KURIER
Es gibt Dinge, die sollte man gesehen haben. In Österreich zählt die Marillenblüte in der Wachau definitiv dazu. Gekommen sind wir genau deswegen, aber mit deutlich mehr als nur Blütenbildern wieder gefahren. Aber von vorn. Es beginnt an einem dieser klaren Frühlingstage Anfang April. Die Luft ist mild, die Sonne scheint und wir – ich und meine zwei besten Freundinnen – sind schon voller Vorfreude. Heute geht es für uns zur Marillenblüte in die Wachau. Ein Pflichttermin für viele, aber für uns drei noch gänzlich neu. Wir sind gerade aus Wien am Bahnhof Krems angekommen und schon geht es munter weiter. Beim Aussteigen fällt uns schon das Glitzern des goldenen Zugs am vorderen Ende des Bahnsteigs auf. Die Wachhaubahn steht schon bereit. Abfahrt mit der Wachaubahn Gut zu wissen: Die Wachaubahn verkehrt saisonal, in der Hauptsaison von Frühling bis Herbst meist mehrmals täglich zwischen Krems und Emmersdorf an der Donau. Typische Abfahrtszeiten ab Krems liegen am Vormittag und frühen Nachmittag. Die Fahrt bis Weißenkirchen, unserem heutigen Ziel, dauert knapp 20 Minuten, bis zur Endstation rund eine Stunde. Wir checken noch schnell unsere Tickets und nehmen dann die reservierten Plätze ein. Pünktlich um 11:18 Uhr fährt der Zug los und die Landschaft zieht langsam an einem vorbei. Geschichte zum Anfassen und Anhören Ein QR-Code am Fenster verspricht einen kostenlosen Audioguide , der von der Geschichte der Strecke und der Bahn erzählt – von ihrer Eröffnung 1909, von der klugen Trassierung oberhalb der Hochwasserlinien, die auch bei Überschwemmungen einen Betrieb der Bahn garantierte und von ihrer allgemeinen Bedeutung. Nicht umsonst wurde die Wachaubahn als mehr als nur ein Verkehrsmittel angesehen. Sie wurde auch als Lebensader der Region gesehen. "Mei, is des schee" Während ich viel Wissenswertes über die Region und das UNESCO-Weltkulturerbe erfahre, merke ich aber schnell: Viel öfter als man zuhört, schaut man hinaus. Immer wieder schweift der Blick auf die traumhafte Kulisse der Donau, die sich wie eine Schlange ihren Weg durch die Region bahnt. Die Hänge werden mit jeder Minute Fahrt grüner und dann blitzen auch schon die erste Blüten auf. Es dauert nicht lange, dann fällt er zum ersten Mal, dieser Satz, der an diesem Tag noch öfter kommen wird: „Mei, is des schee.“ Idylle pur in Weißenkirchen Nach etwa 20 Minuten sind wir in Weißenkirchen in der Wachau angekommen. Dem sympathischen Schaffner der Wachaubahn winken wir zum Abschied noch einmal zu und dann geht es schon Richtung Ortszentrum. Enge Gassen, pastellfarbene Häuser, darüber die Kirche und dazwischen Marillenbäume, die gerade in voller Blüte stehen. Der Einstieg zum Panoramaweg braucht jedoch einen Moment. Zum einen wollen wir natürlich unbedingt Fotos von den Marillenbäumen machen. Zum anderen haben wir gleich zu Beginn leichte Orientierungsschwierigkeiten. Einmal falsch abgebogen, kurz gesucht, dann passt es wieder. Der Weg ist an und für sich gut ausgeschildert. Viel Abwechslung und reichlich Panorama Der Panoramaweg rund um Weißenkirchen in der Wachau nach Achleiten ist keiner, der sich in großen Gesten verliert. Er funktioniert vor allem im Detail und genau darin liegt sein Reiz. Auf rund vier Kilometern Länge führt er in etwa 1 Stunde und 20 Minuten durch eine Landschaft, die ständig ihr Gesicht verändert. Der Weg gilt als leicht zu gehen, auch wenn sich immer wieder kurze, teils steilere Anstiege mit angenehmen, flachen Passagen abwechseln. Gerade diese Mischung sorgt für Abwechslung, ohne zu überfordern. Mal geht es durch schmale Dorfgassen, dann zwischen Marillenbäumen hindurch, vorbei an