KURIER
Zu viele Süßigkeiten, zu lockere Regeln, ungefragte Ratschläge: Wenn Großeltern sich einmischen, kommt es oft zu Spannungen. Sind sie wirklich der „Endgegner“ junger Eltern? Autorin Kristina Weber widerspricht und plädiert für mehr Gelassenheit und Gespräche auf Augenhöhe. KURIER: Warum kommt es häufig zu Konflikten zwischen Eltern und ihren (Schwieger-)Eltern, wenn Enkelkinder da sind? Kristina Weber: Zum einen reflektieren neue Eltern ihr eigenes Aufwachsen. Was möchte ich genauso wie meine Eltern, was vielleicht anders machen? Dabei können Themen hochkommen, die wir lange meinten, hinter uns gelassen zu haben. Häufig wird wenig über wechselseitige Erwartungen gesprochen und die teils unterschiedlichen Haltungen der Generationen prallen aufeinander. Bedürfnisorientierte versus autoritäre Erziehung? Ich denke nicht, dass es hier klare Trennlinien gibt. Es gibt in jeder Generation Menschen, die autoritär erziehen und welche, die das gewaltfrei tun. Was sich aber verändert hat, ist das Vokabular, dass man klar sagen kann, worum es einem in der Erziehung geht. Heute gibt es viel mehr Ratgeber und es wird viel mehr über Erziehungsthemen diskutiert, z. B. auf Social Media. Wir lernen weniger durch Weitergabe von anderen Generationen, als durch den Austausch mit der eigenen Generation. Wir müssen den Großeltern aber nicht erklären, wie man Kinder erzieht. Sondern wir müssen überlegen, wie wir mit ihnen in den Austausch kommen. Wie kann das gelingen? Ein Schlüssel ist Zeit zwischen Eltern und Großeltern. Meist geht es bei Konflikten gar nicht um die Erziehung, sondern um eigene nicht erfüllte Bedürfnisse. Die erste Arbeit findet schon bei einem selbst statt, sich zu überlegen, was ärgert mich wirklich? Geht es tatsächlich um eine Gefährdung meines Kindes oder geht es um meine eigene Verletztheit oder meine Wünsche an meine (Schwieger-)Eltern, die noch nicht erfüllt sind? Und dann braucht es ein Gespräch, in dem ich klar sagen kann, was ich möchte und wo ich auch meinem Gegenüber zuhören kann. Wie kann man reagieren, wenn Großeltern etwas konkret kritisieren, z. B. Eltern würden das Enkelkind zu sehr „verwöhnen“? Man kann sagen, dass man es selbst nicht so empfindet, und fragen, woran sie ihre Meinung festmachen. Ich rate dazu, mit kleinen Fragen anzufangen. In einer Familie, wo solche Gespräche nicht üblich sind, kann das Ansprechen zu Verwirrung führen und auch in kurzer Zeit eskalieren, aber es geht um den Versuch, in den Austausch zu gehen. Wie geht man mit unterschiedlichen Auffassungen um? Ich empfehle, sich überwiegend an die Regel „Your house, your rules“ zu halten. Wenn meine Kinder bei den Großeltern Gummibärchen bekommen, muss ich da wirklich mitreden? Ist es wirklich etwas, das mein Kind in seinem Wohl nachhaltig negativ beeinflusst? Ich plädiere da für mehr Lockerheit. Alles, was die körperliche oder psychische Integrität des Kindes nicht beschädigt, können Kinder aushalten. Das geht ja auch in die andere Richtung, z. B. dass es bei den Großeltern keine Einschlafbegleitung wie bei den Eltern zuhause gibt. Kinder können sehr gut unterscheiden, bei wem welche Regeln gelten. Gibt es Dinge, die für mich als Eltern unumstößlich sind, habe ich natürlich die Entscheidungsgewalt, aber dann muss ich auch damit leben, dass die Großeltern vielleicht sagen, so können wir die Betreuung nicht übernehmen. Viele wollen aber genau das: Dass ihre eigenen Regeln auch bei den Großeltern eingehalten werden. Viele Eltern stehen unter wahnsinnigem Druck, alles richtig zu machen. Kinder müssen heute nicht nur sehr gut in der Schule sein, sie müssen sportlich sein, perfekt aussehen, viele Freunde und keine psychischen Probleme haben. Dem versuchen viele Eltern zu begegnen, indem sie möglichst viel Sicherheit herstellen, etwa über Regeln. Vielleicht kann das wechselseitig auch angesprochen werden, warum zum Beispiel Eltern das Gefühl haben, dass sie manchmal unter Druck stehen, oder Eltern könnten die Großeltern an ihrer Unsicherheit teilhaben lassen. Großeltern könnten erzählen, dass sie zum Beispiel über gewisse Dinge auch viel nachgedacht haben, wie sie es am besten machen. Welche Rolle spielen Erwartungen? Wir sind sehr geprägt von Bildern, die leider nichts mit der Realität zu tun haben. Viele verlieren auch aus dem Blick, dass Großeltern ein eigenes Leben haben. Großeltern wird man ohne sich dafür zu entscheiden. Man weiß erst mal nicht, wie man diese Rolle ausfüllen möchte. Manche Großeltern überfordern sich auch mit ihren eigenen Erwartungen.
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