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„Kreisky in Paris, Benya in Sofia, Bacher im ORF“
KURIER

„Kreisky in Paris, Benya in Sofia, Bacher im ORF“

Die Geschichte des österreichischen Fernsehens beginnt sehr österreichisch, nämlich mit einer Anekdote: Der legendäre ÖVP-Bundeskanzler Julius Raab hielt die 1955 gegründete Television für ein „Kasperltheater, in das eh niemand hineinschauen wird“. Also überließ er die Macht in dem neuen Medium den Roten, während seine Schwarzen die Herrschaft im Radio behielten. Geheimabkommen Als die Politiker der Volkspartei erkannten, dass der Bildschirm doch mehr als ein „Kasperltheater“ ist, bestanden sie auf gleichrangigen Einfluss, worauf die Große Koalition 1963 ein Geheimabkommen schloss, demzufolge jeder leitende Posten in Rundfunk und Fernsehen doppelt besetzt würde. Auf einen roten Abteilungsleiter kam ein schwarzer Stellvertreter und umgekehrt. Die „Packelei“ wurde dem damaligen KURIER-Chefredakteur Hugo Portisch zugetragen, der daraufhin gemeinsam mit anderen Zeitungen ein Volksbegehren mit dem Ziel initiierte, dem Rundfunk die politische Einflussnahme zu entziehen. Das Volksbegehren wurde von über 800.000 Österreicherinnen und Österreichern unterschrieben und 1966 von der nunmehrigen ÖVP-Alleinregierung unter Kanzler Josef Klaus umgesetzt. Bacher und Zilk Mit Gerd Bacher, dem ersten Generalintendanten des ORF, begann eine Ära, die Rundfunk und Fernsehen zu neuer Blüte verhalf, auch wenn die Besetzung weiterhin nicht ganz unpolitisch war: Wurde Bacher dem bürgerlichen Lager zugeordnet, so war der neue Fernsehdirektor Helmut Zilk ein Roter, aber keinem der beiden konnte man die nötige Kompetenz absprechen. Die politische Einflussnahme verstärkte sich, als mit Bruno Kreisky ein Alpha-Tier Bundeskanzler wurde, das ein zweites Alpha-Tier nicht ertrug: Um Bacher 1974 an der ORF-Spitze loszuwerden, wurde eine Rundfunkreform mit einem Kuratorium geschaffen, das einen neuen Generalintendanten zu wählen hatte: den Ministerialbeamten Otto Oberhammer, der von Radio und Fernsehen nur wenig Ahnung hatte. Der ORF-Zentralbetriebsrat und nachmalige TV-Intendant Ernst Wolfram Marboe erklärte später, wie es bei der Wahl Oberhammers zugegangen sein soll: „Es gab Indizien, dass Stimmzettel gekennzeichnet wurden, etwa durch Faltung oder die Reihenfolge der abgegebenen Stimmen. Später wurde die Situation durch die Einführung von Wahlzellen entschärft.“ 1978 traten Teile der SPÖ für Zilk als neuen Generalintendanten ein, während Gewerkschaftschef Anton Benya Oberhammers Wiederwahl präferierte. Geworden ist es weder der eine noch der andere, sondern einmal mehr Gerd Bacher. Die SP-Parteigranden hatten sich offenbar zu weit vom Küniglberg wegbewegt und das Intrigenspiel der zweiten Garnitur überlassen. Die Kärntner Tageszeitung erschien damals mit der Schlagzeile: „Kreisky in Paris, Benya in Sofia, Bacher im ORF“. „Auf Verrätersuche“ Die Roten gingen „auf Verrätersuche“, um zu ergründen, wer für den schwarzen Bacher votiert haben könnte. Adolf Frohner, Vertreter der bildenden Künste im Kuratorium, schwor „beim Augenlicht meines Sohnes“, nicht für Bacher gestimmt zu haben. Helmut Zilk zeigte wenig Verständnis dafür, dass der ORF „das einzige Unternehmen der Welt ist, in dem der Betriebsrat den eigenen Chef wählt“. Bacher blieb weitere acht Jahre, um 1986 von Teddy Podgorski abgelöst zu werden. Bei dieser Wahl wurden zwei schwarze Betriebsräte von Parteifreunden „beschuldigt“, für Podgorski gestimmt zu haben. Nach vier Jahren wieder abgewählt, zog sich Podgorski aus dem ORF zurück, um „auszupacken“: „Was sich da abgespielt hat, war beschämend. Da kamen Kuratoren und forderten Posten und Einfluss für Leute ihres Vertrauens. Wer hier nicht mitspielt, hat keine Chance, denn einer, mit dem man in Österreich nicht vorher alles auspackeln kann, ist denen suspekt.“ Auf Podgorski folgte die Ära Bacher III, womit „Teddys“ Vorgänger auch sein Nachfolger war. Bacher stand alles in allem fast 20 Jahre an der Spitze der „größten Medienorgel“ des Landes. 1993, in Bachers vorletztem Amtsjahr, führte eine Intrige auf bürgerlicher Seite aus vergleichsweise nichtigem Grund zum Karriere-Ende des langjährigen Fernsehintendanten Ernst Wolfram Marboe. Dieser hatte entgegen einer Anweisung des Generalintendanten die Premiere der Lehár-Operette „Die lustige Witwe“ von den Seefestspielen Mörbisch übertragen. Worauf Bacher ihn fristlos entließ. „Gegen das System ORF“ Als Monika Lindner, Ex-Generaldirektorin des ORF, im Jahr 2013 bei der Nationalratswahl für das Team Stronach kandidierte, wurde verlautet, sie würde als „Speerspitze gegen das System ORF“ eingesetzt werden. Das löste einen Wirbel aus, weil sie vom ORF eine hohe Pension bezog. Monika Lindner nahm dann das Mandat nicht an. Mittlerweile war die Ära Wrabetz angebrochen, in der Fritz Dittlbacher zum Fernsehchefredakteur ernannt wurde. Als Informationsdirektor Elmar Oberhauser gegen diese Bestellung protestierte, erhielt Oberhauser vom nunmehrigen Stiftungsrat die Kündigung. Wie sagte Julius Raab so schön: „Proporz is, wenn i ins Gebäude vom Rundfunk einikumm und plötzlich überall statt aner Hand zwa Händ schütteln muss.“ In diesem Fall hätte er gleich drei Hände schütteln müssen, denn Oberhauser war auf Intervention von Haiders BZÖ Informationsdirektor geworden.

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