den ersten Arbeiten in den Weingärten. Die Reben werden aus dem Winterschlaf geholt, die Landschaft wirkt lebendig. Die Heurigen haben um diese Zeit noch geschlossen, doch hier und da stehen Selbstbedienungsautomaten – kleine, fast versteckte Stopps, die ein Getränk mit Blick auf die Donau ermöglichen. Ein Stück Wachau zum Erleben Ein Stück weiter führt der Weg in den Wald, dann wieder hinaus auf offene Hänge. Viel zu oft bleibt man stehen, nicht weil man muss, sondern weil sich das Panorama förmlich aufdrängt. Die Wachau liegt einem hier zu Füßen: die Donau, die Terrassen, die Ortschaften darunter. Und jedes Mal, wenn der Blick darüber schweift, fällt er wieder fast automatisch, dieser Satz: „Mei, is des schee.“ Dazwischen sind es die kleinen Begegnungen, die den Weg tragen: eine Katze, die kurz innehält und weiterzieht. Salamander, die durchs Gebüsch huschen. Ein paar Worte mit Winzer:innen, die zwischen den Reben arbeiten. Waldspaziergang inklusive Spontan ergibt sich unterwegs ein Abstecher auf den Höhenweg, der großteils durch die Wälder der Gegend führt und einen beinahe vergessen lässt, wo man gerade unterwegs ist. Das Licht wird gedämpfter, die Geräusche leiser. Erst auf einer Lichtung öffnet sich die Landschaft wieder – und zieht einen fast automatisch zurück ins Tal nach Achleiten. Parallel zur Donau führt der Weg schließlich zurück nach Weißenkirchen und schließt die Runde. Zurück im Ort brauchen wir Stärkung. Es zieht uns zum Weingut Mang . Draußen sitzen, köstliche Gerichte bestellen, ein Glas dazu – viel mehr braucht es nicht. Eines muss aber noch sein. Nachdem wir die Schönheit der Wachauer Marillenblüte bereits bestaunt haben, müssen wir sie freilich noch verkosten. Marillenstreuselkuchen und Topfen-Marillenzelten dürfen zum Nachtisch nicht fehlen. Beim Probieren hört man von unserem Tisch nicht viel, außer ein genussvolles "Mmmmhh". Die Atmosphäre bleibt entspannt, der Alltag hat Pause und wir sagen nur leise vor uns hin: "So kann Leben sein." Die beseelte Heimkehr Nach rund vier Stunden geht es für uns wieder zurück. Wer mehr Zeit hat, kann den Ausflug jedoch problemlos ausdehnen: Die Wachaubahn verbindet die wichtigsten Orte entlang der Donau in kurzen Abständen und lädt geradezu dazu ein, mehrere Stopps einzulegen. Ein- und aussteigen, weiterfahren, wieder anhalten – so lässt sich die Wachau Stück für Stück entdecken, ob für einen Spaziergang, eine Einkehr oder einfach einen weiteren Blick auf die Landschaft. Am Nachmittag begrüßt uns noch ein letztes Mal unser Schaffner vom Vormittag im Zug. Die Wachaubahn rollt wieder ruhig entlang der Donau, die Landschaft wirkt jetzt vertrauter. Im Zug entsteht noch ein Gespräch mit einem anderen Wanderer, der uns noch einen Tipp verrät: Es gibt Karten , die gezielt zu den Marillengärten der Region führen. Eine Idee für das nächste Mal. Viel Landschaft, nette Begegnungen und eine Auszeit, die nachhallt Und als wir noch einmal die vorbeiziehende Landschaft aufsaugen, wird uns klar: Die Marillenblüte war der Anlass, aber nicht das, was bleibt. Gekommen sind wir für ein Naturschauspiel, gegangen sind wir mit Eindrücken, die weit darüber hinausreichen: die Fahrt entlang der Donau, die Wanderung, die Gespräche, die kleinen Entdeckungen. Die Wachau zeigt sich hier nicht nur von ihrer schönsten, sondern auch von ihrer vielseitigsten Seite. Unser Fazit ist eindeutig: Es war kein großer Ausflug im klassischen Sinn. Sondern einer, der sich aus vielen kleinen Momenten zusammensetzt. Einer, bei dem man gar nicht viel sagen muss. Außer vielleicht: „Mei, is des schee.“
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