KURIER
An heißen Sommertagen entscheidet oft ein Detail darüber, ob es sich in der Stadt aushalten lässt: Schatten. Bäume übernehmen dabei eine zentrale Rolle – sie kühlen, filtern die Luft und prägen das Stadtbild. Stehen Fällungen im Raum, sorgt das nicht selten für Kritik – wie sich derzeit in St. Pölten beobachten lässt: 26 Bäume und damit eine ganze Allee soll in der Heidenheimer Straße verschwinden. Die 90 Jahre alten Linden könnten nur noch höchstens zehn Jahre erhalten werden und würden bereits für Schäden an Straße sowie Gehweg sorgen, hieß es dazu aus dem Rathaus. Um herauszufinden, wie es um das Grün in einem Ort bestellt ist, werden laufend Inspektionen durchgeführt – etwa von Jürgen Weber . Der Sachverständige leitet die Abteilung Baumbegutachtung der Österreichischen Bundesforste . Wenn es um entsprechende Überprüfungen durch die Gemeinden geht, verweist Weber zunächst auf die geltende ÖNORM L 1122, die eine jährliche visuelle Regelkontrolle vom Boden aus vorsieht. Darüber hinaus wenden sich Gemeinden aufgrund konkreter Anlassfälle an die Bundesforste. „Es passiert immer wieder, dass Äste abbrechen oder Bäume umstürzen und es dann ins Bewusstsein gelangt, dass hier Sorgfaltspflichten und Verkehrssicherungspflichten entstanden sind“, so Weber. Restwandstärke Baumkataster schaffen Überblick über den Baumbestand. Das Verzeichnis enthält alle Bäume im öffentlichen Bereich und gibt Auskunft über ihren Zustand. Verpflichtend ist das Führen solcher Aufzeichnungen grundsätzlich nicht – viele Länder würden die Kommunen dennoch dazu anhalten, sagt Weber. Gibt der genaue Blick auf den Baum Grund zur Besorgnis, werden die nächsten Schritte gesetzt. Hier sei die Wahl der richtigen Methode wesentlich. In der Regel gehe es bei den Untersuchungen um die Restwandstärke. Gemeint ist die Dicke der gesunden, äußeren Holzschicht eines Stamms, wie Weber schildert: „Also, wie stabil ist der Baum noch? Ist der noch standsicher oder wird er beim nächsten Sturm versagen?“ In den letzten Jahren sei die Auftragslage bezüglich Katastererstellung und Baumuntersuchung tendenziell gleichbleibend. Einen großen Anstieg der Anfragen hat Weber jedoch nach einem Pappelsturz in St. Pölten 2008 beobachtet, bei dem eine 20-jährige Frau tödlich verletzt wurde. Der Fall ging bis vor den Obersten Gerichtshof. Die Stadt sei ihrer Pflicht zur Kontrolle alter Bäume nicht nachgekommen, hieß es damals. Der Vorfall hat mehrere Gemeinden gewissermaßen aufgerüttelt, wie Weber schildert. Unterschiede im Umgang Die Baumfällungen im Ortsgebiet seien in den letzten Jahren nicht angestiegen, sagt Werner Brandstetter , Landesgeschäftsführer des NÖ Gemeindebunds . Dazu beigetragen habe die 2024 eingeführte Neuregelung der Baumhaftung, die für mehr Rechtssicherheit sorge. Geschädigte müssen nun nachweisen, dass der Eigentümer seine Sorgfaltspflichten verletzt hat. Tendenziell sei damit der Druck, Bäume zu schneiden, eher gesunken, so Brandstetter. Fällungen in Ortsgebieten würden in der Regel von den Gemeinden nur mehr dann vorgenommen, wenn dies auch notwendig sei. Das heißt: wenn schonendere Maßnahmen, wie das Entfernen großer Äste oder Kronenschnitte, nicht mehr ausreichen. An besonders sensiblen Standorten, wie Kinderspielplätzen, Schulhöfen, Alleen, Straßen, Parkanlagen oder Friedhöfen, bestehe zudem eine höhere Sorgfaltspflicht. Laut Webers Erfahrung ist der Umgang mit Bäumen von Ort zu Ort unterschiedlich, die Qualität der Kontrollen innerhalb Niederösterreichs nicht ganz einheitlich: „Es gibt Gemeinden, die von den Ressourcen her sehr gut aufgestellt sind, die über einen entsprechend ausgestatteten Bauhof verfügen und über Mitarbeiter, die gut ausgebildet sind.“ Artenvielfalt notwendig Auch das Bewusstsein der für das öffentliche Grün verantwortlichen Personen spiele eine zentrale Rolle. Hier beobachtet er ebenfalls große Unterschiede. „Es gibt natürlich viele Verantwortliche, für die die einfachste Variante die Fällung ist. Und es gibt verantwortungsvolle Personen, die darauf achten, dass der Baumbestand so lange wie möglich gesund erhalten wird.“ Besonders in größeren Kommunen sei die Achtsamkeit gestiegen. Bäume sind unverzichtbar – mit Blick auf den Klimawandel und die steigenden Temperaturen umso mehr. Eine möglichst große Artenvielfalt sei hier entscheidend, so Weber. Zudem werden bei Neupflanzungen verstärkt resistente Baumarten bevorzugt. Wie widerstandsfähig diese tatsächlich sind, könne jedoch nur die Zukunft zeigen.
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