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Professor Reichl: „Preise für  Energie werden hoch bleiben“
KURIER

Professor Reichl: „Preise für Energie werden hoch bleiben“

Johannes Reichl ist Professor für Energiewirtschaft und Leiter des Future Energy Lab an der Linzer Johannes-Kepler-Universität. Zudem ist der 46-jährige Linzer wissenschaftlicher Leiter der Abteilung Energiewirtschaft an der außeruniversitären Einrichtung Energieinstitut. KURIER: Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Preise für Energie wieder explodieren lassen. Welche Konsequenzen sollten Europa, Österreich und Oberösterreich daraus ziehen? Johannes Reichl: Wir müssen uns von fossilen Importen unabhängig machen. Für die Wirtschaft sind nicht nur hohe, sondern auch volatile Preise schlecht. Selbst wenn wieder Phasen kommen, in denen die Energie billiger wird, wird die Volatilität bleiben. Das tut uns langfristig extrem weh. Die eigentliche Gretchen-Frage ist, schaffen wir den Ausstieg bis 2040 oder werden wir, was wahrscheinlich realistisch ist, länger brauchen? Die EU sagt, CO2-frei bis 2050. Die EU sagt 2050, Österreich hat 2040 festgelegt. Aus der energiewirtschaftlichen Sicht ist die Abhängigkeit von den Fossilen das echte Thema, das Schwierigkeiten macht. Die Frage ist das Wie? Sollen wir sehr radikal vorgehen und uns Möglichkeiten einfallen lassen, das sehr schnell und um jeden Preis runterzubringen? Oder sollen wir versuchen, das mehr im Gleichklang mit den anderen westlichen Ländern zu machen? Was ist dafür notwendig? Um von den fossilen Energieträgern runterzukommen, benötigen wir verschiedene Mechanismen. Wir haben uns in der Energiewende bisher nicht klug verhalten. Wir haben die Vorteile nur einem eingeschränkten Personenkreis zugänglich gemacht. Die Förderungen sind bisher an Menschen gegangen, die viel haben. Zum Beispiel die Förderung für Elektroautos, die erheblich in Dienstautos geflossen sind. Ein Dienstauto bekommt aber nur der, der eine Führungsfunktion hat. Die Förderung für Photovoltaik-Anlagen, Gasheizungstausch oder Wärmepumpen kommen Leuten zugute, die wirtschaftlich besser unterwegs sind. Es wurde vernachlässigt, die anderen mitzunehmen. Es kommt dadurch zu Gegenbewegungen, die wir quer durch Europa haben. Viele Menschen sehen nur die teuren Energiepreise und sie sagen, das arbeitet gegen mich. Die Klimaschützer haben argumentiert, die Sonne kostet nichts. Es ist nie offen kommuniziert worden, dass die Klimawende zu Verteuerungen führt. Es gibt nun eine Ernüchterung. Es gibt eine große Ernüchterung. Es stimmt schon, dass die Sonne nichts kostet, aber das, was mit der Sonne verbunden ist, kostet extrem viel. Ich denke an den Ausbau der Stromnetze, der bis 2040 rund 20 Milliarden Euro kostet. Wir müssen die Speicher massiv ausbauen. Das tun wir zum Großteil wegen der erneuerbaren Energien. Die Netzbetreiber müssen die Investitionen auf den Strompreis umschlagen und das führt zu höheren Tarifen. Die Stromproduktion ist bis 2040 zu verdoppeln. Diese Zahlen haben wir so prognostiziert. Wir sehen nun aber einen langsameren Anstieg des Stromverbrauchs als wir gerechnet haben. Das ist dem geschuldet, dass der Strompreis deutlich höher ist, als wir geglaubt haben. Und die Konsumenten eher sparen. Die Umstellung der Industrie, die sagt Gas raus, Strom rein, und der Haushalte, die sagen Benzinautos raus, E-Auto rein, geht langsamer vor sich. Der Anstieg ist noch nicht so da, aber der Stromverbrauch wird sich verdoppeln. Wir müssen die zusätzliche Produktion hinbekommen. Gleichzeitig müssen wir den fossilen Energieverbrauch reduzieren. Wir werden aber in den nächsten zwei Jahrzehnten ohne Gaskraftwerke zum Ausgleich der Erneuerbaren nicht auskommen. Die Strompreise sind hoch, weil sie nach dem Merit-Order-Prinzip festgelegt werden. Ist der Gaspreis hoch, ist auch der Strompreis hoch, weil Gaskraftwerke Strom produzieren. Wir brauchen sie, um die Instabilität von Sonnen- und Windenergie auszugleichen. Das Merit-Order-Prinzip orientiert sich am teuersten Produzenten. Den Reibach macht der, der geringe laufende Kosten hat, wer Strom aus Sonne, Wind oder Wasserkraft gewinnt. Damit die Stromproduzenten viel Geld verdienen, muss die Merit-Order beim Gas stehen bleiben, damit sie mit den Gas-Strompreisen ihre Investitionen reinbekommen. Das hat zwei Konsequenzen. Je weniger Stunden wir im Jahr den fossilen, teuren Strom produzieren, desto weniger verdienen Wind und Sonne. Das ist ein Argument dafür, dass man sie fördern muss. Wenn man überhaupt kein Gas mehr hätte, würde der Preis extrem niedrig stehen bleiben. Sonne und Wind hätten dann Schwierigkeiten, mit den niedrigen Preisen ihre Investitionen hereinzubekommen. Das Abgehen vom Merit-Order-Prinzip bedeutet einen Rückschlag für Wind- und Sonnenenergie? Das Prinzip würde bleiben, aber die Anzahl der Stunden, in denen die Energieproduzenten richtig Geld verdienen, weil das Gas den Preis macht, ist ein Rückschlag für Sonne und Wind. