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Putin verliert an der Front die Oberhand: Warum die Ukraine plötzlich wieder Chancen hat
KURIER

Putin verliert an der Front die Oberhand: Warum die Ukraine plötzlich wieder Chancen hat

Wer in den vergangenen vier Jahren russisches Fernsehen sah, dem war klar: Lange kann es nicht mehr dauern. Wladimir Solowjew , einer von Putins reichweitenstärksten Propagandisten, erklärte Abend für Abend, dass Russlands Soldaten ihren Kollegen aus dem Zweiten Weltkrieg um nichts nachstehen würden. Der Sieg sei zum Greifen nah. Seit geraumer Zeit ist davon wenig zu hören. Zuletzt geiferte Solowjew über die Internet-Shutdowns des Kreml, jüngst verglich er Putin sogar mit Napoleon : „Er hat verloren, weil er Frankreich s menschliche und wirtschaftliche Ressourcen komplett aufgebracht hatte.“ Russland drohe dasselbe Szenario. Die längste Zeit hat die Zeit für Russland gearbeitet. Die Front verschob sich gen Westen, zwar unter erheblichen Verlusten und im Schneckentempo, aber man rückte vor. Zeitgleich verlor die Ukraine mit Donald Trump die USA als größten Waffenlieferanten. Diese Lücke hat Kiew aus eigener Kraft zu füllen gesucht – mit erstaunlichem Erfolg: „Die Ukraine schlägt sich viel besser als erwartet“, sagt Michael Kofman, Militäranalyst beim Podcast „War on the Rocks“. Heuer habe Moskau seine Frühjahrsoffensive nicht einmal begonnen, und das ausgerechnet vor der Siegesparade in Moskau am 9.Mai. Drohnenkrieg hat die Balance verändert Zu tun hat das mit den Drohnen , die den Krieg mittlerweile dominieren. In diesem Feld hat Kiew Meisterschaft erlangt, exportiert sein Know-how sogar an den Golf. „Bis 2024 dominierten russische Drohnen den ukrainischen Himmel, sie drangen dutzende Kilometer hinter die Front vor“, schreibt Dmytro Putiata, der für Kiews Streitkräfte Drohnen steuert, im Economist. Als Antwort darauf hat Kiew ein Drohnengestütztes Luftabwehrsystem entwickelt, das die Zahl der Treffer massiv reduziert hat. Dazu hat Kiew die Reichweiten seiner Angriffsdrohnen extrem ausgeweitet. Treffer in 200 Kilometer Entfernung sind Normalität, damit gelingen Treffer im russischen Hinterland, die den Kreml auch finanziell schmerzen. Einige Ölanlagen wurden komplett lahmgelegt, über der Raffinerie Tuapse hing so lange schwarzer Rauch, dass selbst die Staatsmedien hinschauen mussten. Und auch kriegswichtige kritische Infrastruktur wurde getroffen – teils sogar östlich von Moskau. Da ein Drittel der Staatseinnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft kommt, sind die Ausfälle – im April war es mehr als eine Milliarde Dollar – für die stotternde Wirtschaft ein Problem. Mehr Tote als Rekruten in Russland In der Ukraine hat der Drohnenbau den kargen Staatshaushalt entlastet. Die FP-2-Kamikazedrohnen, die bis zu 200 Kilometer weit fliegen können, kosten um die 5.000 Dollar. Sie ersetzen teils HIMARS-Raketen, die weniger Reichweite haben und bis zu 170.000 Dollar kosten, und ATACMS-Raketen mit 300 Kilometer Radius – die kommen sogar auf eine Million. Für Russland haben die Drohnenattacken auch eine zweite Front eröffnet. Moskau hat lange Zeit viel Geld in die Hand genommen, um Soldaten an die Front zu locken, doch das Interesse flaut neuerdings massiv ab. 20 Prozent weniger „Kontraktniki“, also Vertragssoldaten, gab es im ersten Quartal dieses Jahres, berechnete der deutsche Ökonom Janis Kluge . Zeitgleich seien die Entschädigungszahlungen für Hinterbliebene steil nach oben gegangen: Todeszahlen veröffentlicht der Kreml keine, doch anhand der Kompensationsleistungen dürften wohl 25.000 russische Soldaten im ersten Quartal gefallen sein, schätzt er. Damit dürften die Todeszahlen erstmals über den Rekrutierungszahlen der Russen liegen – ein erheblicher Nachteil für Putin, der immer darauf baute, grenzenlosen menschlichen Nachschub zu haben. Keine „Frontschweine“ Zwar ist die Personalkrise in der Ukraine nicht minder virulent, dort versucht man sich aber auch mit Drohnen zu helfen. Moskaus Generäle schicken nach wie vor teils untrainierte „Frontschweine“ vor, Kiew versucht stattdessen, so wenig Infanterie wie möglich einzusetzen – sie wird durch Kamikazedrohnen ersetzt. Die Karten für die Ukraine – von denen Donald Trump ja behauptete, sie seien inexistent – haben sich dadurch völlig neu gemischt. Zwar gab es in den vergangenen vier Jahren immer wieder Phasen, in denen Kiew im Vorteil war, Russland konnte das aber immer durch überraschende technologische Sprünge ausgleichen. Neu ist jetzt, dass auch innerhalb Russlands der Druck steigt: Wladimir Solowjew ist nicht der einzige Propagandist, der öffentlich gegen die Führung ausholt; dazu sind Putins Umfragewerte dank der massiven internen Repressionen und Internetshutdowns so tief wie zuletzt bei der Mobilisierung. Der Ukraine eröffne das ein Zeitfenster, sagen Beobachter. Sie hat durch den Militärtechnik-Export an den Golf neue Unterstützer, aus Europa ist der Geldfluss gesichert, da Putins Freunde immer weniger wurden. Und die USA sind mit dem Iran beschäftigt, ein erzwungener Frieden mit Putin hat keine Priorität. Gelingt es Kiew, Russland weiter abzunutzen, wäre im Herbst sogar eine Offensive möglich, sagt Militäranalyst Gustav Gressel . Bis dahin bleiben aber noch viele Wenns und Abers.

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