KURIER
„Drohnenangriff – decken!“, ruft Harald Rabel , Oberwachtmeister beim Bundesheer. Ich werfe mich bäuchlings auf den Waldboden. Über mir das Surren der Drohne, dann peitschen Schüsse durch die Luft. Soldaten versuchen, das Gerät vom Himmel zu holen. Plötzlich ein Ruf: „Treffer! Ein Verletzter!“ Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Obwohl ich weiß, dass alles nur eine Übung ist, fühlt sich dieser Moment erschreckend real an. Wir laufen los. Einer liegt am Boden, reglos. Schusswunde am Unterschenkel. Meine Hände zittern leicht, während wir das Bein abbinden, den Druckverband anlegen. Ich merke, wie schnell aus Zuschauen Mitmachen wird. Was mich an diesem Tag erwarten wird, weiß ich in der Früh allerdings noch nicht. Es soll mental und physisch unangenehm werden. Wird es zu viel haben wir das Codewort Banane Harald Rabel / Oberwachtmeister Bundesheer Codewort Banane Um 07.40 Uhr sitzen wir im Lager Kaufholz am Truppenübungsplatz (TÜPl) Allentsteig (Bezirk Zwettl) in einem schmucklosen Raum. Fünf Soldaten, mein Kollege und ich. Auf dem Tisch: Karten und Funkgeräte. Uns wird das Übungsszenario beschrieben. Ein fiktiver Gegner greift Europa an, auch Österreich. Die Luftstreitkräfte sind mit allen Luftfahrzeugen im Einsatz. Wir sind mit einem Trupp der Öffentlichkeitsarbeit unterwegs und sollen lernen, wie man sich im Krieg verhält. Rabel drückt das so aus: „Wir wollen euch mental und physisch herausfordern. Es soll unangenehm werden. Wenn es euch aber zu viel wird, gibt es ein Codewort: Banane.“ Wenig später tragen wir Splitterschutzwesten und Helme. Die Ausrüstung sitzt schwer auf den Schultern, der Helm ist ein bisschen groß. Wir fahren ins Gelände, drei Fahrzeuge im Konvoi. Ich frage mich, wie viel von dem, was heute passiert, sich wirklich wie Krieg anfühlen wird. Drohnenaufklärung Wir stoppen bei einem großen Feld, ein „ Black Hawk “, der größte Hubschrauber des Bundesheeres, steht in der Mitte. Kurz bekommen wir eine Einführung wie wir uns auf ihn zu bewegen müssen. „Immer sieben Meter Abstand, falls uns eine Drohne angreift“, erklärt Rabel. Gut verteilt nähern wir uns. Dann rauscht das Funkgerät von Rabel: „Wir wurden aufgeklärt – schnell zum Fahrzeug!“ Alles geht plötzlich schnell. Wir sprinten, rutschen fast im Gras aus. Der Motor heult auf, Türen schlagen zu. Niemand spricht, im Radio läuft ironischerweise „Survive“ von Lewis Capaldi. Erst im Schutz des Waldes wird es langsamer. Die Fahrzeuge werden zwischen Bäumen getarnt. Erst wenn der Luftraum wieder frei ist, geht es weiter. Später beobachten wir, wie zwei Pilatus PC-7 , Flugzeuge zur Luftraumüberwachung und für den Bodenangriff, auf vordefinierte Ziele feuern. Das Dröhnen der Motoren liegt in der Luft, dann mehrere laute Einschläge. In der Ferne wird ein alter Lastwagen getroffen. Kuchen aus der Dose Zur Mittagszeit bauen wir ein improvisiertes Lager im Wald auf. Wasser kocht über einer kleinen Flamme, es gibt Trockennahrung und zur Nachspeise Schokokuchen aus der Dose. Der hohe Kaloriengehalt und die lange Haltbarkeit sind im Einsatzfall wichtige Eigenschaften. Doch die nächste Übung wartet schon. AB-212 Hubschrauber schießen Flares in den Himmel, grelle Lichtspuren wie Silvesterraketen. Sie sollen Raketen ablenken, erklärt man uns. Ich frage mich, wie oft man so etwas sehen kann, ohne dass es zur Routine wird. Am Nachmittag stehen wir im Gefechtsstand. Karten hängen an den Wänden, Bildschirme zeigen bewegte Punkte, Anweisungen werden gefunkt. Was vor der Einsatzübung ein Speisesaal war, ist nun Koordinationspunkt des TÜPl. Oberst Thomas Geiger erklärt: „Bis 2032 soll unser Heer verteidigungsfähig sein. Das bedeutet mehr Übungen, auch nachts. Was wir hier machen, ist kein Spiel.“ Kein Spiel Ich sehe mich um. Niemand wirkt, als würde er das hier für ein Spiel halten. Seit Wochen trainieren hier Teile der Luftstreitkräfte: Luftunterstützung, Luftraumüberwachung, auch Milizsoldaten. Es geht um Abläufe, verschiedene Einsätze, um Koordination der Luftfahrzeuge, um den Ernstfall. Darum wird auch Tag und Nacht geübt. Hubschrauber in der Luft, ständige Alarmbereitschaft, Drohnen und Angriffe aus der Distanz – das Szenario folgt modernen Bedrohungen. Es ist zwar vereinfacht, zeigt jedoch, wie schnell sich Situationen zuspitzen können. Wir haben einen Eindruck bekommen, wie ein Tag im Krieg aussehen kann, wenn natürlich abgeschwächt. „Vergesst nicht“, sagt Rabel beim Abschied, „für uns war das heute eine Übung. 1500 Kilometer weiter, in der Ukraine, ist es Realität.“ Auf der Rückfahrt wirkt alles wieder gewöhnlich: Straßen, Autos, Alltag. Trotzdem bleibt eine gewisse Anspannung im Körper. Friedlicher Alltag fühlt sich nach diesem Tag nicht mehr selbstverständlich an.
Go to News Site