KURIER
Hier also soll alles begonnen haben. Hier, wo sich nächtlich heimlich drei Verschwörer trafen. Wo sich die Genossen den gegenseitigen Beistand schworen und sich verbündeten. Das soll der Nabel der Schweiz sein. Der Ursprung der Eidgenossenschaft. Der Beginn des Nationalmythos. Und dann ist da – nichts. Das Rütli ist einfach nur eine Wiese. Nicht mehr, nicht weniger. Dem symbolischen Ort der Verschwörung gegen die Habsburger fehlt alles, was das in barocker Erinnerungskunst geschulte österreichische Auge von solchen Orten erwartet. Es gibt kein Denkmal, keine Verzierungen und historische Schnörkel, keine Souvenirläden, die Wilhelm-Tell-Äpfel verkaufen würden, und keine mystische Aufladung des Ortes. Das nationale Denkmal der Schweiz ist einfach nur eine Bergwiese, ein metallenes, rot lackiertes „Schwurplatz“-Schild dient der sachlichen Verortung des Geschehens. Mehr ist nicht. Nun könnte man schulterzuckend weiterwandern, was interessiert mich der Rütlischwur, wenn es hier nichts zu sehen gibt? Doch die vorbildliche Erfüllung des Klischees Schweizer Nüchternheit erzählt mehr über den Charakter dieses Ortes, als es ein mit Goldstuck versehenes Mahnmal je gekonnt hätte. Seewandern So muss man sich hier nicht mit anderen Touristen um die Aussicht prügeln. Man wird nicht zum Selfie verleitet und kauft auch keinen Kühlschrankmagnet. Den Moment teilt man mit ein paar Vögeln, denen das Schild auch ziemlich egal ist. Man hat zwar nichts über die Geschichte, aber viel über Schweizer Understatement gelernt. Ein paar Meter unter der Wiese legt ein Schiff an, das einen über den Vierwaldstättersee bringt. Die Ufer sind an beiden Seiten steil und schroff, die Berge schieben sich fjordähnlich ineinander und die verzweigten Arme des Gewässers verengen sich wie zu mystischen Portalen, hinter denen andere Welten warten könnten. Überhaupt ist See-Berg-Wandern vielleicht die beste Form der alpinen Fortbewegung. Die Wege sind versöhnlich sanft und die Aussichten auf den See so schön, dass sich das Raunzen über Anstieg, Schweiß oder Knieschmerzen ohnehin unangemessen anfühlt. Berg der Queen Die Rigi ist nicht der schönste, höchste oder eindrucksvollste Berg der Schweiz. Trotzdem nennt sie sich Königin der Berge . Vielleicht, weil sich der Name vom Lateinischen regina ableitet. Vielleicht, weil sich im 19. Jahrhundert die Noblesse – und auch Queen Victoria – von Sänftenträgern den Berg hinauftragen ließ. Vielleicht, weil die Menschen irgendwann beschlossen haben, dass monarchische Würde nicht immer Größenwahn braucht. Auf der Rigi versteht man, was die luxuriöse Bescheidenheit der Schweiz sein soll. Der Tessiner Architekt Mario Botta hat hier mit dem Mineralbad Rigi ein architektonisch modernes Thermalbad (viel Licht, viel Stein, viel Wasser) in die Berge gestellt. Gebadet wird hier seit mehreren hundert Jahren, damals im „Kalten Bad“, heute im bacherlwarm aufgeheizten Quellwasser. Heute halten müde Wanderer ihre geschwollenen Füße unter den Massagestrahl des Whirlpools. Vor dem Außenbecken haben sich die Berge aufgestellt wie Butler, die einem ein Sektglas hinhalten wollen. Und wieder: Das Understatement übertrumpft trotzdem das Ausufernde. Was zählt, ist die Aussicht. Nicht die Ausstattung. Wer Almenkitsch sucht, wird ihn finden – kleeblütenkauende Kühe und Bergbauern mit dickem Bart. Wer Eleganz sucht und das Bergpanorama lieber Panorama sein lassen will, wird hier genauso glücklich. Statt nur Heumilchkäse in allen Aggregatszuständen, serviert man zum Abendessen auf der Rigi auch blumengespickte Guacamole mit Granatapfelkernen. Das Schöne entsteht uninszeniert. Es hat den See, die Sonne, die Almen und die Obstbäume. Und das reicht.
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