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Ein Fotograf auf den Spuren seiner Jugend in Hietzing
KURIER

Ein Fotograf auf den Spuren seiner Jugend in Hietzing

Im Jahr 1964 kam die Moderne nach Hietzing. Die alte Brücke über den Wienfluss wurde abgerissen und durch die – nach dem kurz davor ermordeten US-Präsidenten benannte – Kennedybrücke ersetzt; und gleich ums Eck, mitten im biedermeierlich-beschaulichen Alt-Hietzing, wurde das Ekazent eröffnet, das erste Einkaufszentrum Österreichs. Im selben Jahr zog der damals dreijährige Andreas Hirsch mit seinen Eltern nach Hietzing; sie bezogen eine Genossenschaftswohnung im Bezirksteil Ober St. Veit, am Rand des Lainzer Tiergartens, wo sie 14 Jahre lang lebten. Jetzt läuft im Bezirksmuseum die kleine Ausstellung „Erinnerung an Hietzing“; es ist eine fotografische Hommage an seine alte Heimat, in der Hirsch persönliche Erinnerungen mit Bezirksgeschichte verbindet. „Bei so einer Ausstellung besteht natürlich schwerer Nostalgieverdacht“, sagt der Fotograf. „Es geht aber nicht um Nostalgie! Es geht darum, genau hinzuschauen. Ich habe Orte der Erinnerung aufgesucht, Fotos gemacht – und bin dann in die Tiefe gegangen, habe historischen Kontext und politische Zusammenhänge recherchiert.“ Zwischen den Fotos hängen Tafeln mit historischen Aufnahmen und sachdienlichen Hinweisen zur Geschichte der Motive. Pilotprojekt Ekazent Zum Beispiel über das Ekazent, für das die Künstlerin Maria Biljan-Bilger ein riesiges Mosaik und einen Brunnen geschaffen hat. Das vom Architektenpaar Wolfgang und Traude Windbrechtinger errichtete Einkaufszentrum geht auf ein stadtplanerisches Konzept des legendären Stadthallen-Architekten Roland Rainer zurück. „Rainer hatte als Stadtplanungsdirektor vorgesehen, solche Bezirkszentren zu errichten“, sagt Hirsch. „Das hier war das Pilotprojekt.“ Das Ekazent gibt es nach wie vor, von der Eleganz der Moderne ist aber nur noch wenig zu sehen, auch das mondäne Park-Kino ist längst Geschichte. Biljan-Bilgers Mosaik gibt es noch, der Brunnen wurde abgetragen und steht heute in Sommerein am Leithagebirge, wo die Künstlerin zuletzt lebte. Wer mit Hirsch durch den Bezirk spaziert, erfährt an jeder Ecke etwas Interessantes. Die Bankfiliale vis-à-vis vom Bezirksmuseum war früher das Café Gröpl, einst Treffpunkt von Komponisten wie Alban Berg und Arnold Schönberg oder Künstlern wie Carry Hauser, die alle in der Nähe wohnten. Schönberg logierte in der Gloriettegasse, im Haus seiner Mäzenin Lilly Lieser (die später in Auschwitz ermordet wurde). Ein paar Kilometer stadtauswärts hatten Klimt und Schiele ihre Ateliers. Eines von Klimts letzten Bildern, das „Bildnis Fräulein Lieser“, zeigt vermutlich die Nichte seiner Mäzenin. „Wien mit meiner Mutter“ Andreas J. Hirsch, geboren 1961, ist Fotograf und Autor, Ausstellungskurator und Kulturmanager. Seine erste Kamera, eine Kodak Instamatic, bekam er zu seinem zehnten Geburtstag geschenkt. Damals, im Sommer 1971, sagte seine Mutter zu ihm: „Du kommst bald ins Gymnasium und kennst dich in Wien eigentlich nicht aus. Wir fahren jetzt in die Stadt und schauen uns die Sehenswürdigkeiten an!