KURIER
Norbert Kettner war schon nach dem Sieg von Conchita Wurst für den Song Contest in Wien zuständig, auch heuer laufen bei ihm die Fäden zusammen. KURIER: Wir sind in der heißen Phase des Song Contests. Wie ist denn die Stimmung in der Stadt? Norbert Kettner: Je mehr ich durch die Stadt gehe, desto euphorischer werde ich. Wir haben praktisch am Tag nach dem Sieg mit den Vorbereitungen begonnen. Ich war auch für die Bewerbung verantwortlich, und vieles passiert zunächst nur auf dem Papier. Man überlegt theoretisch: Wie funktioniert City Branding? Wie können sich die städtischen Abteilungen einbringen? Wie läuft die Zusammenarbeit mit Polizei, ORF und anderen Partnern? Das ist anfangs alles sehr abstrakt – wie beim Setzen von Tulpenzwiebeln, bei dem man erst später sieht, was daraus wächst. Wir haben viele solcher Zwiebeln gesetzt, und jetzt stehen wir in einem Meer von blühenden Tulpen. An jeder Ecke taucht der ESC auf. Der Bürgermeister hat gesagt, man entkommt ihm nicht – und genauso empfinde ich es auch. Sie sind also begeistert. Spüren Sie diese Euphorie auch bei anderen? Was mich besonders freut, ist, wie stark die Wiener Wirtschaft und die Kulturszene mitziehen. Das wird auch von einer breiten Unterstützung in der Wiener Bevölkerung getragen: Rund zwei Drittel freuen sich über den ESC. Diesen Rückenwind spüren wir deutlich. Spannend ist auch, dass wirklich alle Kulturinstitutionen sofort an Bord waren – und wir sprechen in Wien ja nicht von kleinen Häusern, sondern von Weltklasse-Institutionen. Auch die Wirtschaftskammer war sofort dabei, etwa mit den „Friends of Eurovision“. Zudem sind ORF und EBU inzwischen offener geworden, was Lizenzen betrifft. Man hat erkannt, wie wichtig es ist, Communitys einzubeziehen – und genau das sehen wir jetzt überall. Es gibt über 30 Public Screenings, auch in privaten Bereichen. Diese Dynamik ist deutlich spürbar. Der ESC wird von der Hochkultur oft ein wenig belächelt. Davon merkt man nichts? Ganz im Gegenteil. Die smarte Hochkultur weiß, dass sie Popkultur braucht, um relevant zu bleiben. Wir haben in Wien ohnehin eine besondere Situation: Mit dem Neujahrskonzert haben wir jedes Jahr den Super Bowl der Klassik in Wien. Und heuer kommt der Super Bowl der Popkultur dazu. Das ist natürlich großartig für das Image der Stadt. In der Klassik haben wir unsere Glaubwürdigkeit längst bewiesen. In der Popkultur ist das noch stärker mit Arbeit verbunden – zu zeigen, dass wir auch hier etwas können. Aber ich sehe da keinen Widerspruch. Manche haben Interesse, dass europäische Projekte nicht gut laufen. Das spornt mich persönlich aber besonders an, nach dem Motto: Euch zeigen wir es auch noch. Norbert Kettner / zum Thema Sicherheit Sie waren ja schon nach dem Sieg von Conchita Wurst für den damaligen ESC in Wien zuständig. Was ist gleich geblieben? Die enorme Kraft der Fanbase. Das sind echte Hardcore-Fans – Menschen, die vielleicht nicht immer die größten Budgets haben, aber unglaublich wertvoll für das Stadtleben und das Image sind. Im Fußball sagt man: Wenn man eine Weltmeisterschaft hat, sollte man die Brasilianer in der Stadt haben. Die ESC-Fans sind gewissermaßen die Brasilianer der Popkultur. Und was hat sich verändert? Die digitale Dimension. 2015 hatten wir etwa 300 Blogger – rührend! Heute sprechen wir von Milliarden Social-Media-Interaktionen. