KURIER
Er war bisher unbescholten, am Dienstag stand der 29-jährige Österreicher vor Gericht. Er studiert Ernährungswissenschaften, die Bachelorarbeit fehlt noch, im Herbst will er Biochemie studieren. Derzeit lebt er noch bei seinen Eltern in Leopoldstadt. In weißen Sneakers, Jeans und hellem T-Shirt erscheint der Mann mit dunklen kleinen Locken im Saal 303 am Landesgericht in Wien, er bewegt sich sehr langsam, spricht sehr leise. „Aus gesundheitlichen Gründen“, wird sein Anwalt später erläutern, „Sie sehen ja, es geht ihm nicht gut.“ Der Angeklagte will von seinem Recht, Fragen nicht zu beantworten, Gebrauch machen. Hitler über Jahre hinweg glorifiziert Die Anklage ist heftig. Er soll über zumindest acht Jahre fortlaufend Hitler glorifiziert haben, indem er Sachen wie „Hitler was right“ und „Vergast die Juden“ gepostet hat. Nach dem 7. Oktober, dem Angriff der Hamas auf Israel, seien hasserfüllte israelfeindliche und antisemitische Postings immer mehr geworden. Das sagt der einzige Zeuge am Dienstag aus. Es handelt sich dabei um einen evangelischen Pfarrer aus Wien, der die Postings nicht stillschweigend stehen lassen wollte. Der Pfarrer ist umgezogen, seine neue Wohnadresse will vor Gericht nicht öffentlich sagen. Er schreibt sie auf ein Blatt Papier und übergibt dieses dem Richter. Pfarrer erstattet Anzeige „Wir kennen uns von der Volksschule“, erläutert der Pfarrer, deshalb habe er ihn auch kontaktiert, um mit ihm über diese Postings zu reden. Später habe er die Nachrichten auch der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst übermittelt. „Weil es von dort keine Reaktion gegeben hat, habe ich Screenshots gemacht und bei der Polizei Anzeige erstattet“, erinnert sich der Geistliche, der aber auch Chats vorlegt, in denen er seinen Schulfreund darauf aufmerksam macht, dass derartige Äußerungen strafbar sind: „Er hat gesagt, dass er das dann mit Satire erklären werde.“ Handy-Auswertung brachte weitere Anklagepunkte Der Polizei hat der Angeklagte sein Handy zur Auswertung zur Verfügung gestellt, nachdem die Anzeige eingelangt und er einvernommen wurde. Und die Ermittler sind fündig geworden. Seit 2016 gab es immer wieder Nachrichten, vor allem an den Bruder des Angeklagten, der von der Justiz gesondert verfolgt wird. Besonders zwischen 2022 bis 2024 sind unzählige Videos entdeckt worden, die den Nationalsozialismus verherrlichen und antisemitisch sind, so die Anklage. Der Angeklagte bekennt sich schuldig: „Ich möchte mich entschuldigen, ich habe das nur scherzhaft gemacht.“ "Bin kein Nazi" Und er holt einen klassischen Beweis dafür hervor, kein Nazi zu sein: „Ich verstehe mich mit dem Besitzer einer jüdischen Pizzeria bei mir ums Eck sehr gut.“ Dass der junge Mann kein Neo-Nazi sei, wie er sonst bei solchen Prozessen vor dem Richter sitze, fügte sein Anwalt noch bei. Der Richter kann der Verantwortung des jungen Mannes nicht folgen: „Seit 2016 schicken Sie den Nazi-Dreck weiter und jetzt sagen Sie, Sie haben nix damit zu tun?“ Angeklagter: „Wir haben uns über ganz viele Sachen lustig gemacht, da war auch das Thema dabei.“ "Was ist da lustig?" Richter: „Was ist da lustig?“ Das kann er nicht beantworten, sagt aber: „Ich schäme mich richtig dafür, in dem Moment habe ich nicht nachgedacht.“ Mit dem Pfarrer habe er sich getroffen, um sich ein Bild vom Konflikt zwischen Israel und Palästina zu machen. Dass der Pfarrer dabei Partei für Israel ergriffen hat, haben ihn geärgert, hat der Angeklagte in einer früheren Einvernahme angegeben. Der Richter spielt Videos vor, der Gerichtssaal wird mit NS-Propaganda überflutet. „Hitler was right“, dann ein Bild von Hitler, der den Davidstern abwehrt. „Wir wollen Hitler zurück, vergast die Juden, free Palestine“, rufen junge Männer auf dem Video, das der Angeklagte mit Smiley-Emojis und dem Kommentar „Diese Jungs haben es verstanden“ weitergeleitet hat. Der Richter verliest verächtlich machende Gedichte, verhetzend gegen Juden, er zeigt ein Video, in dem von einer globalen „jüdischen Täterschaft“ die Rede ist. Unfassbare Videos Der Richter stoppt das Video und hält fest: „Das brauchen wir uns nicht zu Ende anschauen, das ist alles eindeutig.“ Sogar Katzen kommen als Nazis in seinen Videos vor und propagieren ein goldenes Zeitalter für Arier, und er hat natürlich den Song: „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ Und folgenden Plan: „Eine U-Bahn bauen wir, von Jerusalem bis Auschwitz.“ Der 29-Jährige wurde schuldig gesprochen und zu einer bedingten Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt, das Urteil ist bereits rechtskräftig. Anderer Neo-Nazi am Montag vor Gericht Nicht rechtskräftig ist das Urteil gegen einen 50-Jährigen, der am Montag vor Gericht gestanden ist. Er hatte sich unter einem Tiktok-Beitrag der „Zeit im Bild“ „einen Maler wie Adi“ zurückgewünscht. Dafür wurde er zu einer bedingten Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt. Da weder der Angeklagte noch die Staatsanwaltschaft eine Erklärung abgaben, ist das Urteil nicht rechtskräftig.
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