KURIER
Von außen wirkt das Haus in der Loeschenkohlgasse 2 wie jedes andere im Grätzl. Ein paar Meter weiter die abgezäunte Stadthalle, daneben eine Textildruckerei. Dann öffnet Maler Bernhard Buhmann die Tür zu seinem Erdgeschossatelier. Drinnen: Farbeimer am Boden, riesige Leinwände, der Geruch frischer Farbe. Tageslicht fällt durch die hohen Fenster auf meterhohe Gemälde. Während draußen Autos durch Fünfhaus fahren, arbeiten hier Künstler auf Hochtouren. Buhmanns Atelier ist eines von 40, die am Samstag den 9. Mai beim Grätzl Art Open im 15. Bezirk von 14 bis 19 Uhr ihre Türen öffnen . Zum sechsten Mal verwandelt sich Fünfhaus dabei in eine begehbare Galerie. Rund 120 Künstler machen heuer mit. Wer durch das Viertel spaziert, merkt schnell: Das Art Open ist weniger klassische Kunstmesse als ein kollektiver Spaziergang durch die Arbeitsräume einer gewachsenen Szene. Dass sich ausgerechnet rund um Fünfhaus eine dichte Atelierlandschaft entwickelt hat, sei kein Zufall, sagt Peter Hörburger, einer der Initiatoren. Als er 2008 in die Gegend zog, seien viele Erdgeschoßlokale leer gestanden. „Damals gab es hier Straßenstrich, leer stehende Erdgeschoßlokale, räudige Bars und billige Wohnungen.“ Ein Haus zum Schaffen Ein paar Straßen weiter führt der Weg vorbei an der Pelzgasse 20 . Das grau-braune, etwas heruntergekommene Gebäude zählte zu Buhmanns ersten Arbeitsorten in Wien. Gemeinsam mit anderen Künstlern entstand hier über die Jahre eine lose Ateliergemeinschaft . „Leute sind eingezogen, haben gearbeitet und sind wieder weitergezogen“, erinnert sich Buhmann. Nur wenige Häuser weiter zeigt sich, wie sich die Szene laufend verändert. In der Goldschlagstraße 1 sitzt seit wenigen Monaten „ Leftbank “ – eine junge Galerie und ein Projektraum für internationale Gegenwartskunst. Wo früher eine Erweiterung des Café Weingartner war, organisieren heute Künstler aus der Ukraine, Moldawien, Serbien, Amerika oder Bangladesch Ausstellungen, Konzerte und Performances. Creative Director Tatiana Wiesner-Pavlova will hier einen internationalen Raum schaffen: „Wien ist künstlerisch noch nicht da, wo viele andere europäische Städte sind.“ Leftbank solle deshalb ein Ort sein, an dem unterschiedliche künstlerische Positionen zusammenkommen – „offen, experimentell und niederschwellig“. Kunstvoller Sarkasmus Zum Grätzl Art Open zeigt die Galerie die Ausstellung „ Ponyleben “ des ukrainischen Künstlers miki-mike 665 , genannt Misha. Der Künstler beschäftigt sich mit Krieg, Flucht und Erinnerung. Der Titel spielt auf die deutsche Redewendung „Das Leben ist kein Ponyhof“ an – und dreht sie bewusst um. Dieser Sarkasmus zieht sich durch viele seiner Werke „Ich wollte Humor reinbringen. Humor in Themen, die gar nicht lustig sind“, so Misha. Während viele Räume im Viertel nur temporär bleiben, haben sich andere längst zu Fixpunkten der Szene entwickelt – wie etwa Studio Walls . Von hier starten heute auch die geführten Spaziergänge durch das Viertel. In der ehemaligen Klaviermanufaktur arbeiten heute mehr als 20 Künstler – von Illustratoren über Grafiker bis zu Malern und Siebdruckern. Der Raum wirkt gleichzeitig improvisiert und eingespielt: Im vorderen Bereich hängen aktuelle Arbeiten, weiter hinten wird gedruckt, gemalt und skizziert. Dazwischen laufen Kinder durch die Räume, in einer Ecke wird Kaffee gekocht, irgendwo reden Menschen. „Gerade diese Mischung macht Studio Walls besonders“, sagt Hörburger. Für ihn sei das Atelierhaus „ein Vorzeigeprojekt in Europa “. Austausch und Inspiration Lukas Spreitzer ist seit vier Jahren Teil der Gemeinschaft. „Ich bin Grafiker bei Tag und Künstler bei Nacht“, sagt er. Viele Arbeiten würden hier erst durch den Austausch mit anderen entstehen. „Man inspiriert sich gegenseitig. Es entstehen Kooperationen und neue Ideen.“ Das Grätzl Art Open steht ebenfalls unter der Idee des Austauschs und der Inspiration. Am Samstag können Menschen mit Stadtplänen durch Fünfhaus ziehen, durch Innenhöfe, Werkstätten und alte Erdgeschoßlokale. Viele dieser Räume sind im Alltag unscheinbar. Beim Art Open stehen ihre Türen offen – und für einen Nachmittag bekommt man die Möglichkeit, in neue und unbekannte Welten einzutauchen.
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