KURIER
Michael Krön hat zwar nur einen kleinen Raum in der Stadthalle als Büro bezogen. Der ist allerdings kaum 20 Schritte vom Probengeschehen zur größten Musikshow der Welt entfernt. Krön (54) ist als Executive Producer für die Organisation des Eurovision Song Contests ( ESC ) in Wien verantwortlich. KURIER: Was ist das Besondere daran, ein Event wie den Song Contest zu verantworten? Michael Krön: Als Medienmanager hat man nur sehr selten die Möglichkeit, an einer Veranstaltung dieser Größenordnung mitzuwirken. Man vergisst immer, was es ist: eine Koproduktion von 35 Ländern, die man organisieren und koordinieren muss. In Wirklichkeit ist es, sehr verkürzt, wie 35 Mal ein riesengroßes Konzert à la Rolling Stones oder Taylor Swift: Die haben auch besondere Bühnen und Shows, aber da gibt es ein Setup für eine Band und einen Künstler, und das spielt dann zweieinhalb Stunden durch. Wir hingegen müssen in zweieinhalb Stunden – also im Finale – 25 Acts und noch die Acts für das Opening und die Pausen immer in anderen Setups, mit anderen Leuten aufbauen, das ist die Riesenherausforderung. Mit wie viel Einmischung der EBU muss man als Executive Producer des ESC rechnen? Na ja, schon viel. Also nicht in der Ausgestaltung, aber in den Vorgaben. Da geht es um Größe, um Kapazität, um Mindestanforderungen. Es geht darum, die Marke Eurovision zu beschützen und zu entwickeln. Für die EBU ist Eurovision der wichtigste Brand. Das geht von dem, was die Bühne können muss, wie groß der Veranstaltungsort sein muss, bis hin dazu, wie mit dem Logo umgegangen werden darf und welche Partner man einbinden und welche Side-Events man machen kann. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind zu einem Großteil von der EBU vorgegeben. Das Besondere am Song Contest ist eben, dass jedes Jahr ein anderes Teilnehmerland den ESC veranstaltet und somit auch die ganze Exzellenz und der ganze Lokalkolorit der Austragungsländer einfließen kann. Gibt dann die EBU zum Beispiel vor, es muss eine Halle sein, die 20.000 Menschen fasst? Ja, es gibt so Richtgrößen. Natürlich sind aber vor allem für den Host-Broadcaster größere Venues wichtig, da die Tickets die wichtigste Refinanzierungsquelle sind. Die Stadt und das Land wiederum profitieren stark vom Werbewert und der Umweltrentabilität. Das war so in Liverpool, das war so in Basel, es wird auch bei uns so sein. Wie ist gerade Ihr Stresslevel auf einer Skala von 1 bis 10? Das variiert sehr. Ich habe Tage oder sagen wir mal Halbtage, wo ich keinen Stress habe, also wo es einfach nach Plan läuft. Mein Kalender ist schon wahnsinnig voll, ich fange um 7 Uhr an und komme eigentlich nicht vor 23 Uhr dazu, einmal auszuschnaufen. Aber das ist alles wunderbar geplant und ich habe ein tolles Team, dem ich vertraue. Ich muss mich oft gar nicht im Detail einmischen, weil die Kolleginnen und Kollegen das sehr gut im Griff haben. Ich schaue darauf, dass alle Gewerke richtig ineinandergreifen. Aber natürlich passiert dann irgendwo etwas, was den Kalender in Unordnung bringt und wo irgendwelche Brände zu löschen sind. Dann entsteht schon Stress. Der Level ist schon auch ein paar Mal bis auf Stufe 8 geklettert, dann aber jedes Mal wieder abgeebbt. Was waren die größten Herausforderungen? Geld ist eine sehr große Herausforderung. Das Besondere am Eurovision Song Contest ist, dass es wahnsinnig schnell gehen muss. Man muss ein Projekt in einer Größenordnung von einer Olympiaeröffnung planen, hat aber nicht vier, fünf Jahre Zeit, sondern muss das alles in etwas weniger als einem Jahr stemmen. Man macht ein Budget, ohne dass man die Details kennt, fast alles muss europaweit ausgeschrieben werden, weil wir ein öffentliches Unternehmen sind. Bei so viel Technik und Dienstleistung, die wir in diesem Projekt benötigen, da geht es schon immer wieder um sehr viel Geld auf oder ab. Außerdem ist die Organisation eines so großen Projekts für den ORF keine Routine, denn normalerweise sind wir nicht Veranstalter, sondern wir sind Broadcaster, dann liegen Sicherheit, Akkreditierung, etc. nicht in unserer Verantwortung. Dass wir das kommunizierte Budget auch einhalten, ist sicher die größte Herausforderung. Wir bewegen uns da die ganze Zeit an einem Grat, denn wir wollen und müssen als ORF für Europa und die Welt natürlich auch State of the Art produzieren. Wir wollen zeigen, was der ORF kann. Unser Publikum soll stolz sein auf das, was der ORF da macht. Also die Sicherheit kostet heuer mehr als vor elf Jahren? Es war eine völlig andere Welt damals. Das war vor der großen Flüchtlingswelle. Es gab zwar schon einen Konflikt Russland-Ukraine, aber noch nicht in dieser Eskalation. Jetzt gibt es noch einen neuen