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Im Affekt: Friede, Freude, Weiterfluchen
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Im Affekt: Friede, Freude, Weiterfluchen

Weniger als ein Jahr ists her, dass der US-Rapper Kanye West einen Song mit dem unmissverständlichen Titel «Heil Hitler» herausbrachte, unterlegt mit Marschmusik und Originalauszügen aus einer Hitler-Rede. Als passendes Merchandise liess er mit Hakenkreuzen bedruckte T-Shirts verkaufen – und am Superbowl bewerben. Das war auch kein einmaliger «Ausrutscher», sondern hat seit Jahren Methode, Holocaustleugnung und Hassposts inklusive. Deshalb sind die neusten Meldungen doch einigermassen erstaunlich: Ye, wie er genannt werden will, möchte sich mit «Mitgliedern der jüdischen Gemeinde» von Grossbritannien treffen, um ihnen «zuzuhören». Per einseitigem Inserat im «Wall Street Journal» hatte sich der Trump-Buddy zuvor schon wortreich bei «denen, die ich verletzt habe» entschuldigt. Schuld an seinen Ausfällen sei eine bipolare Störung. Man muss allerdings anmerken, dass Wests Hitler-Komplex und Antisemitismus in dieser supponierten psychischen Krankheit auffallend kohärent geblieben sind. Aber eben: Schwamm drüber! Jetzt will Ye unbedingt nach London kommen und der Welt als Headliner des Wireless-Festivals seine «Show des Wandels» vorführen: «Einigkeit, Frieden und Liebe durch meine Musik». Allen, die nun finden, der zweifellos talentierte Musiker habe doch eine dritte oder vierte Chance verdient, empfehlen wir den Blick nach Deutschland zum Soulsänger Xavier Naidoo. Dieser ist, wie man in der Schweiz so schön sagt, im gleichen Spital krank wie Ye: rechtsradikale Ausfälle, Reichsbürgerverschwörungen, unverhohlener Antisemitismus. Auch er gab sich geläutert. Doch kaum streckte man ihm wieder ein Mikrofon hin, ging alles wieder von vorne los. Viele mahnende Artikel sind in den letzten Jahren erschienen und haben davor gewarnt, dass all die armen, vom woken Tugendterror Dahingerafften auf ewig gecancelt bleiben und nie wieder Fuss fassen würden in ihrem alten – oder einem neuen Leben. Aktuell scheint das Problem, mit Verlaub, eher umgekehrt zu liegen. Auch wenn die britische Regierung Wests Einreise vorläufig verhindert hat. Kanye Wests letzte Entschuldigungstournee (mit einem hebräischen Post auf Instagram und Auftritten an Gottesdiensten) ist übrigens gerade mal drei Jahre her.

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