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Isabel Allende: „Wir erleben eine Zeit der Frauenfeindlichkeit“ | Collector
Isabel Allende: „Wir erleben eine Zeit der Frauenfeindlichkeit“
KURIER

Isabel Allende: „Wir erleben eine Zeit der Frauenfeindlichkeit“

Sie ist 83 Jahre alt – aber hat den Elan einer 23-Jährigen. Das wird schnell klar, als sich Isabel Allende per Videointerview zuschaltet. Weißes Haar, roter Blazer, goldene Kette, die Autorin, deren Bücher sich 80 Millionen Mal verkauft haben, spricht aus ihrem Arbeitszimmer in Kalifornien zu uns. Aus Chile musste sie 1975 vor der Diktatur ins Exil fliehen, seit 2003 ist sie Staatsbürgerin der USA. Ihr Welterfolg „Das Geisterhaus“ ist nun neu bei Amazon Prime als Serie „The House of Spirits“ zu sehen. Eine achtteilige Familiensaga, die sich über ein halbes Jahrhundert und die drei Generationen der Frauen Clara, Blanca und Alba spannt: der Aufstieg der Familie Trueba in Chile, geprägt von Liebe, Konflikten, Klassenkampf und politischen Umwälzungen und versehen mit magischem Realismus. Die Hauptrollen spielen u. a. Nicole Wallace („Culpa Mia – Meine Schuld“) als Clara. Die Serie ist auch für Allende eine Rückkehr – sie wurde zur Gänze in ihrer Heimat Chile gedreht. Frau Allende, „Das Geisterhaus“ war 1982 Ihr Debüt als Autorin und wurde auf Anhieb ein Welterfolg. Jetzt hat man den Roman erneut verfilmt. Was macht das Buch, auch 44 Jahre nach der Veröffentlichung, noch immer so relevant? isabel allende: Ich denke, es sind die menschlichen Leidenschaften und Beziehungen. Die kulturellen Umstände mögen sich verändern, aber wir kehren immer wieder zu bestimmten Dingen zurück. Zum Beispiel erleben wir gerade jetzt, wo die Fernsehserie startet, weltweit eine Rückkehr zur extremen Rechten, zu autoritären Regierungen, zu Frauenfeindlichkeit, zu Rassismus – zu Dingen, von denen wir dachten, wir hätten sie überwunden. Und doch scheinen sie zurückzukommen. Das ist eine Aktualität, die sich wirklich niemand wünscht. Und mit der wir doch umzugehen haben. In diesem Sinne bleibt das Buch aktuell und hat nach wie vor seine Berechtigung. Die grundlegenden Emotionen, die die Menschheit bewegen, sind immer dieselben – unabhängig von Zeit und Ort. Meine Bücher können in Finnland oder China gelesen werden und funktionieren trotzdem, weil die Menschen im Grunde alle gleich sind. Die Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, sind viel mehr als die Unterschiede, die uns trennen. „Das Geisterhaus“ handelt von drei Generationen zweier chilenischer Familien, von den 1920er-Jahren bis hin zu Putsch und Militärdiktatur. Mit Salvador Allende, dem ehemaligen chilenischen Präsidenten, waren Sie entfernt verwandt. Der Roman hat autobiografische Einflüsse, basiert auf einem Brief an Ihren sterbenden Großvater. Wenn Sie diesen Brief noch einmal schreiben könnten – was hätten Sie Neues hinzuzufügen? Es hat tatsächlich als Brief begonnen, aber schon nach wenigen Seiten ist mir damals klar geworden, dass es keiner war und mein Großvater ihn nie lesen würde. Also habe ich begonnen, Anekdoten aus meiner Familie zu sammeln – über die Personen, alles was mit ihnen geschehen ist, über mein Land und die Entwicklung meines Landes zu einer Militärdiktatur. Ich habe den Roman im Exil geschrieben, was mir ermöglicht hat, alles aus einer gewissen Distanz betrachten. Was ich damals geschrieben habe und den Menschen passiert ist, war für den Moment sehr relevant. Die Menschen haben sich nicht verändert. Wenn ich das Buch heute noch einmal schreiben würde, wären es dieselben Figuren. Wie nahe sind Sie mit Ihren Romanfiguren an der Wirklichkeit geblieben? Die einzige Figur, die ich „verraten“ habe – oder die mich verraten hat – war Esteban Trueba, der Patriarch. Die Figur basiert auf meinem Großvater, der bei null angefangen und sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Ein fleißiger Mann mit einer Vision, ein Selfmademan, konservativ, katholisch, sehr autoritär und sehr männlich – so, wie Männlichkeit damals verstanden wurde, nicht wie heute. Die Frauen in seinem Leben arbeiteten nicht, sie waren unterwürfig und gehorsam. Aber sie wurden auch beschützt und respektiert. Mein Großvater war jedoch kein Vergewaltiger und niemals der Bösewicht, zu dem er im Buch wird. Warum ist das dann passiert? Ich habe keine Ahnung. Beim Schreiben hat sich irgendwie alles verändert, die Figur hat mich gewissermaßen betrogen. Am Ende des Buches habe ich sie sogar gehasst, weil sie meinen Großvater überhaupt nicht mehr ähnlich war. Deshalb habe ich am Ende, als das Buch fertig war, Monologe eingefügt, in denen er in der Ich-Form spricht – er ist die einzige Figur, die solche Monologe bekommt. Ich wollte ihn den Lesern näherbringen, damit sie verstehen, warum er so handelt. Sie erzählen in Ihren Romanen von mutigen Frauen, die mit Familie, Historie, Gewalt zu kämpfen haben. Und sie sind leidenschaftliche Feministin. Ist die Gleichberechtigung auf einem guten Weg? Ich setze mich seit meinen frühen Zwanzigern