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Venedig-Biennale: Es quietscht im Gebälk der Kunstwelt | Collector
Venedig-Biennale: Es quietscht im Gebälk der Kunstwelt
KURIER

Venedig-Biennale: Es quietscht im Gebälk der Kunstwelt

Das Erste, das beim Betreten des Giardini-Geländes in Venedig ins Auge sticht, ist eine Triggerwarnung: „Der österreichische Pavillon zeigt eine künstlerische Darbietung, die auch vollständige Nacktheit beinhaltet“, heißt es da. Der sogenannte Hoffmann-Pavillon steht im hintersten Eck des Geländes. Am Dienstag sind offiziell noch „Proben“ von Florentina Holzinger s Installation „Seaworld Venice“ für das Fachpublikum zu sehen – eine ausführliche Besprechung lesen Sie im KURIER am Donnerstag. Nur so viel: Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema (Ab-)Wasser ist eine intensive Erfahrung, doch anders als vorab kolportiert, schwimmt niemand in Urin. Am ersten Preview-Tag regnet es, aber es stinkt nicht. Falscher Blumenduft Wie berichtet , stinkt so manchen allerdings die Teilnahme Russlands, was der Präsident Pietrangelo Buttafuoco, der am Dienstag von Fotografen und Kameras umringt wird, aber an seiner Regenjacke abprallen lässt. Im russischen Pavillon selbst riecht es dafür nach Blumen. Es ist ein künstlicher Duft, der ein Plastikblumen-Arrangement des Künstlers Timofey Dudarenko umwölkt. Man mag das beigefügte Manifest – Kernaussage: „Blumen sollen duften dürfen“ – ums Eck politisch deuten; ebenso wie die Gesänge und Musikdarbietungen traditionell gekleideter junger Menschen, die hier bis Freitag ein Programm einspielen, das dann bis November hinter verschlossenen Türen abgespielt werden soll. Hauptsache Kunst Doch vorrangig ist nicht der Inhalt der jeweiligen Kunst politisch, sondern der Umstand, dass sie überhaupt da ist. Das gilt auch für den Pavillon der USA, der ein bisschen aussieht wie die Verkaufsausstellung einer Galerie: Die in edlen Materialien ausgeführten Objekte des Bildhauers Alma Allen könnten auch von einer KI konzipiert worden sein, die zuerst mit dem Sack-und-Gack-Skulpturverständnis von Franz West oder Sarah Lucas trainiert wurde, aber auch Seeschnecken oder menschliche Figuren in die Formfindung einbezogen hat. Israels Pavillon, am Giardini-Gelände gleich neben den USA, ist heuer geschlossen – wegen nötiger Bauarbeiten, wie ein Hinweis verrät. Der politisch nicht minder kontroversielle Beitrag ist in einen separaten Teil des Arsenale-Geländes übersiedelt, was laut der Kuratorin Avital Bar-Shay nicht an Sicherheitsbedenken gelegen habe. „Keine Angst“ Formal ist auch die Installation „Rose of Nothingness“ harmlos: In ein schwarzes Bassin tropft Wasser, unterbrochen von Pausen von 42 Sekunden, was eine kontemplative Atmosphäre schafft. Beim KURIER-Besuch steht der Künstler Belu-Simion Fainaru am Rand des Bassins und sagt sehr oft den Satz „Ich habe keine Angst“. Er wolle einen offenen Raum für alle schaffen, sagt der in Rumänien geborene Künstler, der noch in kommunistischen Zeiten aufwuchs. „Es gibt Möglichkeiten, mit gegensätzlichen Ideen und Glaubensgrundsätzen zu leben. Aber ein Denksystem sollte das andere nicht ausschließen“, erklärt er. Begegnungszone Tatsächlich würden die Nachbarschaften im Biennale-Gelände Begegnungen ermöglichen, die Politikern nicht offen stehen, sagt Fainaru. Sein Versuch, mit Vertretern des gleich gegenüber liegenden saudi-arabischen Pavillons ins Gespräch zu kommen, sei aber ebenso gescheitert wie der Kontakt zur Künstlerin Yto Barrada : Die Französin mit marokkanischen Wurzeln hatte im Vorfeld einen Boykottaufruf gegen Israels Beteiligung unterzeichnet. In den Giardini bespielt sie nun den französischen Pavillon mit einer komplexen, materiell vielseitigen Schau, die sich aber primär um kunstimmanente Fragen dreht. Die Gratwanderung zwischen Form und Politik gelingt im Deutschen Pavillon am ehesten: Der 1938 errichtete Bau wurde von der im Vietnam geborenen Künstlerin Sung Tieu außen völlig verfliest. Das soll einen Plattenbau in Berlin nachahmen, in dem einst Gastarbeiter untergebracht wurden. Die Lebenswelt in Ostdeutschland ist auch das bestimmende Thema im Innenraum: Die Künstlerin Henrike Naumann , die im Februar überraschend verstarb , hatte bis zuletzt Kitschobjekte und Möbelteile jener Zeit gesammelt und arrangiert, um ein kolossal ungemütliche Wohn- und Wahnlandschaft mit zahllosen Anspielungen zu schaffen. Die Künstlerin konnte allerdings mit etwas historischer Distanz auf eine Epoche blicken – und war nicht ganz so heftig den Zerrkräften der Gegenwart ausgesetzt.

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