KURIER
Bedacht hilft Reinhold Plankensteiner beim Anlegen der Steigeisen , erklärt das Fortbewegen am Gletscher, warnt vor den Spalten und nimmt dann alle in die Seilschaft. Es ist klar: Dieser Mann weiß genau, was er tut. Geboren 1952 und aufgewachsen im Tiroler Kaunertal , ist der ausgebildete Bergführer seit vielen Jahrzehnten nicht nur in seiner Heimat, sondern in Gebirgsmassiven weltweit als Guide unterwegs. Ehrfürchtig berichten halb so alte Sportskanonen von seiner Kondition, Kraft und Erfahrung, Reinhold lächelt dazu nur bescheiden. Am Fuße des Gepatschferner startet der Aufstieg zur Gletscherzunge, bei der gut zweistündigen Wanderung hin zum Eis erzählt der Bergfex von seinen Erlebnissen – wenn man ihn danach fragt: „Die Menschen, die ich begleite, haben sich sehr verändert. Auch auf dem Berg ist es stressiger geworden.“ Viele hätten Druck, bestimmte Ziele und Fotomotive zu erreichen. „Bei Gefahr drehe ich um“ Davon lässt sich Reinhold nicht beeindrucken: „Wenn es gefährlich wird oder ich bemerke, dass die Kondition nicht reicht bei manchen, drehe ich um. Da gibt es keine Diskussionen.“ Nicht nur die Menschen, auch der Gletscher hat sich verändert. Als Reinhold ein kleiner Bub war, reichte die graue Zunge noch viele Meter weiter ins Tal. Die Tour auf den Gepatschferner ist nur mit Gletscherausrüstung und Bergführer zu empfehlen. Das Ziel, die Rauhekopfhütte, ist über den Gletscher erreichbar. Was von der Ferne wie eine riesige Geröllhalde aussieht, ist bereits die beeindruckend dicke Eisschicht. Die Steigeisen knirschen und schenken festen Tritt, die Temperatur kühlt sofort um einige Grad ab, an kleineren und größeren Spalten navigiert der Bergführer die Gruppe sicher vorbei. Irgendwann hört das Geplaudere auf und alle wandern in Ehrfurcht vor diesem Naturereignis still vor sich hin. Immer wieder vergewissert sich Reinhold, dass das Tempo für alle passt. Nach etwa einer Stunde auf dem Eis beginnt der Aufstieg über Geröllhalden zur Rauhekopfhütte, die von jungen Menschen aus Deutschland ehrenamtlich bewirtschaftet wird. Das Haus gehört dem Deutschen Alpenverein, Sektion Frankfurt am Main. Zwanzig Schlafplätze gibt es. Nicht selten brechen Wanderer bereits weit vor Tagesanbruch auf, um den Sonnenaufgang auf dem Bergkamm mit Blick über den gesamten Gletscher zu erleben. Nach einer Stärkung geht es zurück zum Ausgangspunkt. Rund sieben Stunden, siebzehn Kilometer und tausend Höhenmeter später ist die Tour zu Ende. Sternderln schauen Das war aber noch lange nicht alles, was sich in der Region erleben lässt. Der kleine Ort Feichten ist der perfekte Startpunkt für Touren unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade ins umliegende Gebirge. Dort gibt es auch ein schönes Bad, das Quellalpin , das Winter wie Sommer genutzt werden kann und behindertengerecht gestaltet ist. Im Untergeschoß der Räumlichkeiten befindet sich eine informative, durchaus kritisch gestaltete Ausstellung zum Gepatschferner und dem Klimawandel allgemein. Wer Zeit hat, plant eine Nacht im Gepatschhaus , der ältesten Alpenvereinshütte in Österreich, ein. Hüttenwirtin Lena Tschögele samt Team schaukelt das erst kürzlich renovierte Haus mit dem imposanten Ausblick auf den Gepatsch Stausee. Dessen Errichtung in den Jahren 1961 bis ’64 prägte die Region wirtschaftlich und sozial stark. Von dort werden Nachtwanderungen mit Hobby-Astronomen angeboten. In völliger Dunkelheit wird ein Rundgang absolviert, gespickt mit Erklärungen zum Sonnensystem, den Sternbildern und Einblicken in die Geschichte der Astronomie. Die Tour endet an der Sternenschale, einem großen Gebilde aus Holz, das zum Liegen und Bestaunen des Nachthimmels gebaut wurde – ein außergewöhnliches Erlebnis. Düstere Aussichten: Der Gletscher zerfällt Für Bergfreunde zwei Generationen nach uns könnte es bereits schwierig werden, den Gepatschferner im Tiroler Kaunertal zu besteigen. Aktuell misst das Eis an seiner dicksten Stelle noch rund zweihundert Meter, die Lebenszeit ist aber begrenzt. Forscherteams haben, anhand der Entwicklungen bei benachbarten Gletschern, festgestellt, dass der Gepatschferner bis 2100 zerfallen wird – vorausgesetzt das Klima bleibt so, wie es derzeit ist. Schreitet die Klimaerwärmung weiter voran, kann es schon in dreißig bis vierzig Jahren so weit sein. Verlust von 50 Metern pro Jahr Mit einer Ausdehnung von 15,5 km 2 ist der Gepatschferner nach der Pasterze der zweitgrößte Gletscher Österreichs. Derzeit werden mehrere Forschungsprojekte am Gletscher umgesetzt, eines betrifft die fotografische Dokumentation der Veränderungen. Jeden Tag nehmen zwei Kameras je drei Bilder im Bereich der Gletscherzunge auf. In der Länge verliert der Gletscher durchschnittlich fünfzig Meter pro Jahr, ein mit freiem Auge sichtbarer Rückgang. Was das Verschwinden des Gletschers für die Region und die Natur vor Ort bedeutet, kann niemand abschätzen.
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