KURIER
Eine große zweibeinige Karotte hängt über einem Stand im neuen Marktraum auf dem Wiener Naschmarkt. Er gehört zum Unternehmen „Unverschwendet“ , das das Wurzelgemüse als Symbol für aussortierte Ware aufgestellt hat. Die Idee: Lebensmittel zu retten und ihnen eine zweite Chance zu geben. Dahinter stehen die Geschwister Cornelia und Andreas Diesenreiter . Was vor zehn Jahren als Start-up begann, ist heute ein Unternehmen mit rund 25 Mitarbeitern, über 250 Partnerbetrieben und Millionen verkauften Produkten pro Jahr. „Vor zehn Jahren waren es ungefähr 5.000 Artikel, die wir verkauft haben, mittlerweile sind wir im millionenstelligen Bereich“, sagt Andreas Diesenreiter. Produkte aus Überschuss Am Marktstand präsentieren sie das Konzept: Aus Überschüssen wie Zwiebeln, Tomaten oder Obst werden Confits, Chutneys oder Marmeladen hergestellt und in Gläser abgefüllt. Waffeln werden zu Gin gebrannt. „Unsere Produkte sind kleine Botschafter für unsere Mission“, sagt Cornelia Diesenreiter. „Man hält sie in der Hand und kommt so mit dem Thema in Berührung.“ Denn Lebensmittelverschwendung entsteht auch vor dem Verkauf – in der Landwirtschaft und Produktion. „Die meisten denken an Haushalt oder Handel, aber wenige wissen, dass große Mengen bereits vorher entstehen“, sagt der Geschäftsführer. Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist eine Karotte zu groß oder zu krumm, ein anderes Mal wird zu viel produziert. Oder ein Lkw steht im Stau, sodass das Lieferfenster verpasst wird – die Ware wird zum Überschuss. Angefangen hat alles am Schwendermarkt im 15. Bezirk – mit einer Küche und einem Verkaufsstand. „Das war unsere Start-up-Garage“, sagt die Chefin. Bald zeigte sich das Ausmaß des Problems: Ein einzelner Betrieb bot einmal mehr als 20 Tonnen an Wassermelone an. „Da wurde klar, dass wir größer denken müssen“, sagt sie. Heute arbeitet „Unverschwendet“ als Netzwerk und Vermittler. Überschüsse werden gesammelt, passende Lösungen gesucht. Mittlerweile fokussieren sie sich auf drei zentrale Bereiche. Der sichtbarste ist die Feinkostlinie , wo Produkte aus geretteten Zutaten bei den zwei Marktständen und im Onlineshop verkauft werden. Der zweite Bereich ist die Kooperationsarbeit mit dem Diskonter Hofer unter der Marke „Rettenswert“ – Überschüsse wie Karotten oder Äpfel wandern in die Regale des Diskonters. Und dann werden noch gerettete Lebensmittel an gemeinnützige Einrichtungen weitergegeben, die diese dringend benötigen. Bewusstsein wächst Doch auch nach zehn Jahren Erfolgsgeschichte bleibt die Lebensmittelrettung herausfordernd. „Es ist oft günstiger, wegzuwerfen als zu retten“, so Andreas Diesenreiter. Zusätzliche Logistik, Sortierung und Verarbeitung verursachen Mehrkosten. Das führt auch dazu, dass Produkte aus geretteten Lebensmitteln oftmals etwas mehr kosten als herkömmliche. Laut Cornelia Diesenreiter wächst aber das Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung. Nachhaltigkeit sei auch durch politische Vorgaben und gesellschaftliche Debatten sichtbarer geworden. Auch für die nächsten zehn Jahre bleibt die Anfangs-Vision für beide Geschwister bestehen: „Gerettet“ soll ein eigenes Marktsegment werden – vergleichbar mit Bio oder Fair Trade. „Wir sind noch lange nicht fertig“, sagt sie. „Das Ziel ist, dass gerettete Lebensmittel irgendwann selbstverständlich sind.“
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