für Frauenrechte ein. Als junge feministische Journalistin dachte ich, wir würden innerhalb von zehn Jahren gewaltige Veränderungen in der Welt bewirken – weil es so logisch und gerecht erscheint. Nun, heute bin ich 83, und wir leben immer noch im Patriarchat. Und unter den falschen Umständen können wir zurückfallen und sogar Rechte wieder verlieren. Zum Beispiel? Schauen Sie sich Afghanistan an: Die Taliban kommen, und innerhalb von 24 Stunden verlieren Frauen alles, was sie sich in 20 Jahren erarbeitet haben. Auch in den USA erleben wir eine Zeit der Frauenfeindlichkeit, der Missachtung von Frauen und den Verlust von Rechten. Dinge wie Verhütung und Abtreibung und das Recht jeder Frau, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, sind nicht mehr gesichert. Das haben wir verloren. Es gibt sogar Bewegungen, die Frauen das Wahlrecht wieder entziehen wollen. Wie deuten Sie diese Rückschritte? Das zeigt, wie fragil Fortschritte sind und wie leicht alles verloren gehen kann. Als Feministin bin ich deshalb immer wachsam und auf der Hut. Was mich besonders beunruhigt: Junge Frauen nehmen ihre Rechte oft als selbstverständlich hin, ohne zu sehen, wie schnell sie sie verlieren können. Wir haben also noch viel Arbeit vor uns und müssen aufpassen, denn wir leben nun einmal in einer von Männern beherrschten Gesellschaft. Was die übernatürlichen Elemente im Roman angeht: Wie reagieren Sie, wenn solche Themen in Horrorwerken aufgegriffen werden? Magischer Realismus lässt sich sehr schwer auf die Leinwand übertragen, weil er oft lächerlich wirkt. Deshalb wird er meistens vermieden. Ich erinnere mich, dass mir Bille August, der Regisseur der ersten „Geisterhaus“-Verfilmung mit Meryl Streep in den Neunzigerjahren, einmal gesagt hat: Wenn man eine Frau mit grünen Haaren auf der Leinwand zeigt, sieht man einfach jemanden mit einer grünen Perücke – das sieht furchtbar aus und funktioniert nicht. Hat die Amazon-Serie es jetzt besser gemacht? In der Serie wird der magische Realismus eher wie ein Gewürz eingesetzt: Er durchzieht die Geschichte, ohne aufdringlich oder gar plump zu sein. Er ist subtil und wird nicht erklärt – er geschieht einfach. Zum Beispiel erscheint der Geist von Onkel Marcos, ohne dass erklärt wird, ob er real ist oder Einbildung. Das ist, finde ich, sehr gelungen umgesetzt. Das Buch wurde in 42 Sprachen übersetzt. Erinnern Sie sich an bestimmte Begegnungen mit Lesern aus anderen Ländern? Ich erinnere mich an viele Begegnungen, und oft haben sie mir gezeigt, dass die Welt sich gar nicht so sehr unterscheidet. Menschen sagen mir: „Das könnte meine Familie sein“ – sogar in Finnland. Die Familienstrukturen mögen sich unterscheiden, aber wir alle verstehen, was es heißt, Mutter, Großmutter oder das Oberhaupt der Familie zu sein. Ich bekomme Briefe aus aller Welt – manchmal wissen wir nicht einmal, in welcher Sprache sie geschrieben sind und übersetzen sie mit Google. Es ist, als kämen sie direkt aus Chile. Interessant ist auch: Das Buch spielt zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren, und dennoch erkennen sich die Menschen heute darin wieder – obwohl Chile sich komplett verändert hat und überhaupt nicht mehr so ist wie im Buch. Warum das funktioniert? Ich weiß es nicht. „Das Geisterhaus“ hat sich mehr als 50 Millionen Mal verkauft. Wie haben Sie diesen plötzlichen, riesigen Erfolg damals wahrgenommen? Ich habe im Exil in Venezuela gelebt, als ich das Buch schrieb. Es wurde zunächst von mehreren Verlagen in Lateinamerika abgelehnt. Schließlich ist es auf dem Schreibtisch einer Literaturagentin in Barcelona gelandet, die es in Spanien veröffentlicht hat. Kurz darauf wurden auf der Frankfurter Buchmesse die Rechte in ganz Europa verkauft. Damit hatte keiner gerechnet. Ich selbst verstand damals gar nicht, was da vor sich geht. Der Erfolg wurde mir erst bewusst, als Monate später die ersten Schecks bei mir eingetroffen sind. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits am nächsten Buch geschrieben. Es war alles ein schrittweiser Prozess. Gut, denn so hatte ich keine Zeit, in Panik zu geraten. Hätte ich den Erfolg schon früher bemerkt, hätte ich mit dem zweiten Roman nie angefangen. Ich wäre durch den Erfolg des ersten wie gelähmt gewesen. Wie hat Ihr Leben damals ausgesehen? Ich habe damals in der Verwaltung einer Schule gearbeitet, zwölf Stunden täglich. Die erste Schicht hat um sieben Uhr morgens begonnen, die letzte endete um sieben Uhr abends. Dann bin ich nachhause gekommen, habe geduscht, die Familie mit Essen versorgt und danach in der Nacht in der Küche geschrieben, mehrere Stunden lang. Kein eigenes Arbeitszimmer, kein Geld – das war mein Leben. Der Erfolg fühlte sich wie ein fernes Wunder an, das ich nicht sehen oder mir geschweige denn vorstellen konnte. Meinen Job habe ich erst gekündigt, nachdem mein drittes Buch veröffentlicht worden ist. Es war ein außergewöhnlicher Erfolg, der beim ersten Buch sehr selten vorkommt.

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