KURIER
Früher gab es allein im 120-Seelen-Ort Felling drei davon, heute gibt es nur noch drei in ganz Europa: Die Rede ist von Perlmuttmanufakturen . Jene in Felling gibt es seit fünf Generationen und 115 Jahren, mit Aufs und Abs - und jede Menge Geschichten, die Firmenchef Rainer Mattejka mit Leidenschaft erzählt. Das Jubiläum der RM Perlmuttdesign Gmbh wird gefeiert: Die Saison hat am 1. April begonnen, von da an gibt es 115 Tage - also bis 24. Juli - 15 Prozent Nachlass auf den Eintrittspreis. „Es wird das ganze Jahr über Aktionen geben“, informiert Mattejka . 600 Perlmuttmanufakturen entlang der österreichischen Flüsse Felling ist eine Katastralgemeinde von Hardegg , der kleinsten Stadt Österreichs. Diese gehört zum Bezirk Hollabrunn , liegt geografisch aber im Waldviertel. „Man muss schon gezielt zu uns fahren“, erzählt Anita Mattejka schmunzelnd. In Felling gibt es vor allem viel Gegend - und den in Österreich einzigartigen Betrieb, der zu den Top-Ausflugszielen zählt. Neben den drei Perlmuttmanufakturen in Felling gab es im knapp sechs Kilometer entfernten Hardegg vier weitere. In Österreich waren es insgesamt 98 Betriebe, in Europa etwa 600. „Immer entlang der Flüsse“, erzählt der Firmenchef, in dessen Betrieb die Thayamuschel verarbeitet worden ist. „Mein Opa hat immer gesagt: Jeder dritte Keller in der Ottakingerstraße in Wien war ein Knopfdrechsler .“ Mit dieser Erinnerung schildert Mattejka, was aus den Muscheln hergestellt wurde: Knöpfe. Obwohl sich vieles gewandelt hat, ist das geblieben. Im Fellinger Betrieb werden nach wie vor Knöpfe für die Bekleidungsgeschäfte, vor allem für Maßanfertigungen, hergestellt. Ebenso wie Schmuck. Seit Talsperre: Keine Muscheln mehr in Hardegg „Die Thaya war so reich an Muscheln, dass viele Tonnen herausgeholt wurden“, weiß der 53-Jährige. Doch das war schlagartig vorbei, als die Talsperre im tschechischen Vranov (Frain) errichtet wurde. Diese wurde 1934 fertiggestellt. Zwei Mal pro Tag wird Wasser aus dem Staudamm in die Thaya abgelassen - und zwar von unten. Der Grenzfluss hat seitdem selbst im Hochsommer nur noch 12 Grad, davor waren es bis zu 22. „Seitdem gibt es keine einzige Muschel mehr in Hardegg.“ „Mein Großvater hat den Betrieb für 60 Mitarbeiter ausgebaut. Zwei Jahre später musste er sie alle entlassen und hat zehn Jahre allein weiter gearbeitet“ Rainer Mattejka / Geschäftsführer Drastischer Einschnitt nach Firmenausbau Ein weiterer harter Schlag für die Branche folgte in den 1960er Jahren. „Da kam der Plastikknopf auf, viele Betriebe mussten zusperren.“ Doch der Fellinger blieb. In den 1960er und 1970er Jahren hatte der Familienbetrieb sogar 50 Mitarbeiter, die pro Jahr sechs Millionen Knöpfe in Handarbeit hergestellt haben. Die Maschinen wurden von der Muskelkraft der Männer betrieben, die Frauen nähten die Knöpfe auf Karten auf. „Mein Großvater hat den Betrieb für 60 Mitarbeiter ausgebaut. Zwei Jahre später musste er sie alle entlassen und hat zehn Jahre allein weiter gearbeitet“, schildert der Geschäftsführer, wie drastisch der Einschnitt war. 1993 ist Mattejka, der eigentlich Uhrmacher werden wollte, ins Geschäft seines Großvaters eingestiegen. Bis dahin wurden dort nur Knöpfe produziert, mit Rainer Mattejka kam der Schmuck dazu. „2005 haben wir den Betrieb umgebaut.