KURIER
Früher war das Einfamilienhaus voller Leben. Die Kinder spielten im Garten , Nachbarskinder kamen zu Besuch, im Sommer wurde mit Freunden gegrillt und im Pool geplanscht. Doch dass man Jahre später unter Umständen allein im großen Haus wohnt, ist vielen zu diesem Zeitpunkt nicht klar – aber kein Einzelfall. Die Kinder sind aus dem Haus, der Partner ist verstorben oder man hat sich getrennt. Den Garten zu pflegen, das Haus in Schuss zu halten, wird immer mehr zur Belastung. Mit dem Gedanken, sich zu verkleinern, spielen deshalb einige. Ihnen schwebt eine Wohnung vor, die weniger Stufen hat als das Haus bzw. barrierefrei zugänglich ist und von wo aus die Infrastruktur fußläufig erreichbar ist. Sie alle wollen – so lange es irgendwie geht – in ihrer Wohnumgebung verbleiben und vor allem selbstbestimmt wohnen. Das Altersheim oder die Seniorenresidenz ist keine Option. Dennoch sehnen sich manche von ihnen nach mehr Ansprache und Gesellschaft. Der Wohnungsmarkt verändert sich „Wir haben die Veränderungen am Wohnungsmarkt im Blick“, sagt Isabella Stickler , Obfrau der Gemeinnützigen Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft Alpenland , die in Niederösterreich viele neue Wohnungen errichtet. Es gebe immer mehr Menschen, die alleine leben. Daher brauche es Wohnungsangebote, wenn die Familien sich nicht mehr um diese kümmern können. Der gemeinnützige Bauträger plant aktuell einen neuen Wohnbaus in St. Pölten , der gezielt Wohnraum für die Altersgruppe anbieten will. Das Projekt in St. Pölten Viehofen umfasst 93 Wohnungen auf drei Baufeldern, im Herbst ist Baubeginn . Die Vorgabe ist laut Stickler eine Durchmischung von Jung und Alt. „Unser Ansatz ist: Wir bauen jetzt, weil wir diese Einheiten in einigen Jahren brauchen werden“, so Stickler. Weitere Projekte dieser Art sollen folgen. „Wohnen alleine ist es nicht“, führt Stickler aus. Auch die entsprechende Infrastruktur wie Nahversorger, Apotheke, Café und Trafik werden in den Neubau integriert, weiters Gesundheitsangebote wie Physiotherapie und Massage. „So schaffen wir auch die Mobilitätswende“, ist die Alpenland-Obfrau überzeugt. Ein Primärversorgungszentrum wurde bereits vor Ort errichtet. Auch im Freien soll es Angebote geben wie Urban Gardening, eine Boccia-Bahn und Spielflächen. Erste Vormerkungen für das Projekt gibt es bereits. Die Verwertungen starten offiziell Ende 2027. „Die Projektentwicklung muss so gestaltet sein, dass die Räumlichkeiten auch in 15 oder 20 Jahren den veränderten Anforderungen gerecht werden“, so Stickler, da so ein Wohnbau ja rund 100 Jahre funktionieren soll. Deshalb ist der Grundriss in den Clusterwohnungen so gestaltet, dass später einmal eine 24-h-Hilfe einziehen kann, falls das nötig wird. „Wir arbeiten mit fast allen Betreiberunternehmen zusammen“, so Stickler in Bezug auf eine unterstützende Betreuung vor Ort. Die Monatsmiete für eine Einheit in einer der Clusterwohnungen schätzt die Alpenland-Chefin auf rund 11 bis 12 Euro inklusive Betriebskosten und Steuern pro m², hinzu kommt ein Finanzierungsbeitrag. Bedarf laut aktuellen Zahlen riesig Der Hintergrund: Es gibt immer mehr Einpersonen-Haushalte in dieser Altersgruppe. Mit rund 40 Prozent ist der Einpersonenhaushalt mittlerweile die häufigste Wohnform in Österreich. Im Jahr 2024 wohnten 1,6 Millionen Menschen allein – im städtischen Raum gibt es mehr Singlehaushalte als am Land. Die größte Gruppe der Alleinlebenden sind Personen über 65 Jahren, mehr als zwei Drittel davon sind Frauen . Daher stellt sich die Frage, wie diese Menschen im Alter wohnen werden und man sie sozial einbindet. „Man muss sich bewusst sein, der Anspruch an das Wohnen ändert sich“, sagt Stickler. „Vor allem Alleinstehende machen sich schon frühzeitig Gedanken über das Wohnen im Alter, damit sie später einmal abgesichert sind.“ Bereits vor oder kurz nach dem Pensionsantritt wollen viele von ihnen abgeklärt haben, wohin sie umziehen können, wenn die aktuelle Wohnsituation einmal nicht mehr passt. „Anspruchsvollen Kunden ist es wichtig, nur noch einmal umzuziehen. Und sie wollen in der Region bleiben, damit die Familie sie besuchen kann“, erläutert Stickler. Wohngruppen für „Fortgeschrittene“ Eine Lösung für diese Personengruppen sind Wohngruppen für „Fortgeschrittene“. Dort treffen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen aufeinander, manche stehen noch im Berufsleben, andere sind schon in Pension. Die Caritas Wien etwa hat das Modell „WG Melange“ entwickelt. Dieses verbindet Wohnen mit der idealen Balance zwischen privatem Rückzug und professionell begleiteter Gemeinschaft. Am ersten Standort in der Seestadt Aspern freuen sich die Senioren bereits über gemeinsame Aktivitäten wie Kartenspielen oder Gärtnern, genießen aber gleichzeitig die Rückzugsmöglichkeit in ihr eigenes Apartment. Am Standort in der Donaustadt gibt es acht Apartments in den Größen zwischen 30 und 47 m 2 , plus 140 m 2 Gemeinschaftsflächen, Dachterrasse und mehr. Kosten: ab 600 Euro pro Monat, inklusive Betriebskosten . Die Caritas übernimmt die Planung und Entwicklung gemeinsam mit Bauträgern, begleitet bei der Gruppenbildung vor Besiedelung, unterstützt beim Einzug und Start als WG und organisiert quartalsweise Treffen mit den Bewohnern. Die Nachfrage ist so groß, dass es in den nächsten Jahren Nachfolgeprojekte geben soll: im 10. Bezirk im Kempelenpark, im 18. Bezirk in der Vinzenzgasse und im 23. Bezirk auf den Wildschekgründen. Ein weiterer Anbieter von WG-Wohnungen für Fortgeschrittene ist Kolping Österreich . Mit den beiden Wiener Kolpinghäusern „Gemeinsam leben“ werden aktuell im 9. und im 16. Bezirk WGs angeboten. Hier haben ältere Menschen, die selbstständig leben können und wollen, die Möglichkeit, in einem eigenen Apartment altersgerecht zu wohnen und zugleich mit anderen WG-Bewohnern Gemeinschaftsräumlichkeiten wie Küche, Terrasse und Waschküche zu nutzen. Die privaten Wohnungen sind mit eigener Küche, Wohn- und Schlafraum sowie Bad ausgestattet. Derzeit sind zwei Wohnungen frei: Ein Einzelapartment mit 36,7 m² und ein Doppelapartment mit 41,9 m². Die Kosten belaufen sich je nach Größe auf 725 - 950 Euro im Monat, inkludiert sind alle Betriebskosten (auch für WLAN, Sat-TV, wöchentliche Reinigung, Unterstützung für organisatorische Dinge und eine Betreuungsperson vor Ort).
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