KURIER
Die Masche war immer dieselbe: Das Paar beobachtete zumeist ältere Menschen in der Bank beim Geldabheben in Banken, folgte ihnen, teils sogar mit Bus und U-Bahn, bis in Stiegenhäuser und vor Arztpraxen. Dort täuschte die Frau plötzlich Schmerzen vor, während ihr Partner den so abgelenkten Personen die Taschen aufschnitt und das behobene Geld entwendete. Wegen dreier solcher Fälle, die sich in Wien zwischen Oktober und Dezember 2025 zugetragen haben, muss sich das im europäischen Raum mehrfach einschlägig vorbestrafte rumänische Paar am Donnerstag vor Gericht verantworten. Eine 71-Jährige wurde so vor ihrer Haustüre um gerade abgehobene 3.000 Euro gebracht, ein anderer um knapp 8.000 Euro. "Ein ordentliches Polster" Besonders hart traf es jedoch ein älteres Ehepaar, das an diesem Tag ebenfalls vor Gericht aussagte. Ihnen soll der Erstangeklagte den Einkaufstrolley von oben bis unten aufgeschlitzt und einen Rucksack mit insgesamt 153.000 Euro entwendet haben. Wie kam es dazu, dass die beiden an dem Tag mit so viel Geld unterwegs waren? "Wir haben aufgrund unseres Alters immer ein ordentliches Polster daheim", erklärt die 77-Jährige. Insgesamt waren es 42.600 Euro. Zusätzlich habe das Paar in den Tagen zuvor ein Konto aufgelöst und den Betrag von 104.000 Euro behoben. Das gesamte Bargeld wollten sie zur Bank bringen, um es einzuzahlen. "Wir haben das Geld daheim fein gezählt, in Papierkuverts sortiert und mit zwei Sparbüchern in einem Rucksack ganz unten in unseren Einkaufstrolley gelegt." Bei der Bank war jedoch sehr viel los und sie standen wegen eines Arzttermins unter Zeitdruck. Deshalb entschied sich das Ehepaar, den großen Geldbetrag "nicht anzurühren" und an einem anderen Tag einzuzahlen. Sie hoben noch 6.000 Euro ab, packten diese in den Rucksack zu dem anderen Geld und machten sich auf den Weg zum Arzt. "Wir waren sehr vorsichtig. Wir haben einfach nicht gesehen, dass uns Menschen folgen, die uns schaden wollen", sagt die Frau. "Hab nimmer rauskönnen" In den Aufzug zur Arztpraxis seien dann "wie aus dem Nichts" noch zwei Menschen eingestiegen, die die Zeugin auch vor Gericht klar als die beiden Angeklagten identifizierte. Sie stieg bei der Praxis aus, ihr Mann blieb mit dem Trolley und den beiden Angeklagten im Lift zurück. Als er Minuten später endlich ausstieg, waren die beiden bereits weg und er "käseweiß". "Ich hab nimmer rauskönnen", sagt der 86-Jährige vor Gericht. Die Zweitangeklagte habe sich plötzlich vor der Türe zusammengekrümmt und Schmerzenslaute von sich gegeben. "Der Lift ist rauf- und runtergefahren, die Tür ist nicht aufgegangen ", erzählt er. Mutmaßlich hatte da der Angeklagte die Knöpfe betätigt, um sich so mehr Zeit zu verschaffen. Als der 86-Jährige den Lift endlich verlassen konnte, stellte er schnell fest, dass der Rucksack mit dem gesamten Geldbetrag aus dem zerschnittenen Trolley entwendet worden war. "Das Geld war weg und und der Schock war da", sagt der betagte Mann. "Wenn die Täter wüssten, was sie uns angetan haben, würden sie den Schaden wiedergutmachen. So viel Geld zu sparen, das sind viele Jahre Arbeit, das dauert lange, das wegzulegen", sagt seine Frau. Sie könne seit dem Vorfall nicht mehr schlafen, das Paar habe "einen seelischen Knacks " bekommen. Gekommen, um zu stehlen Die Angeklagten bekennen sich zu den Vorwürfen teilweise schuldig . Warum er nach Wien gekommen sei, will die Richterin vom Erstangeklagten wissen. "Um zu stehlen", die freimütige Antwort. Er sei Kleptomane und Dieb "seit Geburt", sehr fingerfertig, das gestohlene Geld verspiele er in Casinos. "Ich bin krank", sagt er über sich selbst. Seine Lebensgefährtin habe aber mit den Diebstählen nichts zu tun gehabt. Eine Aussage, die die Richterin angesichts übereinstimmender Zeugenaussagen als wenig glaubwürdig bewertet. "Die sagen alle, dass Ihre Frau einen Schwächeanfall vorgetäuscht hat." Auch den hohen Geldbetrag, der dem älteren Ehepaar entwendet wurde, habe er nicht gestohlen. Er habe lediglich ein Kuvert mit 6.000 Euro entwendet. Auch das glaubt ihm die Richterin nicht. Zudem, ergänzt die Staatsanwältin in ihren abschließenden Worten, sei das Ehepaar noch am Tag des Diebstahls abgereist - wohl, so die Vermutung, weil die Beute mehr als ausreichend war. Der Verteidiger des Paares versucht, "sich in die Verbrecherlogik hineinzuversetzen": "Vielleicht war er selber von der hohen Geldsumme überrascht, vielleicht wollte er vor seiner Partnerin verbergen, dass so viel Geld vorhanden war." Urteil Die Zweitangeklagte zeigt sich reuig und entschuldigt sich in ihren letzten Worten. Ihr Partner entschuldigt sich auch und ergänzt: "Es ist halt passiert." Der Mann wurde nun zu 24 Monaten Haft verurteilt, davon 16 Monate bedingt. Die Frau bekam 20 Monate Freiheitsstrafe auferlegt, davon 14 Monate bedingt. Die Probezeit beträgt bei beiden drei Jahre. Ende Jänner bzw. Anfang Februar waren sie in Rumänien verhaftet und wegen eines europäischen Haftbefehls nach Österreich überstellt worden. Diese Haftzeit wird auf die unbedingte Strafe angerechnet. Das Urteil ist rechtskräftig.
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