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Die Bauchweh-Biennale von Venedig: Kunstfestival vor Zerreißprobe | Collector
Die Bauchweh-Biennale von Venedig: Kunstfestival vor Zerreißprobe
KURIER

Die Bauchweh-Biennale von Venedig: Kunstfestival vor Zerreißprobe

„Wenn die Welt die Lautstärke aufdreht, bleibt nur ein Weg, um zu kommunizieren: Man schafft eine leise Zone, um zuzuhören – intim, einladend, menschlich.“ Das programmatische Statement des Biennale-Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco klingt versöhnlich – hätte der von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bestellte, seit 2024 amtierende Ex-Publizist nicht zugleich die Lautstärke der Debatte aufgedreht. Unter dem Motto größtmöglicher Offenheit hatte Buttafuoco das Teilnehmerfeld der Kunstbiennale, die kommende Woche zunächst als Branchentreff der Kunstwelt dient und am 9. Mai offiziell eröffnet wird, ausgeweitet. Statt 88 Ländern im Jahr 2024 sind heuer 99 dabei. Darunter auch der Iran, Israel und – wieder – Russland. Russland entzweit Die Teilnahme des seit Beginn des Ukraine-Angriffskrieges 2022 geächteten Staates war seit Langem geplant: Italienische Medien deckten einen Mailverkehr des Biennale-Büros mit der Kommissärin Anastasia Karneeva auf, in denen es etwa um die Ausstellung von Visa ging. Karneevas Vater ist übrigens ein Ex-Geheimdienstler und Vorstandsmitglied des russischen Rüstungskonzerns Rostec, ihre Geschäftspartnerin ist die Tochter des Außenministers Sergej Lawrow. Auf die Bekanntgabe der Teilnahme folgte Protest, u. a. in Form eines offenen Briefs, der von 22 europäischen Kulturministern, darunter auch Andreas Babler (SP), unterzeichnet wurde. Die EU kürzte eine Förderung der Biennale in Höhe von zwei Millionen Euro (die allerdings erst 2028 schlagend wird), und Italiens Kulturministerium entsendete Beamte, um die Abläufe im Hinblick auf die Konformität mit EU-Sanktionen zu prüfen. Jury trat zurück Die Biennale setzte Gesten des Zurückruderns: So soll der russische Pavillon nun nur während der Vernissage-Tage geöffnet bleiben. Danach soll das Publikum nur mehr Gelegenheit haben, Videoaufzeichnungen durch die geschlossenen Türen zu beobachten. Als die Jury bekannt gab, dass sie Länder, gegen die ein Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) anhängig ist, nicht in die Auswahl der Goldenen und Silbernen Löwen nehmen würde, verschärfte sich der Konflikt aber noch mehr. Mit der Jury-Entscheidung fällt auch Israel aus dem Reigen der Preisanwärter hinaus – was wenig überraschend Israel empörte und den Aktivisten, die schon bei der Biennale 2024 gegen eine Beteiligung Israels Sturm liefen, nicht genug war. Am Donnerstag trat die Jury schließlich geschlossen zurück. Damit wird es zur Eröffnung keine Preiszeremonie geben: Die „Löwen“ sollen erst im November als Publikumspreise vergeben werden – ob auch noch eine Jury eingesetzt wird, ist unklar. Gaza-Konflikt wirft Schatten Damit verlängert sich eine Debatte um die nationalen Pavillons, die bereits im Vorfeld brodelte. Südafrikas Beitrag „Elegy“ wurde vom Kulturministerium des Staates zurückgezogen, weil die Arbeit, die Parallelen zwischen Genoziden und Femiziden in Afrika und der Situation in Gaza zieht, als zu „spaltend“ wahrgenommen wurde. Die Künstlerin Gabrielle Goliath zeigt das Werk nun abseits der Biennale in einer Kirche nahe dem Arsenale-Gelände. Auch Australiens Pavillon war zwischenzeitlich „gecancelt“ worden: Der Künstler Khaled Sabsabi hatte in einem dafür produzierten Film ein Statement des einstigen Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah integriert. Nach Protesten wurde der Beitrag jedoch wieder zugelassen. Kunst und Tiernahrung Die USA, im Ausstellungspark unmittelbar neben Israel postiert, haben indes nur gegen Irrelevanz zu kämpfen: Das übliche Auswahlprozedere, bei dem prominente Kuratoren und Museumsleute involviert waren, wurde unter der Trump-Regierung ausgesetzt. Eingesetzt wurde eine Kommissärin namens Jenni Parido (37), deren Qualifikation laut New York Times darin besteht, eine Fachhandlung für Tiernahrung geleitet zu haben. Als künstlerischer Vertreter wurde der kaum bekannte Bildhauer Alma Allen ausgewählt. Bis zuletzt schien unklar, ob die neu gegründete Trägerorganisation die Mittel aufbringen konnte, um den US-Pavillon zu bespielen. Geld dürfte für Katar indes weniger ein Problem sein: Der Golfstaat, der massiv in Kultur investiert, ist heuer erstmals bei der Venedig-Biennale vertreten, und zwar gleich mit einem neuen Pavillon in den Giardini, dem zentralen Ort des Festivals. Abseits von Geld und Politik säumen aber menschliche Verluste den steinigen Weg zur Biennale: Henrike Naumann, die Künstlerin des deutschen Pavillons, erlag im Februar einem Krebsleiden. Ihr Projekt wird nun ebenso posthum vollendet wie die Hauptausstellung, die das ideelle Rückgrat der Biennale bildet. Deren Kuratorin Koyo Kuoh war im Mai 2025 mit 57 Jahren verstorben. Sie hatte als Erste von den leisen Tönen und der Notwendigkeit des Zuhörens gesprochen. Man darf zweifeln, ob die (Kunst)welt dazu bereit ist.

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