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Hinter den Fassaden: Wie wir die Wiener Ringstraße NICHT kennen | Collector
Hinter den Fassaden: Wie wir die Wiener Ringstraße NICHT kennen
KURIER

Hinter den Fassaden: Wie wir die Wiener Ringstraße NICHT kennen

Weltstadt Wien. Knapp neun Millionen  Touristen besuchten Österreichs Hauptstadt im vergangenen Jahr.  Kaum eine Straße Europas ist so oft elegante Statistin in Filmen und Erzählungen wie die Wiener Ringstraße – mal als Bühne für große Oper, dann wieder als Kulisse für Agenten- und Liebesgeschichten. Wer hier entlangflaniert, sieht die bekannten, prächtigen Fassaden: Parlament, Rathaus, Staatsoper, Burgtheater. Stein gewordene Repräsentation, aufgeräumt, geschliffen, für den Blick gemacht. Was man nicht sieht: dass hinter diesen Fassaden eine zweite Stadt beginnt. Eine, die sich den menschlichen  normalerweise  entzieht. Sie liegt unter den Füßen der Besucher, über ihren Köpfen, hinter Türen, die nie offenstehen. Keller, in denen sich die Kälte hält wie ein Geheimnis. Verbindungsgänge, die plötzlich da sind und genauso plötzlich wieder verschwinden. Räume voller alter Maschinen, die nur wenige Eingeweihte verstehen, Dachböden, auf denen Staub nicht einfach nur liegt, sondern Zeit geworden ist. Expedition ins Unbekannte „Oben glitzern die Luster, alles drängt ins Rampenlicht. Unten ist es still und kühl, ohne Prunk und Publikum“, beschreibt Gabriele Kaiser die Situation im Vorwort zum Buch „Maschinenräume“, für das  sie mit der international bekannten Architekturfotografin Hertha Hurnaus und dem Autor Maik Novotny diese unbekannten, verschlossenen Orte besucht hat. „Zwölf Meter unter dem Wiener Null spielt es keine Rolle, welche Vorstellung oben gerade läuft  ... Diese Unmerklichkeit ist ihr Zweck, geht es doch in den geräuschempfindlichen Monumentalbauten vor allem um haustechnische Reibungslosigkeit, um zugfreie Frischluftversorgung, um lautlose Heizung und Kühlung“, fährt Ausstellungskuratorin und Architekturpublizistin Kaiser fort. Wie Forscherinnen besuchten sie und Hertha Hurnaus die „Luftmischräume“des Parlaments, die Bühnentechnik des Burgtheaters,  die Kuppelkonstruktionen der Hofmuseen, die Lüftungsanlagen von Rathaus und Parlament oder das Monturdepot der Hofburg, ein  perfekt erhaltener Umkleideraum der  Beschäftigten im Zentrum der imperialen Habsburger-Macht. Sie gingen durch geräumige Dachböden mit fragilen Eisenstegen, die dem Publikum ebenso verborgen bleiben wie die  verwirrenden und scheinbar unendlichen Kellerlabyrinthe aus Verbindungsgängen und Schächten. Und immer wieder entdeckten  sie wie willkürlich erscheinende und doch funktionale Ansammlungen von Hebeln, Rädern, Ketten, Klappen, Griffen, Rohren und Kurbeln. Tatsächlich sind es ausgewachsene mechanische Wunderwerke – denn als der auf dem ehemaligen Glacis errichtete Prachtboulevard vor 161 Jahren angelegt, und die repräsentativen Bauten errichtet wurden, barg deren Inneres praktisch sämtlichen technischen Innovationen auf der Höhe ihrer Zeit. Manches davon ist heute noch  in Benutzung, aus anderen Anlagen wurde ein faszinierendes Flickwerk aus alten und immer wieder schrittweise erneuerten technischen Geräten. Fast wie Indiana Jones? Eine eigene Welt, und eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, dass diese wie verwunschen wirkenden Orte mehr Raum einnehmen als die allseits bekannten prachtvollen Säle und Empfangsräume. In denen es oft nur eine unscheinbare Tapetentür ist, durch die man in dieses Reich, diese Gegenwelt, eintritt. Oder eintreten könnte, wenn man so wie Fotografin Hertha Hurnaus die Erlaubnis dazu hat. Kam in ihr eigentlich je Indiana Jones-Feeling hoch, in den Jahren, die sie in diesen alten Keller, Gängen und Dachböden verbrachte? „Es hat schon ein wenig von einer Expedition, stimmt“, sagt die Fotografin, „aber letztendlich  bleibt es für  mich dann doch eine fotografische Angelegenheit. Weil ich mich vor Ort ja mit der Frage auseinandersetze, wie ich das Gesehene ins Bild bringe.“ Ein Haus als Maschine Auf die Idee für dieses Buch hat sie 2017 ihre umfassende Dokumentation des Parlamentsumbaus gebracht. „Es sind natürlich Dinge, die langsam verschwinden. Im Parlament wurde  die komplette Lüftungsanlage neu gemacht. Haustechniker haben mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass sie im Burgtheater praktisch im Originalzustand erhalten ist. Das hat mich neugierig gemacht“, erklärt sie. Und tatsächlich funktioniert diese alte Technik im Burgtheater noch immer. Die Räume dafür sind riesig, wie man dem Bauplan, der im Buch abgebildet ist, entnehmen kann. Sie übertreffen den Publikumsbereich bei weitem. „Das war tatsächlich beeindruckend“, sagt auch Hertha Hurnaus, „diese Halle mit den riesigen Toren, all die Schächte, die in weitere Räume führen – das Gebäude selbst ist wie eine Maschine.“

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