“ Wie Touristen spazierten Mutter und Sohn die Ringstraße entlang und fotografierten einander vor prachtvollen Bauten. 2017 hatte Hirsch die Idee, die Aktion mit seiner inzwischen 85 Jahre alten Mutter zu wiederholen; „Reenactment“ heißt so etwas in der bildenden Kunst. Ein Jahr nach „Wien Ringstraße“ haben sie dasselbe am Alsergrund gemacht, der Heimat der Mutter. Bei der dritten Serie in Heiligenstadt – seine ersten drei Lebensjahre verbrachte Hirsch in der Eroicagasse – war die Mutter dann nicht mehr gut auf den Beinen. „Da habe ich einen alten weißen Sessel mitgenommen, auf dem sie auf den Heiligenstadt-Bildern sitzt.“ Die Ausstellung im Hietzinger Bezirksmuseum ist der vierte und letzte Teil der Serie „Wien mit meiner Mutter“. Die heute 94-jährige Frau lebt inzwischen in einem Pensionistenheim im 14. Bezirk und ist nicht mehr mobil genug für Fotoaufnahmen. Auf den Hietzing-Bildern ist deshalb nur noch der weiße Sessel zu sehen. Im Jahr 1978 ist die Familie nach Hadersdorf (14. Bezirk) übersiedelt, Andreas Hirsch kam nie wieder zurück nach Hietzing; heute lebt er wieder im 14. Bezirk (am Wolfersberg). Aber die Arbeit an der Ausstellung hat ihm klargemacht, wie prägend seine 14 Hietzinger Jahre für ihn waren. „Alles ist so aufgeladen, an jeder Ecke ist was.“ Besonders faszinieren ihn die Kontraste – etwa den zwischen Ekazent und Alt-Hietzing oder zwischen der Pracht des für den Kaiser errichteten Hofpavillons der Stadtbahn und dem Futurismus der benachbarten Kennedybrücke. „Dieses pilzförmige Flugdach habe ich als Kind immer irrsinnig cool gefunden“, sagt Hirsch. Dass dafür eine Otto-Wagner-Station abgerissen wird, wäre heute allerdings undenkbar. „Damals war das kein Problem.“ Meinl oder Konsum? Hietzing ist auch ein Bezirk der sozialen Kontraste. „Die Anlage, in der wir gewohnt haben – kein Gemeindebau, aber auch nicht nobel – war umgeben von Villen“, erinnert sich Hirsch. Von der Wohnung in der Ghelengasse gab es zwei Wege ins Zentrum von Hietzing. „Einer führte durch das dörfliche Ober St. Veit mit Kirche, erzbischöflichem Palais, Volksschule und Meinl-Filiale. Auf der anderen Seite, die Veitingergasse hinunter, waren Gemeindebauten, die Werkbundsiedlung und eine Konsum-Filiale.“ Die Otto-Glöckel-Schule am Ende der Veitingergasse ist ein Motiv seiner Ausstellung. Im Begleittext erfährt man, dass die Volks- und Hauptschule (auch so was gibt’s in Hietzing!) im Geiste des Roten Wiens errichtet, aber erst im Ständestaat, nach dem Verbot der Sozialdemokratie, eröffnet wurde. Damals, im Oktober 1934, galt sie als modernste Schule Österreichs. „Ich hatte in der Otto-Glöckel-Schule Melodica-Unterricht“, erinnert sich Andreas Hirsch. „Das Gebäude habe ich damals schon interessant gefunden.“ Mittlerweile weiß er auch, warum. Die Ausstellung „Erinnerung an Hietzing“ läuft bis 1. Juli im Bezirksmuseum Hietzing (13., Am Platz 2), Mi 14–18 Uhr und Sa 14–17 Uhr. Führungen und Künstlergespräche: 6. 5. und 13. 6., 15–17 Uhr. Eintritt frei.

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