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Mental Load: Unsichtbare Arbeit, sichtbare Folgen
KURIER

Mental Load: Unsichtbare Arbeit, sichtbare Folgen

Von Vanessa Halla In ihrem Raum in Oberwart sitzt Juliane Blinzer, 41 Jahre alt, konzentriert, wach, mit einer Präsenz, die den Raum füllt, ohne laut zu sein. Wer ihr gegenübersitzt, merkt rasch: Hier geht es nicht um schnelle Lösungen. Hier geht es um genaues Hinsehen. „Unser ganzes System baut auf Sorgearbeit auf. Und trotzdem behandeln wir sie, als wäre sie reine Privatsache.“ Juliane Blinzer / psychosoziale Beraterin Der Weg der psychosozialen Beraterin bis hierher war kein gerader. Geboren in Salzburg, begann sie als Elementarpädagogin, wurde später Sängerin, Live-Musikerin und Gesangspädagogin. Dann kam die Pandemie. Und mit ihr eine Zäsur, die viele Biografien veränderte, auch ihre. Auftritte wurden abgesagt, Kontakte reduziert. Gleichzeitig wurde die heute 41-Jährige Mutter. Eine Zeit voller Nähe, sagt sie rückblickend, voller Intensität. Aber auch eine Zeit, die einsamer wurde, als sie erwartet hatte. Sorgearbeit und System „Plötzlich war alles neu verteilt“, erzählt Juliane Blinzer, und meint damit eine Dynamik, die viele kennen, aber selten bewusst herbeiführen: Der Mann geht arbeiten, sie bleibt daheim beim Kind. „Das war eine superschöne Zeit, ich möchte sie keinesfalls missen! Aber dass der Cut so hart wird, damit hätte ich nicht gerechnet“, sagt die Frau, die auch sonst ausspricht, wovor sich noch immer viele scheuen. „Unser ganzes System baut auf diese Sorgearbeit auf. Und trotzdem behandeln wir sie, als wäre sie reine Privatsache.“ In ihren Beratungen begegnen Juliane immer wieder ähnliche Geschichten. Frauen, die den Alltag organisieren, die koordinieren, vorausdenken, erinnern. Wer kauft das Geschenk für die Oma? Wer weiß, ob die Regenjacke noch passt? Wer behält den Überblick über den Terminkalender? Das Entscheidende daran: Diese Arbeit ist unsichtbar. „Helfen klingt gut, bedeutet aber oft: keine Verantwortung übernehmen.“ Juliane Blinzer / über Care-Arbeit „Viele Paare sind bemüht, ihre Aufgaben fair aufzuteilen. Auf dem Papier mag das stimmen. Beide arbeiten, beide übernehmen Aufgaben. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich meist ein anderes Bild. Während der Mann einzelne Aufgaben erledigt, trägt die Frau oft die Hauptverantwortung für das große Ganze. Sie plant, strukturiert, denkt voraus“, weiß Juliane Blinzer Mythos vom Helfen „Meistens höre ich von den Männern, dass sie ihrer Frau daheim eh helfen, wo es geht. Aber ,Helfen‘ ist hier sogar genau das richtige Wort! Denn wer hilft, übernimmt eine Rolle, aber keine echte Verantwortung. Helfen bedeutet, auf Anweisungen zu befolgen. Verantwortung hingegen, eine Aufgabe komplett vollständig zu übernehmen! Das ist ein großer Unterschied!“ In ihrer Arbeit als psychosoziale Beraterin schafft sie Räume, in denen genau das wertfrei ausgesprochen und Dynamiken sichtbar werden dürfen. Es geht nicht darum, fertige Lösungen zu präsentieren. Es geht darum, zuzuhören. „Zu mir kommen Frauen, Mütter, völlig erschöpft. Und glauben trotzdem, sie müssten nur noch besser werden. Effizienter, organisierter, belastbarer.“ Für Blinzer ist klar: Das Problem liegt nicht bei der Einzelnen. „Das ist kein persönliches Versagen“, sagt sie. „Das ist ein strukturelles Thema.“ Eine Feststellung, die entlastet – und gleichzeitig fordert. Denn sie verweist über das Private hinaus. Auf politische Rahmenbedingungen, auf Arbeitsmodelle, auf Betreuungsangebote. „Eine Mutter kann nur so viel arbeiten, wie sie Betreuung hat“, erklärt Juliane. „Und dann wundern wir uns, warum so viele Frauen nur Teilzeit arbeiten können?“ Ein einfacher Zusammenhang, der in vielen Diskussionen erstaunlich oft übersehen wird. Dabei geht es ihr nicht um Schuldzuweisungen. Nicht um ein Gegeneinander, sondern um ein besseres Verständnis von Miteinander. „Viele Paare haben keine Vorbilder“, sagt sie. „Wie sollen sie es anders machen?“ Veränderung beginnt für sie im Alltag, in kleinen Verschiebungen. Ihr eigener Sohn wächst mit einem anderen Modell auf. Mit einem Vater, der nicht nur „hilft“, sondern Verantwortung trägt. Der Teil des Familiensystems ist, nicht Unterstützer am Rand. „Mikrofeminismus“, nennt sie das. Keine großen Gesten, sondern viele kleine Entscheidungen, jeden Tag. Und doch ist es ein anstrengender Prozess. „Manchmal denke ich, es wäre einfacher gewesen, das alles nicht zu hinterfragen“, sagt Juliane und lacht. Ein kurzes, ehrliches Lachen. „Aber dann sehe ich wieder, warum es notwendig ist.“ Denn die Themen, über die spricht, sind überall. In Beziehungen, in Familien, in den unscheinbaren Routinen des Alltags. „Mental Load verschwindet nicht, nur weil man ihn nicht benennt. Aber es verändert sich alles, wenn man beginnt, ihn zu erkennen.“

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