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Kult: Im ältesten Plattengeschäft Wiens lebt Vinyl für immer | Collector
Kult: Im ältesten Plattengeschäft Wiens lebt Vinyl für immer
KURIER

Kult: Im ältesten Plattengeschäft Wiens lebt Vinyl für immer

Sanft setzt die Nadel am Vinyl auf. Die Single eiert im Rund des Plattenspielers um sich selbst, der Tonarm tastet die Rillen ab, es knistert. Dann setzt zärtlich die Gitarre ein, ein Drumstick schlägt an, hoch und zerbrechlich schmachtet Kath Bloom ihre ersten Lyrics. „There’s a wind that blows in from the north ... And it says that loving takes this course.“ Die Liebe nimmt Fahrt auf, und das stimmt: Man kann Ethan Hawke und Julie Delpy förmlich dabei zusehen, wie sie sich ineinander verlieben, als sie zusammen den Song „Come With Me“ hören. Verstohlen Blicke tauschen, mal hin, dann wieder weg, sich den anderen nicht zu küssen getrauen – noch nicht. „Before Sunrise“ ist Kult und der vielleicht ultimative Wien-Film. Gedreht wurde die Szene 1995 in der Windmühlgasse im sechsten Bezirk. Im Plattengeschäft Teuchtler . Suche nach der wahren Liebe „Der Ethan Hawke war sehr entspannt“, erinnert sich Christoph Teuchtler. Julie Delpy sei hingegen etwas – der höfliche Vinyl-Seigneur will das Wort „Diva“ nicht in den Mund nehmen – resolut-bestimmter gewesen. In drei Tagen war die Szene im Kasten. Dafür gab es gutes Geld. Erst Jahre später entdeckte er, welch kulturelles Echo der Film in der Welt hervorgerufen hatte. Beim Besuch im Geschäft lässt sich das live gut beobachten. Mehrere Japaner stöbern sich durchs Geschäft, machen Selfies vor dem „Before Sunrise“-Filmplakat, kichern, stellen Fragen. Sie erkundigen sich hoffnungsfroh nach der Sunrise-Single, doch die ist schon längst nicht mehr erhältlich. Nur anhören können sie sich die noch, gleich vor Ort, an einem der drei aufgebauten Plattenspieler. Das tun sie, verträumt und selig. „Liebe Leute, auf der Suche nach der wahren Liebe“, lächelt Chef Teuchtler. Sein Geschäft ist der älteste Plattenladen Wiens . 1948 hat ihn Großvater Roland gegründet, und Christoph wird ihn weitergeben an seine zwei Söhne Etienne und Leonard. Die stehen ebenfalls schon im Geschäft, genauso wie immer noch Oma Elisabeth. Die wahre Liebe, das ist für sie und viele andere Vinyl. Das schwarze Gold. Die CD ist tot. Und die alte LP liegt plötzlich wieder im Trend. Klar, die meisten hören die Musik ihrer Lieblingskünstler heute über Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music & Co, die 87,1 Prozent des Gesamtumsatzes verantworten. Gleichzeitig hat Vinyl zum ersten Mal die CD überholt, 2025 wurden in Österreich mehr Schallplatten verkauft als Silberscheiben. Vinyl erzielte 13,3 Millionen Euro Umsatz, die CD bloß rückläufige 12,4 Millionen. Der heimische Musikmarkt legt zu. Vinyl ist mit 5,8 Prozent Anteil am Gesamtmarkt ein stabiles Premium-Segment. Pro Einheit bringt es höhere Margen als das Digitalgeschäft. Eine Nische, die sich hält und stetig mausert. Doch was sind die Gründe dafür? Affront zum Algorithmus Hauptgrund ist – die Generation X. Also jene Menschen über 50, die noch mit Festnetztelefon und Commodore 64 aufgewachsen sind, mit Kaltem Krieg und MTV, mit dem Soundtrack von Madonna und „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana im Ohr. In den Neunzigern sind sie zur CD gewechselt und kehren jetzt wieder zurück, andere haben Vinyl nie aufgegeben. Für alle ist die Schallplatte nicht bloß ein Tonträger, sondern ein Gefühl. Erst beim Stöbern im Geschäft, zuhause dann, wenn sich der Tonarm aufs Vinyl legt, beim bewussten Hören, während man die Cover studiert, das Artwork, die Liedtexte liest. Auditive Entschleunigung. Und im Streaming-Zeitalter ein kulturelles Statement als Affront zum Algorithmus. Eine Platte ist ein Versprechen. Ihr zuzuhören, intimer als sich bloß Airpods in die Ohren zu stöpseln. Der Sound taucht tiefer in die Seele, man muss, nein: darf sich Zeit nehmen dafür. Knacksen und Rauschen sind Teil der Reise. Auch einer Zeitreise: Als eine gut sortierte Plattensammlung noch eine gute Gelegenheit hergab, ein Mädchen mit hinauf zu bitten, um ihr diesen einen, ganz speziellen, immens wichtigen Song vorzuspielen. Das hat Spotify ruiniert. „Nostalgie und emotionale Verbundenheit spielen bei der Ü-50-Zielgruppe eine große Rolle“, weiß Musikwissenschaftler Ralf von Appen , der auch das Institut für Popularmusik in Wien leitet. „Und diese Zielgruppe hat heute oft genug Geld, um die hohen Preise für Vinyl und vor allem hochwertiges Equipment zu zahlen. Sie zelebriert das Musikhören als etwas Besonderes – es erfüllt Bedürfnisse, die Streaming nicht erfüllen kann.