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Bitte um mehr Wertschätzung: Raus aus der Anonymität!
KURIER

Bitte um mehr Wertschätzung: Raus aus der Anonymität!

Die Diskussion um die Gefahren von Social Media umfasst individuelle psychologische Auswirkungen, aber auch gesellschaftspolitische Risiken. Einerseits ermöglichen Social Media Kanäle Vernetzung, andererseits sind deren negative Auswirkungen, wie Aspekte des Mobbings, Datenmissbrauch, Suchtgefahr und psychische Probleme vor allem bei Kindern und Jugendlichen bekannt. Ein Aspekt, der in jüngster Zeit in Diskussion geraten ist, ist die sogenannte, aktuell auch in Deutschland diskutierte Klarnamenpflicht. Hintergrund der Diskussion ist die Aggressivität vieler Kommentare, die in Foren auftritt, da diese anonym laufen. Aus den Verhaltenswissenschaften ist bekannt, dass Menschen eher geneigt sind, aggressives Verhalten einzusetzen, wenn sie anonym agieren. Nach dem heutigen Stand der Evolutionspsychologie hat der Mensch die längste Zeit seiner Evolutionsgeschichte in Kleingruppen von ca. 150 Individuen verbracht. Jene Verhaltensweisen, die in dieser Zeit zum Überleben beigetragen haben, haben sich fest in unserer Psyche verankert. Natürlich haben Kultur und Erziehung einen wesentlichen Einfluss auf menschliches Verhalten, dennoch kann man tendenziell noch heute Verhaltensweisen erkennen, die in jener Zeit entstanden sind, als wir als JägerInnen und SammlerInnen durch die Savannen Ostafrikas streiften. Kooperation unter Bekannten waren sinnvoll und Basis des Überlebenserfolges, aggressives Verhalten in stressigen Situationen aber manchmal vermutlich auch. Dies könnte die Basis sein, dass Menschen auch heute in anonymen Situationen, trotz aller Kultur und Erziehung, eher bereit sind, aggressives Verhalten einzusetzen, als in vertrauten Situationen, bei welchen man das Gegenüber kennt, Gesichter sieht bzw. eine Wahrscheinlichkeit auf Wiederbegegnung besteht. Natürlich ist das Erkennen biopsychischer Grundlagen niemals eine Rechtfertigung aggressiver Verhaltensweisen, im Gegenteil, das Erkennen ist Basis entsprechender Maßnahmen zu deren Bekämpfung. Das Leben in Großstädten stellt uns durch die Vielzahl an Begegnungen täglich vor anonyme Situationen, und es ist geboten, durch entsprechende Maßnahmen gegen Anonymität anzukämpfen. In Diskussionsforen fällt auf, dass jene UserInnen, die mit Klarnamen agieren, mehr auf ihre Ausdrucksweise und Qualifizierung anderer Meinungen achten als anonyme PosterInnen. Will man die Diskussion konstruktiv und sinnvoll halten, kommt man daher auf die Idee, eine Klarnamenpflicht einzuführen. Privatsphäre KritikerInnen argumentieren hingegen zurecht, dass eine Klarnamenpflicht im Internet den Schutz der Privatsphäre untergräbt, das Risiko von Datenlecks mit sich trägt, und mögliche politische Verfolgung und die Unterdrückung freier Meinungsäußerungen durch Angst vor Konsequenzen auslöst. Die Klarnamenpflicht würde das Ansprechen sensibler Themen verhindern und Minderheiten gefährden. Ein absoluter Schutz vor Hass im Netz wäre auch durch eine Klarnamenpflicht nicht gesichert, weil manche Täter bewusst mit ihrem echten Namen agieren. Es liegen auch Studien vor, die bezweifeln, dass eine Klarnamenpflicht wirklich Aggressivität im Netz reduziert, auch wenn dies gegen die oben genannten verhaltenswissenschaftlichen Überlegungen spricht. Das Bedürfnis sich mit anderen auszutauschen ist als Basis unserer menschlichen Sozialität wesentlichstes Produkt unserer Stammesgeschichte und hat uns erfolgreich gemacht. Daher ist der Erfolg der unglaublichen Möglichkeiten des Internets auch biopsychisch erklärbar. Dass es dabei aber konstruktiv zugeht, muss unser aller Ziel sein. Denkbar wäre daher differenziert vorzugehen. Onlinemedien der Qualitätspresse könnten in Ihren Diskussionsforen eine Klarnamenpflicht einführen, um eine Diskussion mit „offenem Visier“ zu ermöglichen und gegen die Herabwürdigung der DiskussionsteilnehmerInnen zu arbeiten. Gleichzeitig wäre es denkbar, dass andere Kanäle anonym bleiben, um eben die Vorteile des Austausches unter den Bedingungen der Anonymität zu ermöglichen. Menschen könnten sich dann auch im Internet jene Räume suchen, in welchen sie sich wohlfühlen. Gleichzeitig würde sich durch die NutzerInnenfrequenzen zeigen, ob die Klarnamenpflicht sich aufgrund einer gehobeneren Gesprächskultur in nicht anonymen Foren freiwillig durchsetzt. Zum Autor: Klaus Atzwanger ist Verhaltenswissenschaftler und Unternehmensberater.

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