Krieg. Es gab den Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023. Das hat auch die Welt wieder verändert. Wir geben schon wesentlich mehr Geld für Sicherheit aus als 2015. Wird der ORF weniger Geld brauchen als das Schweizer Fernsehen in Basel im Vorjahr? Ich glaube, wir werden ungefähr bei dem abschließen, wo die SRG auch gelegen ist. Das sind eben diese 16 Millionen Euro, die wir immer kommuniziert haben für den ORF. Wir befinden uns in einer etwas schwierigeren Situation, weil wir merken, dass die veränderte Weltlage auch das Verhalten der internationalen Sponsoren verändert hat. Ist das eine Folge des Israel-Themas? Das müssen Sie die Sponsoren fragen. Es sind Märkte weniger, das muss man ganz klar sagen, denn es sind manche Rundfunkanstalten nicht dabei. Wobei die Niederländer zum Beispiel zwar nicht teilnehmen, aber trotzdem ausstrahlen, was ich sehr toll finde. Wir werden schauen, was wir an Zuschauerinnen und Zuschauern erreichen werden dieses Jahr. Es sind einfach andere Voraussetzungen als noch in Basel. Hat die Absage der fünf Länder Auswirkungen auf die Planung gehabt? Nein, überhaupt nicht. Mitzahlen müssen die ja trotzdem, oder? Nein, wenn man nicht teilnimmt, muss man auch nicht zahlen. Das Geld für den Host Broadcaster kommt nicht aus dem generellen EBU-Beitrag der einzelnen Mitglieder, sondern aus einer Participation Fee. Auch der ORF zahlt das jedes Jahr, wenn er am ESC teilnimmt. Jeder kauft sich damit eine Woche, insbesondere drei Hauptabende, tolles Programm. Also war da eine Budgetlücke? Wenn dann nur für die EBU, nicht für den ORF. Wir bekommen aus dem Titel „Participation Fee“ die gesamte veranschlagte Summe von der EBU. Zuletzt war der Song Contest ja mehr ein Wettbewerb der Special Effects als einer der Musik, kann man da gegensteuern? Wir können ja nur das beeinflussen, was wir selber inszenieren. Wir haben versucht, keine Guckkastenbühne zu bauen, sondern eben eine Bühne, wo rundherum Menschen sind, die wirklich in die Mitte hineingeht. Das war uns von Anfang an sehr wichtig. Wir haben natürlich trotzdem das beste Licht aufgehängt, das es momentan gibt, mit allen Neuerungen. Aber bei den Acts, die wir selber inszenieren, also bei den Openings und bei den Interval Acts, da haben wir schon sehr drauf geschaut, dass wir auch mal ein bisschen kleiner werden, dass wir emotionaler werden. Da muss ich gerade wie ein Haftelmacher aufpassen, dass das so bleibt. Wir wollten zum Beispiel bewusst, dass das im Finale von Cesar Sampson interpretierte „Vienna“ ein emotionaler Wien-Moment ist, da brauchen wir nicht die große Lichtexplosion. Nichtsdestotrotz wird es auch genügend Remmidemmi geben. Sind Sie erleichtert, dass Israel bei den Wettquoten nicht ganz vorne ist, weil das vielleicht den Druck ein bisschen rausnimmt? Nein. Darum kümmere ich mich wirklich gar nicht. Wir werden Israel genauso behandeln wie alle anderen. Wie wird man in Wien dafür sorgen, dass der Konflikt zwischen Israel und Israel-Kritikern unter den Delegationen nicht eskaliert wie in Malmö? Ich glaube, sehr wichtig ist, dass wir für die Delegationen eine gute Atmosphäre schaffen. Die müssen sich hier wohlfühlen, gesehen und gehört fühlen. Die leben dann auch hier diese zwei Wochen auf sehr engem Raum. Da muss man schauen, dass die gut betreut sind, dass die den Stress gut verarbeiten. Dann ist schon sehr viel Dampf aus dem Kessel draußen. Dann gibt es aber noch das Publikum: Wie wird mit Buhrufen umgegangen? Wir zeigen was ist, das ist unser Job. Wir sind öffentlich-rechtlich und wir sind der Realität verpflichtet. Wir können nicht so tun, als wäre nichts, wenn was ist. Wenn etwas gefällt, kann man jubeln. Und wenn etwas nicht gefällt, kann man auch pfeifen oder buhen, wenn man das will. Ich persönlich finde es nicht respektvoll, weil ich finde, kein Artist, der da oben steht und sich präsentiert und versucht, seinen Traum zu leben, verdient es, ausgebuht zu werden und auch nicht politisiert zu werden. Das ist meine Meinung. Aber Menschen in diesem Land können ihre Meinung sagen und kundtun. Damit müssen wir umgehen und werden wir umgehen. Aber es muss verhältnismäßig bleiben. Wir werden nicht den Abend für 10.000 Menschen kaputtmachen, weil fünf Menschen mit Trillerpfeifen – die wir übrigens verboten haben – versuchen, so viel Lärm zu machen, damit man eine Künstlerin oder einen Künstler nicht hören kann. Da muss man schauen, dass man einen fairen Wettbewerb bewahren kann. Im Zuge der aktuellen Affären um frühere ORF-Führungskräfte wurde auch geschrieben, dass sie den Koordinator des ESC 2015, Pius Strobl, nicht kontaktieren durften. Stimmt das? Nein.
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