“ Ab da konnten Besucher die Perlmuttmanufaktur besichtigen. Im ersten Jahr waren es um die 1.000 Gäste, jetzt sind es 15.000. Der größte Perlmuttknopf der Welt steht in Felling Von 2005 bis 2022 wurde der Betrieb stetig ausgebaut und modernisiert. Es gibt einen Shop, eine spannende Ausstellung mit Werkzeugen - etwa eine Maschine aus dem Gründungsjahr 1911 - und Schmuckstücken, sowie den größten Perlmuttknopf der Welt mit einem Durchmesser von 5,3 Metern, der als Fotoplatz dient und einen Spielplatz mit einer Knopferlsandkiste. Hier muss der Geschäftsführer schmunzeln: „Da streu ich jede Woche 5.000 Knöpfe aus.“ Er habe aber bemerkt, dass immer mehr Erwachsene in der Sandkiste nach Perlmuttknöpfen gesucht haben. „Darum streu ich jetzt jede Woche auch 5.000 Knöpfe am Parkplatz aus.“ Bei Produktion fällt kein Gramm Abfall an Worauf der Tourismusstadtrat von Hardegg sehr stolz ist: „Wir produzieren kein Gramm Abfall.“ Fehlerhafte Teile werden sortiert, gebrochen und je nach Körnung weiterverarbeitet. Zu Schmuck oder auch zu Fliesen oder Arbeitsplatten für die Küche. Der Produktionsstaub wird abgesaugt und danach als Dünger verwendet. „2019 war ein tolles Jahr für Knöpfe, da haben wir neun Millionen hergestellt“, erinnert sich der Geschäftsführer. Im vergangenen Jahr waren es 1,5 Millionen Knöpfe für die Bekleidungsindustrie. Was ist passiert? Corona und das damit einhergehende Homeoffice. „Früher hat man in bestimmten Jobs fünf Hemden in der Woche gebraucht, heute vielleicht nur noch eines oder zwei“, weiß Mattejka. Was kann man mit Perlmutt noch machen, außer Knöpfe und Schmuck? „Alles“, lautet seine Antwort. Etwa den Bösendorfer-Schriftzug auf den Flügeln. Privatjets und Luxusyachten werden ebenfalls mit diversen Perlmuttdesigns ausgestattet. Hier arbeitet der Fellinger Betrieb mit der Firma F/List zusammen. Außerdem „restaurieren wir für viele Kunsthändler; Perlmutt gibt“s ja schon immer„. Filmreifer Perlmuttschimmer Immer wieder werden in Österreichs einziger Perlmuttmanufaktur Spezialaufträge erledigt. Im Vorjahr stellte Mattejka Casino-Jetons her, da der Film im Jahr 1906 spielt. “Sie wollten unbedingt echte Perlmutt-Jetons. Den Perlmuttschimmer bekommt man nur so.„ Woher bezieht das Familienunternehmen das Material? “Aus Indonesien und Australien. Wir kaufen ausschließlich Zuchtmuscheln.„ Indonesien? Da fällt einem der verheerende Tsunami im Dezember 2004 ein. Der hatte Auswirkungen bis ins Waldviertel: “Wir haben kein Material bekommen. Vieles war zerstört„, erinnert sich Mattejka. Der Preis ist ebenfalls gestiegen: Vor dem Tsunami kostete das Material 7 Dollar pro Kilo. Danach waren es 40 Dollar. Heute sind es 75. “Wir haben das beste Personal„ Die nächste Herausforderung wartet bereits: Eine chinesische Firma kaufe Knopfgroßhändler auf und produziere selbst. Mattejka betont: “Wir verkaufen sicher nicht. Um kein Geld.„ Er und seine Frau wollen mit den drei Mitarbeitern (“Wir haben wirklich das beste Personal.„) noch viele Jahre gemeinsam arbeiten.
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