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man sie noch stärker wird fördern müssen. Das ist paradox, denn man sagt, je weiter wir mit der Energiewende vorwärtskommen, umso billiger wird der Strom. Aber damit investiert wird, muss den Investoren eine Rentabilität in Aussicht gestellt werden. Das funktioniert momentan über Förderungen, die in irgendeiner Weise auch wieder bei uns aufschlagen. Ich sehe momentan wenig, wie wir langfristig ohne dieses Merit-Order-System auskommen. Das heißt, die Preise werden hoch bleiben? Die Preise werden hoch bleiben. Für den Strom in jedem Fall. Für das Gas vermutlich auch . Für das Gas vermutlich auch, weil der internationale Markt eher im im Wachsen begriffen ist. Beim Gas hat man oftmals die Chance, ganz raus zu gehen. Wird der Strom billig, könnte man sagen, schauen wir, dass wir vom Gas wegkommen. In der Industrie wird das wahrscheinlich nicht vollständig funktionieren, aber auf der Ebene der Haushalte könnte man das gut erreichen. Wir haben In Österreich jetzt wenige Gaskraftwerke. Wenn sie durch Sonne und Wind immer stärker rausgedrängt werden, dann werden diese auch immer weniger rentabel. Wir sind jetzt schon an einer Schwelle, wo viele in Europa nicht mehr bereit sind, in Gaskraftwerke zu investieren. Das Jahr hat 8.760 Stunden. Wenn ein Gaskraftwerk nur mehr 500 Stunden im Jahr läuft, bekommt der Investor die Investition nicht rein. Das hat bereits dazu geführt, dass in 14 europäischen Ländern der Bau von Gaskraftwerken staatlich gefördert wird. Das ist eine skurrile Situation, indem man auf der einen Seite Sonne und Wind fördert und auf der anderen Seite Gaskraftwerke. Das bedeutet, dass die Investitionen in die Energieproduktion über den Markt alleine kaum noch finanzierbar sind. Bedeutet die jetzige Krise einen Schub für erneuerbare Energien? Das ist sicher der Fall, vor allem dort, wo man die fossilen Kosten reduzieren kann. Wer selbst eine Photovoltaik-Anlage hat, wird bei den Netzkostenbeiträgen extrem gefördert, auch wenn es nicht so aussieht. Die Netzkosten werden durch die Photovoltaik höher, weil man mehr Netze und Speicher braucht. Den Benefit der Photovoltaik-Anlagen (PV) müssen jene bezahlen, die keine PV-Anlage haben. Aufgrund dieser Mechanismen gibt es einen PV-Boom, die Leute drängen da rein, jene, die die Möglichkeit haben, werden mehr Elektroautos kaufen. Jede fossile Krise hilft kurz- und mittelfristig den erneuerbaren Energien. Langfristig ändert sich erst dann etwas, wenn wir gewisse Systeme hinterfragen, bzw. uns Mechanismen überlegen, wie wir weitere Preiseskalationen verhindern können. Schöpft Oberösterreich alle Möglichkeiten erneuerbarer Energien aus? Oberösterreich ist in vielen Bereichen extrem gut dabei. Die voestalpine wird nächstes Jahr ihren Elektrolichtbogenofen starten. Das ist schon ein gewaltiger Beitrag, über den sich andere Stahlwerke in Europa noch nicht drüber trauen. Oberösterreich ist stark dabei, Wasserstoff als Lösung zu analysieren, um ihn für die Industrie nutzbar zu machen. Wann ist Wasserstoff tatsächlich verfügbar? Kostenseitig sind wir bei Wasserstoff immer noch hoch. Er ist noch zu teuer, damit der Markt sagt, ich will Wasserstoff. Wir versuchen, die Infrastruktur vorzubereiten. In der Mobilität sehen wir den Wasserstoff nicht mehr, auch nicht bei den Lkw. Wir haben noch keine andere Idee, wie wir eine saisonale Speicherung von Sonne anders zustande bringen als über Wasserstoff. Das spricht für Wasserstoff. Es gibt auch die entsprechenden Speicher. Wir können in Oberösterreich in den ehemaligen Erdgasspeichern unglaubliche Mengen an Wasserstoff speichern. Damit hätten wir ein bisschen ein Alleinstellungsmerkmal in Europa. Wir können den gespeicherte Wasserstoff idealerweise re-verstromen, sodass wir ein bisschen einer Batterie gleichen. Das ist eine Strategie, die wir verfolgen, um das Stromsystem im Winter zu stabilisieren. Wir brauchen im Winter stundenweise noch bis zu 40 Prozent Erdgas. Das ist viel im Vergleich zum Sommer, wo wir gar kein Erdgas benötigen.

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