KURIER
Martin Merz leitet beim deutschen Unternehmenssoftwareanbieter SAP das Geschäft mit souveränen Lösungen. Der KURIER hat mit ihm über europäische digitale Unabhängigkeit gesprochen und die Nachfrage nach souveränen Cloud-Diensten gesprochen. KURIER: Über digitale Souveränität wird viel gesprochen. Wie souverän kann Europa sein? Martin Merz: Grundsätzlich finde ich es gut, dass wir aufgewacht sind und das Thema auch in Europa angekommen ist. Im Rest der Welt war das schon länger der Fall. Wir sind seit über 15 Jahren auch in den USA in hochregulierten und sicherheitskritischen Bereichen mit souveränen Lösungen aktiv. Die Amerikaner haben ein Setup gefunden, wie sie ausländische Technologie unter ihrer Kontrolle souverän einsetzen können. Was bedeutet Souveränität in einem solchen Zusammenhang konkret? Digitale Souveränität darf nicht damit verwechselt werden, dass wir uns komplett isolieren und alles selber machen. Bei SAP sprechen wir von Wahlfreiheit und Kontrolle. Auch die Australier machen es sehr klug. Sie nutzen einen pragmatischen Ansatz: strategische Fähigkeiten selbst aufbauen, weltweit verfügbare Innovation gezielt einkaufen und beides unter eigener Kontrolle integrieren. Was heißt das für Europa? Europa hat tolle Technologielieferanten. Nicht nur SAP, es gibt großartige Chiphersteller, wir haben in Frankreich mit Mistral ein großartiges KI-Unternehmen. Da sollten wir einen Schwerpunkt setzen. Dort, wo wir sehen, dass es bessere Technologie im Ausland gibt, sollten wir sie nutzen, wenn wir die Möglichkeit haben, sie unter unserer Kontrolle einzusetzen. Das gilt auch für die US-Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google. Mit der Souvereign Cloud bieten Sie eine Lösung, bei der Daten, Betrieb und rechtliche Kontrolle in Europa bleiben. Wie stark ist die Nachfrage nach solchen Lösungen gestiegen? Die ist enorm gestiegen. Durch die Debatte hatten wir sehr viele Kundenanfragen. Die Frage ist, wo wir Souveränität brauchen, weil regulatorische Anforderungen bestehen und wo nicht. Wir erklären in vielen Gesprächen unseren Kunden auch, warum sie keine souveräne Cloud brauchen. Ein Eiscremehersteller braucht sie nicht. Wer braucht sie? Klassiker sind Behörden, Militärs, Nachrichtendienste. Wir haben auch sehr viele Unternehmen, die selbst Anbieter für kritische Infrastruktur sind. Das gilt durch alle Industrien hinweg. Wir reden hier von Tausenden Kunden. SAP notiert in New York an der Börse und ist auch in den USA sehr aktiv und betreibt auch Teile ihrer Cloud-Infrastruktur über US-Hyperscaler. Der US-Cloud-Act gibt der US-Regierung die Möglichkeit, auf Daten zuzugreifen. Wie gehen Sie damit um? Wir geben unseren Kunden die freie Wahl, wo ihre Daten verarbeitet werden, wer die Systeme betreibt und unter welchen rechtlichen Rahmen sie laufen. Wir arbeiten aber immer mit Aufsichtsbehörden zusammen. Wenn die sagen, das ist eine souveräne Lösung, dann geben wir sie frei. Die US-Regierung agiert sehr erratisch und hält sich auch nicht unbedingt an Regeln. Unsere Lösungen sind so konzipiert, dass sie auch unter veränderten Rahmenbedingungen stabil und verlässlich weiter betrieben werden können. Wir kombinieren technische Robustheit mit klaren Governance- und Betriebsmodellen, sodass Kunden die Kontrolle über ihre Systeme und Daten behalten. Entscheidend ist, dass Organisationen auch in anspruchsvollen Situationen handlungsfähig bleiben. Der europäische Cloudmarkt ist fest in US-Hand. Hyperscaler wie Amazon, Google, Microsoft haben einen Marktanteil von 70 Prozent. Ist der Wettbewerb verloren? Wir werden in Europa keine neuen Hyperscaler schaffen und AWS, Google und Microsoft einfach abschaffen können. Wir haben sie jetzt 25 oder 30 Jahre lang genutzt, viel Geld reingepumpt und die beste Technologie daraus gemacht. Wir sollten Innovation und Technologie bestmöglich nutzen. Und wenn sie die beste Lösung sind, dann sollten Sie sie weiter nutzen. Entscheidend ist, dass wir in Europa Innovation weiter vorantreiben und unsere eigenen Stärken gezielt ausbauen. Nur so können wir technologische Entwicklung aktiv mitgestalten und gleichzeitig Souveränität ermöglichen. Wir sollten eine ganz andere Debatte führen. Welche? Europa hat im vergangenen Jahr 30 Zetabyte an Daten produziert. Das ist eine Drei mit 22 Nullen. Wenn man ein Sandkorn mit einem Bit an Daten vergleicht, wären es 30 Saharawüsten an Daten, die wir in Europa produzieren. In der politischen Debatte unterhalten wir uns darüber, in welchem Sandkasten diese Daten liegen. Die Frage sollte vielmehr sein, was wir mit dem Sand machen und wie wir ihn bestmöglich einsetzen. Die Daten sind die Grundlage für Innovation. Deswegen sollten wir US-Technologie auch weiter nutzen, um schnellstmöglich Informationen und Daten verarbeiten zu können, so wie wir es jahrelang gemacht haben. Wo sehen Sie die Stärken Europas? Wir haben genügend Potenzial, hier Dinge zu entwickeln. Wir haben in Europa grundsätzlich eine gute Ausbildung und Menschen, die frei denken und unsere Werte nach vorne bringen können. Wir haben auch starke Firmen auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Wie verändert KI Ihr Geschäft? Ich sehe KI als Riesenchance für Europa. Wir können im Technologierennen noch einmal ganz nach vorne kommen. Das sollten wir auch nutzen. Die Technologie bringt aber auch Ihre Geschäftsmodelle unter Druck. Die Kurse von Softwareunternehmen sind zuletzt gefallen. In Anspielung auf Software as a Service (SaaS) war sogar von einer SaaSpokalypse die Rede. Ich sehe keine SaaSpokalypse. Definitiv nicht. Ich verstehe die Debatte und auch die Sorgen. Wenn man sich aber damit beschäftigt, sieht man, was für Möglichkeiten generiert werden. Wir sehen KI eher als ein weiteres Tool, das Arbeiten schneller und einfacher macht und auch Kapazitäten schafft, damit wir uns mit neuen Ideen auseinandersetzen können. Uns geht es darum, wie man KI optimal in den Arbeitsalltag einfließen lassen kann. Die Gefahr, dass Softwareunternehmen wie SAP dadurch die Felle davonschwimmen, sehen wir nicht.
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