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Louboutin bis Conchita: Wie Haare provozieren
KURIER

Louboutin bis Conchita: Wie Haare provozieren

Es sind Stücke wie ein auffrisierter High Heel, ein Werk von Botticelli oder eine lebensgroße, aus Holz geschnitzte Conchita-Wurst-Figur , die dem Münchner Kunsthallen-Direktor Roger Diederen beim Video-Interview ein vergnügtes Lächeln ins Gesicht zaubern. Den Schuh mit roter Sohle und stylischem Dutt hat er in der Werkstatt von Star-Designer Christian Louboutin in Paris entdeckt – und für die aktuelle Ausstellung „Haar – Macht – Lust“ als Leihgabe bekommen. Man denkt: wie gemacht für Lady Gaga oder Madonna. Doch für wen dieses Unikat kreiert wurde, bleibt streng geheim. High Heel mit Dutt: Was ist das? Entscheidend ist für Diederen: „Man steht davor und denkt sich: Was ist das? Und genau das liebe ich im Museum. Wenn ein Objekt etwas auslöst, wenn es einen kurz aus dem Gewohnten herauskippt. Das ist für mich Kunst. Und deshalb gehört dieser Schuh unbedingt in die Ausstellung“, sagt er. Dass sich aus etwas so Alltäglichem wie Haaren überhaupt eine Ausstellung entwickeln lässt, wirkt auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich. „Haare sind etwas ganz Banales, aber gleichzeitig auch zutiefst menschlich“, sagt Roger Diederen. „Genau das macht sie zu einem unglaublich wichtigen Kommunikationsmittel. Immer schon, in jeder Kultur, in jeder Religion, seit es Menschen gibt.“ Es geht hier um die großen Fragen: Wer sind wir? Wie sehen wir andere? Und warum reagieren wir so heftig auf scheinbar kleine Abweichungen? Eine reine „Feel-Good-Ausstellung“ ist das also nicht . Keine Haarspalterei: Von Glück und Ausgrenzung Haare haben eine besondere Kraft: Sie können Glücksgefühle, aber auch totale Abscheu hervorrufen und lassen sich politisch instrumentalisieren. Letzterem widmet sich ein Schwerpunkt – von der Hippie-Bewegung bis hin zur rassistischen Kategorisierung im Nationalsozialismus. Es wird sichtbar, wie eng Wahrnehmung und Macht miteinander verknüpft sind. Haare sind eben leider auch Mittel der Stigmatisierung und Abwertung. Wenn etwas nicht in unsere Muster passt, reagieren wir oft zuerst negativ. Aber wenn wir den Kontext kennen, verändert sich die Wahrnehmung. Roger Diederen, Kunsthalle München Wer hat Angst vor Haaren? Irritation sei dabei nicht das Problem, so Roger Diederen. „Die Frage ist: Was mache ich damit? Wenn ich etwas nicht verstehe, reagiere ich oft negativ. Aber wenn ich den Hintergrund kenne, verändert sich das. Man muss nicht alles gut finden. Aber man muss niemanden erniedrigen, nur weil er oder sie anders aussieht.“ Der Kunsthallen-Chef spricht offen darüber, wie stark das Thema bei den Vorbereitungen selbst im eigenen Team wirkte. „Es gab Reaktionen wie: „Wenn du das zeigst, bin ich raus“, erzählt er. „Es ist kein neutrales Thema. Da geht es sofort um persönliche Grenzen.“ Kunst am Kopf Es geht aber auch darum, was für einen selbst im Leben essenziell ist. Das zeigt die Künstlerin Laetitia Ky am eigenen Kopf: Sie formt aus Draht, Faden, Extensions und ihrem eigenen Haar skulpturale Frisuren, mit denen sie sich gegen Rassismus und patriarchale Gewalt wendet, und für Selbstermächtigung einsetzt. „Meine Haare wertzuschätzen, hat mir geholfen, auch andere Dinge zu schätzen, die mich Schwarz gemacht haben“, sagte sie 2022 dem The Guardian. Sprießend aus der Norm Seit der Antike sind Haare aufgeladen mit Zuschreibungen: Üppige Körperbehaarung galt als Zeichen des Unzivilisierten, als Nähe zum Tierischen, als Kontrollverlust. Gleichzeitig wurden sie zur Projektionsfläche für Angst und Abgrenzung. Menschen mit extremer Behaarung wurden bestaunt, vorgeführt, kategorisiert. Sobald das Haar dort sprießt, wo es das nicht tun sollte oder umgekehrt, spürt der Betrachter schnell einmal Unbehagen oder Irritation. Beides beginnt aus dem Blick heraus, der mit gelernten emotionalen Erwartungen gespeist ist. Ein Bild zeigt zwei Menschen von hinten, ihre langen Mähnen sind miteinander verknotet. Intuitiv liest man die Szene als besondere Verbundenheit zweier Frauen, bis sich herausstellt, dass es sich um ein heterosexuelles Paar handelt. Mähne für Männer, Bart für die Frau Eine andere Fotografie zeigt eine nackte Mutter mit Kind, die sich selbst einen Schnurrbart aufgeklebt hat. Was provokant wirkt, ist nur eine Hommage an ihren Vater. An anderer Stelle ist La Señora de Delicado de Imaz zu sehen. Das neoklassizistische Ölgemälde des Spaniers Vicente López Portaña ist wegen seiner realistischen Darstellung, in der nichts beschönigt wurde – auch nicht der Damenbart – berühmt. Das Betrachten dieser Werke löst etwas in einem aus, Fragen tauchen auf, vor allem dort, wo man sich zu sicher glaubte. Genau das ist das Konzept. „Wenn etwas nicht in unsere Muster passt, reagieren wir oft zuerst negativ“, sagt Diederen. „Aber wenn wir den Kontext kennen, verändert sich die Wahrnehmung.“ Dafür ist auch Conchita Wurst ein Beispiel: Die Kunstfigur hat am Song Contest 2014 auf der Bühne weit über die Grenzen hinaus begeistert. Doch wer im Alltag einen Menschen mit langen Haaren, Bart und Kleid sieht, ist vielleicht immer noch irritiert, da die Zuschreibung Mann oder Frau nicht eindeutig ist. Anstoß zum Nachdenken Zahlreiche solcher Verschiebungen sind in der Ausstellung zu sehen. Sie konfrontiert historische Schönheitsideale mit zeitgenössischen Positionen, religiöse Vorschriften mit individuellen Entscheidungen, kulturelle Normen mit persönlichen Ausdrucksformen. Immer wieder wird deutlich, wie eng das scheinbar Oberflächliche mit dem Inneren verbunden ist. Dabei bleibt alles bewusst offen. Es werden keine Antworten geliefert, vielmehr ist es eine Einladung. „Ich kann mit dieser Ausstellung die Welt nicht verändern“, sagt Direktor Diederen. „Aber ich kann zum Nachdenken anregen.“

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