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Unerschütterlich sein: Wie man zu wahrer Gelassenheit kommt
KURIER

Unerschütterlich sein: Wie man zu wahrer Gelassenheit kommt

Von Nicola Afchar-Negad Ein Wartezimmer beim Arzt. Eine Person rutscht sichtlich unruhig hin und her, nimmt eine Zeitschrift auf, legt sie kurz danach wieder hin, fischt das Handy aus der Jacke. Eine andere: tut nichts. In der heutigen Zeit wirkt so eine – zumindest nach außen ausgestrahlte – Ruhe fast schon verdächtig. Man könnte doch kurz die Emails checken oder Theaterkarten kaufen. Oder oder oder ... Es gehört zu den Paradoxien unserer Zeit, dass Menschen über mehr Möglichkeiten verfügen als jede Generation vor ihnen – und gleichzeitig eine wachsende innere Unruhe erleben. Termine verdichten sich, Informationen strömen ununterbrochen, Erwartungen steigen. Das Gefühl, reagieren zu müssen, wird zum Grundtenor des Alltags. Inmitten dieser Dynamik wirkt ein Begriff aus der antiken Philosophie überraschend modern: Ataraxie. Das griechische Wort bedeutet übersetzt Unerschütterlichkeit und meint eine Gelassenheit , die weder Gleichgültigkeit noch emotionale Abstumpfung ist. Einer, der sich damit ausführlich beschäftigt: der niederösterreichische Neurologe Dr. Christian M. Neuhauser. „Mich reizt daran, dass sie eine erstaunlich moderne Frage in einem sehr alten Wort bündelt: Wie kann ein Mensch innerlich ruhig bleiben, ohne abzustumpfen? Als Neurologe begegne ich täglich Menschen, deren Beschwerden nicht nur auf Befunden beruhen, sondern auch auf Anspannung. Aus Erwartungsangst, Kontrollverlust und innerer Überregung. Ataraxie ist deshalb für mich kein musealer Philosophenbegriff, sondern eine klinisch und menschlich hochaktuelle Idee.“ Bitte keine Selbstoptimierung! Circa 300 v. Chr. – so lange liegt sie zurück, die Begründung der stoischen Lehre. Die Stoiker sagten: Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Bewertung. Dazu Neuhauser: „Die Formulierung ist alt, aber neurobiologisch hoch plausibel. Zwischen Reiz und Reaktion liegt eben nicht nur ein Reflex, sondern ein Bewertungsprozess. Das Gehirn ordnet ein: Ist das gefährlich? Ist das kontrollierbar? Muss ich handeln? Diese kognitive Einordnung prägt wesentlich, wie stark unsere Stressreaktion ausfällt.“ Der Oberarzt des Landesklinikum in St. Pölten weiß: Gelassenheit wird allzu oft falsch assoziiert. „Mit Kühle, manchmal sogar mit Distanz, Müdigkeit oder weltabgewandter Harmlosigkeit. Ein gelassener Mensch fühlt aber nicht weniger, sondern wird von seinen Gefühlen nicht immer sofort fortgerissen. Gelassenheit ist keine Anästhesie oder das Ende der Leidenschaft, sondern Regulationsfähigkeit . Ich würde sogar sagen, dass emotional reife Personen oft gelassener wirken.“ Klingt alles gut und höchst erstrebenswert. An dieser Stelle kommt aber ein leider weit verbreiteter Irrtum ins Spiel. Die innere Ruhe – oder Unerschütterlichkeit – hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, die äußeren Reize runterzufahren. „Awareness“ oder „Me-Time“ sind Begriffe, die insbesondere in den sozialen Medien trenden – und recht schnell zur nächsten To-do-Liste werden. Stichwort Selbstoptimierung. Gelassenheit beginnt aber nicht dort, wo alles ruhig ist. Die meisten kennen es. Kaum ist es ruhig, tanzen die Gedanken Rumba, gehen wir Gespräche durch, zerpflücken wir Probleme. Dieses Muster wird mit dem Default Mode Netzwerk – kurz DMN – in Verbindung gebracht. Es ist das „Netzwerk des Nichtstuns“ und dient der mentalen Erholung, zumindest sollte das so sein. Ist es zu aktiv, starten negative Gedankenschleifen, ein perpetuum mobile des Grübel-Grauens. Neuhauser bestätigt die Relevanz des DMN und verdichtet die Erkenntnisse: „Erholung entsteht nicht bloß dadurch, untätig zu sein, sondern dadurch, dass das Gehirn zwischen Innen- und Außenfokus flexibel wechseln kann.“ Das funktioniert nicht bei jedem, weil Menschen „nicht mit demselben Nervensystem, derselben Biografie und denselben Erwartungsmustern in eine Situation gehen. Die Situation allein erklärt nie alles.“ In der neurowissenschaftlichen Stressforschung sei Kontrolle – und deren Verlust – ein Schlüsselthema. Nervensystem liebt Rhythmen Und wie schaffen wir es jetzt, dass das Gehirn switchen kann, flexibel ist? Dass wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion nutzen können? „Das Unspektakuläre ist fast immer das Wirksame“, macht Dr. Neuhauser Hoffnung. „Regelmäßiger Schlaf, rhythmischer Tagesablauf, Bewegung, dosierte Reizreduktion, bewusste Pausen ohne Bildschirm, ein halbwegs verlässlicher Atem, soziale Resonanz, gutes Essen, weniger Multitasking. All das ist neurologisch gesehen nicht banal, sondern Basisarbeit. Das Nervensystem liebt Rhythmen mehr als große Vorsätze.“ Und: „Geistige Hygiene! Nicht jedem Gedanken glauben, nicht jede Empfindung sofort interpretieren. Viele Menschen warten auf den großen Wendepunkt. Tatsächlich entsteht Gelassenheit meist durch kleine wiederholte Korrekturen im Alltag.“ Das kenne er auch selbst. „Ich wäre misstrauisch gegenüber jedem Arzt, der über Gelassenheit spricht, als hätte er sie dauerhaft gepachtet. Wenn es bei mir zu viel zu werden droht, versuche ich, Tempo aus dem Inneren rauszunehmen, nicht nur aus dem Kalender.“ Für den Neurologen ist Ataraxie kein Ziel, aber auch kein Weg – sondern vielmehr eine Haltung . Wie der römische Kaiser Mark Aurel (121–180 n. Chr.) zu sagen pflegte: „Das Glück deines Lebens hängt von der Qualität deiner Gedanken ab.“

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