KURIER
Sie hat etwas von Margaret Thatcher, wie sie da im strengen Kostüm und mit einzementierter Föhnwelle am Konferenztisch sitzt und den Männern Direktiven gibt. Eine beinharte Geschäftsfrau, der keiner was vormacht, ist sie, diese Marianne Farrère. Ihr Erbe, die Kosmetikfirma, ist ihr heilig. Neuerungen kommen für sie nur in kleinsten Dosen infrage. Isabelle Huppert schlüpft mit der ihr eigenen eisernen Disziplin und von Neugierde geprägten Spielfreude in die Haut dieser reichen, kühlen Frau, die unschwer als die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt erkennbar ist. „Die reichste Frau der Welt“ (ab Freitag im Kino) heißt Thierry Klifas Tragikomödie über Bettencourt, die in den Nullerjahren für einen handfesten Skandal sorgte, als sie sich von François-Marie Banier, einem schleimigen Fotografen, um den Finger wickeln ließ und ihm viele Millionen schenkte. Für eine Frau, deren Vermögen auf fast 100 Milliarden Dollar geschätzt wurde, ein Klacks. Aber genug, um die Familie so weit zu bringen, ein Entmündigungsverfahren gegen Bettencourt einzuleiten. „Ich habe mich nie wirklich für das Leben Liliane Bettencourts interessiert“, sagt Isabelle Huppert. Sie habe Bettencourt nie getroffen oder mit ihr geredet, dazu sei diese zu abgeschottet gewesen. Umso erstaunlicher sei es gewesen, dass sie diesen großmäuligen Fotografen so nahe an sich heranließ: „Ich fand es interessant, dass sie sich auf diese seltsame Beziehung mit dem um viele Jahre jüngeren und offen homosexuellen Typen eingelassen hat. Doch sie fand ihn sofort originell und witzig – er musste gar nicht viel tun, um sie zu bezirzen. Sie baute sofort eine Art Komplizenschaft mit ihm auf. Mochte seine Witze, seine Scharfzüngigkeit und seinen Intellekt.“ Flottes Styling Der berechnende Banier – grandios unsympathisch dargestellt von Laurent Lafitte – weckt Mariannes Lebensgeister aus dem Dornröschenschlaf. Er verpasst ihr eine neue Frisur und ein flotteres Styling, bringt sie zum Lachen und zeigt ihr die Welt außerhalb ihres goldenen Käfigs. Sogar in die Disco begleitet er sie. Ansonsten nimmt er sich kein Blatt vor den Mund. Er wirft Marianne an den Kopf, ihr Geld sei schmutzig, weil es von der Kollaboration ihres Vaters mit den Nazis herrühre. Er pinkelt in den manikürten Garten und beflegelt den Butler: „Er war wie eine Droge für sie“, ist auch Huppert erstaunt über diese tiefe Abhängigkeit Bettencourts von Banier, die sie all seine Fehltritte nachsehen ließ: „Das, was er zu ihr sagte, war oft schmerzhaft oder schockierend, aber sie wollte trotzdem mehr davon. Wie bei starkem Alkohol: Du probierst ein paar Tropfen und endest bei etlichen Gläsern, obwohl du weißt, dass es dir nicht guttut.“ Banier habe bei ihr etwas zum Klingen gebracht: „Eine bislang verborgene Seite – das Sensible und Emotionale, das bei ihr keiner sehen wollte. Sie öffnet ihm ihr Inneres, er will Äußerlichkeiten. Sie gibt ihm Geld, er nimmt es. Dafür weckte er sie emotional aus ihrem Bärenschlaf.“ Notbremse Regisseur Thierry Klifa würzt die skurrile Beziehung der reichsten Frau der Welt mit dem Parvenü mit viel Humor, was Huppert schon beim Lesen des Drehbuchs total gefallen hat. „Ach, das Ganze war doch eine Komödie. Oder wie könnte man das anders sehen bei einer Superreichen, die plötzlich zu einem Fremden eine intimere Beziehung hat als zu ihrer Familie. Eine Komödie, die allerdings rasch ins Tragische kippt, als die Tochter vor Gericht geht. Der Film balanciert ständig auf diesem Grat zwischen Komik und Tragik.“ Fast eine Milliarde Euro hatte die glückstrunkene Bettencourt über mehrere Jahre hinweg Banier in Form von Gemälden, Immobilien, Schecks und Lebensversicherungen zukommen lassen, bis die Familie die Notbremse zog. Bettencourts Tochter wusste keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Mutter entmündigen zu lassen. Die Einsamkeit der reichen Frau bringt Huppert formidabel aufs Tapet. Sie kann doch mit ihrem Geld tun und lassen, was sie will, oder? Ob sie ihrem Enkel zur Bar Mizwa eine Million schenkt oder einem Fotografen noch ein paar Millionen mehr, spielt für sie keine Rolle. Wichtig ist, dass sie wahrgenommen wird und Lebensfreude empfindet: „Auch wenn Banier ein ziemlich vulgärer und trivialer Manipulator war, fand sie ihn wahnsinnig amüsant.“ Arbeitstier Huppert ist – quasi als Gegenentwurf zu der von Geburt an verwöhnten Bettencourt – ein Arbeitstier, eine Rastlose: Sie arbeitet nonstop, dreht an allen Enden der Welt, spielt, wenn sie in Frankreich ist, auch noch Theater. Im Pariser Théâtre de la Ville ist sie im Juni in Romeo Castelluccis Inszenierung von Racines „Bérénice“ zu sehen: „Ich mache alles, was mir wichtig und gut erscheint, ich gehe da fast immer nach Gefühl. Nach guten Dialogen, einem Bild, das sich in meinem Kopf formt, einem Regisseur, mit dem ich gerne zusammenarbeite.“ In über 120 Film-und Fernsehproduktionen hat die 73-Jährige in ihrer langen Karriere mitgewirkt. Gibt es Rollen, die für sie besonders prägend waren? Huppert überlegt kurz: „Alle hatten für mich Bedeutung. Aber meine Rollen in Michael Hanekes ,Die Klavierspielerin“ und in Paul Verhoevens ,Elle' waren schon etwas Besonderes. Sie waren markant und eine Herausforderung. Und ich mochte die Komödien, die ich mit Marc Fitoussi gedreht habe wie ,Copacabana’ oder ,La Ritournelle’. Manchmal macht es schon Spaß, so eine richtig durchgeknallte Person sein zu dürfen.“
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