KURIER
Die Szene ist mittlerweile fast ikonisch: US-Schauspielerin Rachel Sennott wird am roten Teppich gefragt, wie sie große Auftritte meistert. Ihre Antwort sorgt für Aufsehen: "Nimm den Betablocker, Girl." Der Clip ging viral , Hunderttausende Likes folgten, ebenso aber auch hitzige Debatten über den Umgang mit Emotionen und Leistungsdruck . Betablocker: Welche Stars nehmen sie? Auch bei den Golden Globes griff Schauspieler Robert Downey Jr. den Trend auf und erwähnte in seiner Rede, er habe "einen Betablocker genommen". In der Reality-Welt wiederum zeigte sich Kris Jenner in der Serie The Kardashians bereit, ihrer Tochter vor einem Auftritt eine Tablette anzubieten, was im Netz teils scharfe Kritik auslöste. Trend von Influencern & Normalos aufgegriffen Parallel dazu hat sich auf Plattformen wie TikTok ein eigener Kosmos rund um das Thema entwickelt. Vor allem junge Frauen teilen dort Videos, in denen Betablocker wie Propranolol als "Geheimtrick" gegen Stress vor Prüfungen, Dates oder Auftritten dargestellt werden – oft ironisch, manchmal ernst gemeint. Propranolol: Vom Herzmittel zum Performance-Hack Ursprünglich wurde der Wirkstoff Propranolol in den 1960er-Jahren als Herzmedikament entwickelt. Der britische Pharmakologe James W. Black erhielt dafür später den Nobelpreis. Propranolol gehört zur Gruppe der Betablocker und senkt unter anderem Puls und Blutdruck. Neben der kardiologischen Wirkung dämpft es auch körperliche Stresssymptome wie: Herzrasen Zittern Schwitzen Genau diese Effekte machen das Medikament für manche Menschen in Stresssituationen attraktiv, etwa bei Auftritten oder Prüfungen . Social Media treibt Nachfrage und Normalisierung Was früher eher ein Nischenphänomen war, wird heute offen thematisiert und teilweise sogar kommerzialisiert. In den USA bieten Telemedizin-Anbieter nach kurzen Online-Konsultationen Rezepte für Propranolol an. Laut Berichten des Wall Street Journal wird das Medikament dort zunehmend für Situationen wie Meetings, Präsentationen oder Hochzeiten verschrieben. In Großbritannien stiegen die Verschreibungen von Propranolol laut Observer insgesamt um rund 37 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts, bei Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren sogar um etwa 92 Prozent . In den USA liegt der Anstieg laut Wall Street Journal bei etwa 28 Prozent seit 2020, wobei vor allem Telemedizin und die Nutzung gegen situative Leistungsangst als Treiber gelten. Kritik aus der Medizin: "Keine Lösung für Angststörungen" Medizinische Fachleute sehen die Entwicklung kritisch. Zwar können Betablocker kurzfristig körperliche Symptome reduzieren, sie behandeln jedoch nicht die psychischen Ursachen von Angst. Der Schweizer Psychiater Joe Hättenschwiler betont gegenüber 20 Minuten , dass der Einsatz nur in klar begrenzten Situationen sinnvoll sein könne, etwa bei Lampenfieber vor einem Vortrag. Auch britische Kinder- und Jugendpsychiater warnen laut Medienberichten davor, Betablocker routinemäßig bei jungen Menschen gegen Angst einzusetzen. Situation in Österreich: legal, aber sensibel Im deutschsprachigen Raum ist die Lage differenzierter. Betablocker sind verschreibungspflichtige Medikamente und werden primär in der Kardiologie eingesetzt – also bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Dazu zählen vor allem Bluthochdruck (Hypertonie), koronare Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen und die Behandlung nach einem Herzinfarkt. In Einzelfällen können sie aber auch bei Angst- oder Stresssymptomatik verordnet werden. Konkrete Zahlen zu Propranolol-Verschreibungen werden in Österreich jedoch nicht separat ausgewiesen. Der aktuelle Trend zeigt vor allem eines: Die Grenzen zwischen medizinischer Behandlung und Lifestyle-Optimierung verschwimmen zunehmend. Während soziale Medien Betablocker als schnelle Lösung für Nervosität inszenieren, warnen Fachleute vor einer Verharmlosung verschreibungspflichtiger Medikamente.
Go to News Site