie der Liebe“ sind im Hintergrund verstörende Masken, ein Totenkopf und dunkle Fratzen zu sehen. Klimts komplexeste Werke Dieses Thema zieht sich auch durch den Beethoven-Fries und das Gemälde „Die Hoffnung I“ mit dem Motiv einer hochschwangeren, nackten Frau. Und in der „Danaë“ geht es um Zeugung und Fruchtbarkeit. „Wir zeigen jetzt neben Zeichnungen rund 20 dieser Bilder. Sie sind Klimts komplexeste Werke“, so Natter. „Es gab schon viele Ausstellungen etwa zu seinen Frauenbildnissen und Landschaften. Aber zu den Lebensallegorien, zu den Darstellungen von Geburt, Leben und Tod, dieser zutiefst symbolistischen Idee, die ihn so sehr beschäftigt hat, gab es noch keine Zusammenstellung. Das präsentieren wir jetzt erstmalig und zeigen, wie Klimt konsequent großartige Bilder zum Fluss des Lebens geschaffen hat – in einer zusätzlichen Dimension, die man so noch nicht gesehen hat.“ Schon bei der Erstvorstellung der „Medizin“ 1901 entfachte das Gemälde einen „ästhetischen Bürgerkrieg“. Die Ausstellung öffnet darüber hinaus den Blick auf Klimts zahlreiche Lebensallegorien. Sichtbar wird so eine zusätzliche Dimension: „Wie eng Kunst, Wissenschaft und medizinischer Fortschritt in dieser Zeit miteinander verwoben waren und wie sehr dieser interdisziplinäre Dialog Klimts Werk geprägt hat“, sagt Markus Müller, der Rektor der MedUni Wien. Zu sehen sind auch medizinhistorische Exponate der Sammlung des Josephinums. „Unsere Sonderausstellung widmet sich erstmalig detailliert den profunden Kenntnissen über den menschlichen Körper, die Eingang in Gustav Klimts Werk gefunden haben“, sagt Josephinum-Direktorin Christiane Druml. Die Nähe zu prominenten Ärzten der um 1900 weltweit führenden Wiener Medizinischen Schule inspiriert den Maler, als er sich sezessionistisch neu erfindet. Der Anatom Emil Zuckerkandl lädt ihn im Sommer 1903 in die Prosektur ein, wo Leichen seziert werden. Ob Blutkörperchen oder Spermien: Auch der Blick durch das Mikroskop lässt ihn in die Welt biologischer Strukturen und organischer Formen die Kunstformen der Natur entdecken, die in die Entwicklung seiner Ornamente einfließen. Kaum bekannt und eine Entdeckung ist, dass naturwissenschaftliche Bücher Klimts Lieblingsliteratur waren. „Man sieht in ihm vor allem den Bohemien und Erotiker, den Künstler im Kittel und gefeierten Porträtisten der Wiener High Society“, so Natter. „Aber er war vor allem ein durch und durch melancholischer Mensch mit einem innigen Verhältnis zu den letzten Dingen.“ Im Jänner 1917 trifft Klimt Arthur Schnitzler, der ihn nach seinen Arbeiten fragt und die verblüffende Antwort im Tagebuch notiert: „Es war noch kein Tag, an dem ich nicht unglücklich war.“