KURIER
Es klingt nach Urlaub. Ein Dorf in Apulien, ein Haus am Meer, Gärten mit Zitrusfrüchten. Mittendrin Loredana, die durch ihren Olivenhain spaziert und selbst beim Unkrautjäten wahnsinnig gut aussieht. Das findet zumindest diese amerikanische Modejournalistin, die hier eigentlich Urlaub machen will. Bis sie herausgefunden zu haben glaubt, dass Loredana eine Ausgebeutete ist, eine Näherin für eine exklusive Modefirma, die hier im Süden sündteuren Haute Couture-Stücken in Heimarbeit den letzten Schliff verpassen lässt. Und dafür Löhne zahlt, die über Almosen kaum hinaus gehen. Super Story, denkt die Amerikanerin, die mit dieser vermeintlichen Aufdeckergeschichte einen journalistischen Coup landen will. Allerdings hat sie die patente Loredana falsch eingeschätzt. ... auf den ersten Blick Die Schriftstellerin Andrea Grill, promovierte Biologin, ist für die Dauer eines Romans in ihre zweite Heimat Italien zurückgekehrt. Italien ist früh in das Leben der Bad Ischlerin getreten. Sie war 13, fuhr mit den Eltern in die Toskana. Liebe auf den ersten Blick. Bei der Heimreise war sie verzweifelt. „Ich habe geweint und mir gedacht, ich muss Italien verlassen! Zu Hause habe ich sofort begonnen, Italienisch zu lernen. Manchmal hab ich das Gefühl, das ist meine echte Sprache.“ Erst viel später erfuhr Andrea Grill, dass sie tatsächlich Wurzeln in Italien hat. Insgesamt sechs Jahre lebte sie dort. Perugia, Sardinien, Bologna waren die Stationen. Auf Sardinien erforschte sie Schmetterlinge und promovierte 2003 mit einer Arbeit über Sardiniens Falter. In gewisser Weise hat auch die Modeindustrie, das Thema ihres neuen Buches „Sonnenspiel“, etwas damit zu tun. Umwelt, Klimaschutz und faire Arbeitsbedingungen, alles ist miteinander verwoben, findet Grill. Nicht zuletzt, weil die Textilindustrie für einen beträchtlichen Teil der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich ist. Die 80er und Fiorucci Mode ist, neben der Natur, für Andrea Grill immer ein Leibthema gewesen, schon wegen ihrer Familiengeschichte. Die Großmutter war Schneiderin, ihre Mutter hatte eine Boutique, mutmaßlich die einzige Fiorucci-Boutique im Salzkammergut. Fiorucci war ein Ende der 1960er-Jahre gegründetes italienisches Modelabel, das in den frühen 1980ern auch in Österreich viele Teenager begeisterte. Dann kam die Zeit der Fast Fashion mit Moderiesen wie H&M und die Fiorucci-Läden waren Geschichte. „Ich erinnere mich, dass ich als Kind auf Stapeln von Jeans und Pullis herumgesprungen bin“, sagt Andrea Grill. So etwas prägt. Das Thema Mode beschäftigt sie auch philosophisch. „Kleider sind unsere zweite Haut. Kleider sind uns sehr nahe und sie machen uns in gewisser Weise aus und unterscheiden uns voneinander.“ Grill hat viel zu dem Thema geforscht, immer wieder Artikel über Mode geschrieben, etwa über Kooperativen in Süditalien, die versuchen, Kleidung jenseits globalisierter Industrie zu produzieren. In Süditalien fand Grill auch Vorbilder für ihre nunmehrige Romanheldin Loredana, die in der pittoresken Anfangsszene beim Gärtnern das Hochzeitskleid ihrer Großmutter trägt. Alles made in Italy? Dieses romantische Bild steht im Widerspruch zu dem, was augenscheinlich ein Skandal ist: Dass in Süditalien große Modemarken ihren Kleidern in Heimarbeit die Finishing Touches verpassen lassen, karge Löhne zahlen und sich rühmen: Alles made in Italy! „Als ich davon in der Zeitung las, habe ich gedacht, kann das wahr sein? Und dann hab ich eine italienische Freundin angerufen und sie gefragt. Sie hat das bestätigt, viele Familien im Süden würden das machen. Sei zwar nicht gut bezahlt, aber was sollten sie denn sonst machen?“ Von miesen Arbeitsbedingungen in der Modebranche wollte Andrea Grill also erzählen. Doch soll man anderen wirklich erklären, was gut für sie ist? Dazu kommt das eigene Kaufverhalten: Wirklich nur Kleidung zu kaufen, bei deren Produktion die Menschen ordentlich entlohnt werden und die Umwelt nicht kaputt geht. „Du kannst im Alltag nicht dauernd allen mit diesen Sachen auf die Nerven gehen. Aber es ist mir wichtig, das zu erzählen. Ich bin in dem Sinn eine engagierte Schriftstellerin. Ich will helfen. Aber wie weit darf ich das überhaupt? Es ist ja auch eine gewisse Anmaßung, zu glauben, dass man besser weiß, was diese Arbeiterinnen brauchen.“ „Sonnenspiel“, diese scheinbar leichte süditalienische Geschichte voll Sonnenschein und Zitrusfrüchten, ist also sozial- und gesellschaftspolitisch ziemlich brisant. Sie erzählt nicht nur von prekären Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie, sondern auch von der Krise des Journalismus. Was ist eine gute Story und wer braucht so etwas heute noch? Nebenbei wächst sich der Roman dann auch noch zum Krimi aus, denn Loredana kann es gar nicht leiden, wenn sich jemand, und ganz besonders eine Amerikanerin, in ihre Angelegenheiten einmischt. „Sonnenspiel“ erzählt von der Kraft der Frauen, italienischer Frauen im Besonderen. „Italien wirkt nach außen hin nicht sehr feministisch, ist es aber im Einzelnen. Das habe ich während des Schreibens wieder stark empfunden. “ Die Antwort auf Krisen Das Schreiben sei für sie auch ein Experiment, in dem sie Fragen an das Leben stelle. Manchmal, sagt Andrea Grill, denke sie darüber nach, ob man in dieser krisenhaften Zeit überhaupt noch einen Roman schreiben könne, noch dazu einen, der in der Gegenwart spielt, schließlich ändert sich ja alles so schnell. Und dann kommt sie zum Schluss: Literatur ist die Antwort auf Krisen. „Texte geben dir einen Raum, in dem du über dich und die Beziehung zur Welt nachdenken kannst. Das gilt für die Schreibenden ebenso wie die Lesenden. Diese Räume haben wir fast nicht mehr. Wenn ich zu lange zu wenig lese, fehlt mir das. Das kann nur diese Art von Kunst. Ich liebe Film und bildende Kunst, aber Literatur ist etwas anderes. Du gehst in einen Dialog, betrittst einen Raum, der sich dir durch Sprache öffnet, und sprichst mit … ja, vielleicht auch mit lange verstorbenen Autorinnen und Autoren, die du nie sehen wirst, aber deren Bewusstsein du für Momente teilst. Das finde ich bemerkenswert und das ist etwas, das wir jetzt wirklich brauchen. Ich glaube, wir müssen Geschichten erzählen, mehr denn je.“
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