KURIER
Jeden Morgen macht mein Handy „Plöpp“. Es serviert mir dann mit der Zärtlichkeit eines Steuerbescheids meine Bildschirmzeit vom Vortag. Ich liege noch im Bett, halb Mensch, halb zerknittertes Leintuch, wenn das Tribunal zusammentritt: der innere Kritiker und der Smartphone -Verräter. Sie formieren sich zum Bündnis: Das macht dich krank! Dein Hirn ist auf dem Weg von Brain Fog Richtung Spät-ADHS aus Eigenverschulden. Spätestens beim Kräutertee hadere ich mit meinem schlechten Gewissen. Und während ich auf meine rechte Hand schiele, ob dort womöglich schon erste Anzeichen einer Wisch- Arthritis erkennbar sind (ein kleiner Fingerbuckel, eine Sehne mit Burn-out, irgendetwas in der Richtung), denke ich daran, wie nett es sein kann, sich auf Instagram in seriös-hochrelevanten Kanälen wie „Spektakuläre Flugzeuglandungen“, „Lustigste Hundevideos aller Zeiten“ herumzutreiben. Oder bei Leuten zu verlieren, die ihren Matcha Latte mit einer Ernsthaftigkeit zubereiten, als würden sie bei einer Herz-OP assistieren. Aber ja: Es muss nicht alles pathologisiert werden, manches ist einfach gepflegte Zeitvernichtung. Nun ist eine neue Studie in mein Leben geschrammt, die irritiert: Das Problem sind weniger die Gesamt-Bildschirmminuten, sondern die vielen Mikro-Checks . Sekunden da, Sekunden dort. Das dauernde Anklopfen an die Welt. Es ist also weniger der digitale Langstreckenlauf, der fertig macht, sondern das nervöse Herumstolpern in 43-Sekunden-Häppchen. Gesundheit kommt inzwischen nicht mehr als Zustand daher, sondern als digitale Selbstbeobachtung. Noch ein Check. Noch ein Wert. Noch ein Signal, dass was nicht passt. Und noch ein Check Da machte es bei mir nicht plöpp, sondern: Moment! Denn das Smartphone ist längst nicht mehr nur Ablenkungsmaschine, sondern Kommandozentrale der Selbstoptimierung . Schlaftracker benoten die Nacht, Schrittzähler finden, da ginge noch was, Pulsuhren melden Auffälligkeiten, Atem-Apps erinnern ans Atmen. Ausgerechnet das, was uns angeblich gesünder machen soll, verführt zu genau jener zerstückelten Daueraufmerksamkeit, die laut Studie so erschöpft. Welch Ironie: Wir kontrollieren uns pausenlos, um uns besser zu fühlen, und merken gar nicht, dass genau das an die Substanz geht. Gesundheit kommt inzwischen nicht mehr als Zustand daher, sondern als digitale Selbstbeobachtung. Noch ein Check. Noch ein Wert. Noch ein Signal, dass was nicht passt. Hm. Früher war das Telefon ein Ding, mit dem ich gerne tratschte, unter dem strengen Blick der Mutter, die wegen der Rechnung Schnappatmung bekam. Heute trage ich die ganze Welt in der Hand, samt Schlaflabor, Fitnesscoach , Ernährungsberater und Gesundheitsbehörde. Ein Fortschritt, gewiss. Aber vermutlich besteht Gesundheitskompetenz auch darin, sich zwischendurch in Ruhe zu lassen, nicht jedem „Plöpp“ zu folgen, nicht jede Kurve zu kontrollieren. Sonst kommt am Ende bei der ewigen Suche nach dem gesünderen Leben vor allem eines heraus: ein ziemlich erschöpfter Mensch mit hervorragend dokumentierten Vitaldaten.
Go to News Site