“ Heißt: All jene, die einst schon im Kinderzimmer über den Texten auf der U2-LP brüteten oder angeregt die sexy Covers von Roxy Music studierten, kaufen heute wieder brav Vinyl. Aber wer denkt, für die Jungen von heute sei das nix, der irrt. Sie ziehen nach. Die Swifties schlagen zu „Sie wollen nicht nur einzelne Songs eines Künstlers hören, sondern bewusst das ganze Album“, plaudert Teuchtler-Sohn Etienne aus der Verkaufspraxis. So wie früher eben – als man auf einer Platte auch in die sogenannten Fillers, die Füllstücke zwischen den Hits, genau reinhörte – und dabei unerwartete Song-Juwele entdeckte. Dazu kommt: Junge Hörer sind nun mal loyale, unterstützende, leidenschaftliche Fans. Die Swifties, die Taylor Swift, die meisterverkaufte Musikantin in Österreich, fanatisch verehren, kaufen sich alles, auf dem ihr Name draufsteht. Auch die Anhänger einer Billie Eilish oder Lana del Rey greifen gern ins Portemonnaie, um ihr Idol zu supporten. „Auch im Bereich K-Pop lässt sich das gut beobachten“, so Teuchtler Junior über die Gen Z, „die Fans kaufen die Sonderpressungen, selbst wenn sie gar keinen Plattenspieler besitzen und sie sich diese zuhause nur an die Wand hängen.“ Und von Appen ergänzt: „Da geht es dann ums Sammeln, das Besondere, die Haptik. Die Klangqualität spielt dabei keine besondere Rolle – im Unterschied zu den Ü-50ern sind die Jungen keine Klangpuristen. Sie geben sich oft mit Mono-Bluetooth-Boxen zufrieden, weil’s bequem ist.“ "Streaming nicht meine Welt" „Die Jungen sind super“, berichtet Rainer Reutner von Rave Up Records in Wien. Seine Eindrücke: „Sie haben durchaus ein Gefühl für Vinyl, bedingt auch durch ihre Eltern. Interessanterweise kaufen sie viele Klassiker: Beatles, Stones, Pink Floyd.“ Seit 39 Jahren gibt es das Plattengeschäft, seit 27 Jahren verkauft er hier Vinyl. Hier, wo früher bei der nahen Pilgramgasse die Punks schnorrten, ist weniger die Nostalgie als die Subkultur zuhause. „Bei uns gibt es alles, was es beim Media Markt eher nicht gibt.“ Zu erstehen sind dennoch alle Genres, von Punk über Soul bis Indie-Rock. Die grünen Sackerln, mit denen man den Einkauf heimschleppt, mit dem Logo vom Schreihals, dem die Haare zu Berge stehen, sind weithin bekannt. „Streaming ist nicht meine Welt“, sinniert Reutner. „Zu unpersönlich.“ Spannend ist, dass er den jährlichen „Record Store Day“ , den die Plattenläden meist feiern, weil es den Umsatz hebt, mittlerweile negativ einstuft: „Zu kommerziell.“ Im Rave Up spielt man eben abseits des Mainstreams. Egal, wie alt oder berühmt der inzwischen ist. „Stimmt das, dass die Stones ein neues Album rausgebracht haben?“, will eine Kundin wissen. Sie steht unter einer Wäscheleine, auf der mit Kluppen die Fotos diverser Sänger befestigt sind. Die treten im Store gern mal auf, dafür schafft man dann Platz im eng beraumten Laden. Events machen auch Community. Das Plattengeschäft als Treffpunkt für Gleichgesinnte. Da kann Streaming nicht mithalten. Voll das Real Life halt. Die Musikindustrie reagiert jedenfalls auf die steigende Anfrage. Limitierte Pressungen, mehrere Vinyl-Versionen, exotische Editionen mit farbigem Vinyl oder schönem Klappcover regen zum Kauf an. „Kaum eine LP ist nur in der Standardversion erhältlich, meist gibt es Pressungen in mehreren Farben“, erklärt Professor von Appen. „In den USA ist das noch viel extremer, da gibt es bis zu 30 verschiedene Varianten pro Album. Dafür kann man dann auch höhere Preise verlangen.“ Am Ende eint alle dasselbe, ob Fans, Sammler, Nostalgiker: die Lust am Vinyl. Im Plattengeschäft seiner Wahl findet jeder etwas. Und was man nicht findet, das bestellt man. Wie wäre es etwa mit den neuen In-Concert-Langrillen von Chet Baker, Jeff Buckley oder Falco? Oder „Hallo Spaceboy“ von David Bowie, mit Remixes etwa von den Pet Shop Boys, auf neonpinkem Vinyl? Die Welt, sie ist vielleicht doch eine Scheibe.

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