KURIER
An diesem Samstag spaziere ich vor meinem Marktbesuch in den Wald, um den Salat gleich selbst zu pflücken. Von meinem Lieblingslokal in der Stadt inspiriert, soll es vor unserem Tarockabend ein gesunder Löwenzahnsalat werden, raffiniert mit Miso gewürzt, mit frischem Parmesan bestreut und mit herzhaften, knusprigen Erdäpfeln kombiniert. "Dem Löwenzahn bin ich seit Wochen auf der Fährte wie Jäger ihrer Beute", erzähle ich dem Liebsten, der heute ausnahmsweise frühmorgens mit mir unterwegs ist. "Geplant war das Thema schon für den April, doch dann kam der letzte große Schnee und hat die ersten zarten Pflänzchen unter sich begraben. Und auch im Mai ist es sich noch nicht ausgegangen – leben doch die jungen Frauen meines Fototeams in den Salzburger Bergen, wo der Frühling ein paar Wochen später eintrifft als bei uns." Aber ist das nicht das Reizvolle am Sammeln in der Natur – mit offenen Augen durch die Welt zu gehen? Gesagt, getan: Im lichten Unterholz erspähe ich Löwenzahnpflanzen , deren Blüten noch dottergelb leuchten, und pflücke die kleineren, zarteren Blätter. "Aus den Blüten könnten wir Löwenzahnhonig machen", komme ich trotz früher Stunde und nüchternen Magens in Fahrt. "Und überhaupt sollten wir viel öfter Wildpflanzen essen – mein neuester Spleen ist es, unser Mikrobiom zu füttern. Jeden Tag mehr Vielfalt auf den Teller, das ist so gesund!" Der Liebste stöhnt ein wenig und meint trocken: "Sehr schön. Und während dein Mikrobiom jubelt, verhungere ich. Erst einmal fahren wir ins Café und gönnen uns ein herzhaftes Frühstück." Dort duftet es nach Kaffee und frisch gebackenem Guglhupf, als uns die Mittlere schon von Weitem zuwinkt. Sie sitzt mit ihrer Familie am Ecktisch, unser süßes Baby schläft selig im Kinderwagen. Wir schnappen das Pipsi und ziehen als überstolze Großeltern weiter auf den Bauernmarkt. Da die Eisheiligen bis nächstes Jahr in ihr kaltes Reich verschwunden sind, können wir endlich Paradeiserpflanzen in die Töpfe setzen. Bunter Wiesensalat Zuhause ist der Salat in Windeseile fertiggestellt. Die Kochzeit der Erdäpfel habe ich zum Gärtnern genützt, die Marinade schmeckt ganz genau so, wie ich mir das vorgestellt habe, da lacht das Köchinnenherz. Die Freundinnen kommen und können nicht fassen, dass es heute Wiesensalat gibt. "Mit Misomarinade ", erkläre ich augenzwinkernd, "denn wir sollten auch jeden Tag ein wenig Fermentiertes essen." – "Na, da haben wir uns dann hoffentlich eine Nachspeise verdient", meint unser Freund mit einem Seitenblick Richtung Küche. "Bei mir gibt es immer was Süßes", antworte ich lachend und die cremige Erdbeertarte wandert auf den Tisch. Beim Tarock später wird gelacht, gezockt und getratscht – der Löwenzahn ist längst vergessen. Nur das Mikrobiom, so stelle ich mir vor, werkelt still vor sich hin.
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