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen und die klassischen Hater, aber der Zusammenhalt der Fanbase erzeugt eine starke positive Dynamik. Und das ist etwas, das uns gesellschaftlich oft fehlt: das bewusste Pflegen positiver Stimmung. Ein weiterer großer Unterschied ist das Thema Sicherheit. Wie stark merken Sie dieses Sicherheitsthema in der Vorbereitung? Sehr deutlich. Jeder Akkreditierungsprozess dauert länger, weil Hintergrundchecks notwendig sind. Wir stehen in engem Austausch mit Polizei und Innenministerium – und das auf einem sehr engagierten Niveau, weit über das Übliche hinaus. Wir bauen bestehende Kooperationen aus, etwa mit der Polizei in den Tourist-Infos, und verstärken die Präsenz während der ESC-Woche. Auch auf höchster Ebene, inklusive internationaler Zusammenarbeit mit Geheimdiensten, funktioniert das sehr gut. Aber es ist aufwendig und teuer. Das gehört inzwischen zum „neuen Normal“. Wer große Events in der Stadt haben will – und ich bin klar dafür –, muss auch bereit sein, mehr in Sicherheit zu investieren. Sind Sie optimistisch, dass es ein sicheres Event wird? Ja. Eine hundertprozentige Garantie gibt es nie. Aber es gibt derzeit keine konkreten Hinweise auf Risiken, und die Lage wird sehr genau beobachtet. Man darf auch nicht vergessen: Der Song Contest ist ein europäisches Projekt mit historischen Wurzeln. Und gerade solche Projekte stehen heute nicht immer im Fokus positiver Aufmerksamkeit. Umso wichtiger ist es, selbstbewusst zu sagen: Wir lassen uns unseren Lebensstil nicht nehmen. Manche haben Interesse, dass europäische Projekte nicht gut laufen. Das spornt mich persönlich aber besonders an, nach dem Motto: Euch zeigen wir es auch noch. Beim ESC 2015 war LGBTIQ+ ein großes Thema, man denke nur an die Ampelpärchen. Was ist heuer die Botschaft? Es gibt das Leitmotiv „United by Music“. Es ist unsere Ambition, wieder die beste Gastgeberstadt zu sein, das waren wir schon 2015. 80 Prozent der Delegationsmitglieder haben damals gesagt, das war bis dato der beste und gastfreundlichste Song Contest. Da bleiben wir drauf, das passt auch zu uns. Lebensqualität für die vielen, nicht für die wenigen, ist auch zentral. Beim Thema LGBTIQ+ haben wir eine gute Wurschtigkeit. Wenn man sich in einem Feld etablieren muss, muss man sehr laut sagen, wir sind für, für, für. Wenn man etabliert ist, und das ist Wien, läuft es wie von selbst mit. Gibt es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen liegen? Ja, vor allem „Vienna Offstage“. Das haben wir bereits 2015 gestartet und jetzt weiterentwickelt. Die Idee ist, den Delegationen die Stadt näherzubringen – nicht nur mit klassischen Highlights, sondern auch mit ungewöhnlicheren Angeboten. Heuer haben wir 111 Programmpunkte, von Museumseintritten bis hin zu speziellen Erlebnissen. Das ist wahrscheinlich das größte Social-Programm in der Geschichte des ESC. Warum ist es so wichtig, die Delegationen gut zu betreuen? Weil sie die wichtigsten Multiplikatoren sind. Sie prägen das Bild der Stadt nach außen. „Offstage“ ist gewissermaßen der Maschinenraum des Image-Buildings. Ziel ist es, positive Eindrücke zu festigen und neue Bilder von Wien zu vermitteln. Kurzfristige wirtschaftliche Effekte sind dabei gar nicht das Wichtigste – entscheidend ist die langfristige Wirkung. Der ESC ist die größte Bühne, die wir haben. Die Hotelauslastung liegt derzeit bei etwa 75 Prozent. Ist das überhaupt gut? Das ist eine Momentaufnahme. Wir erwarten noch Steigerungen. 100 Prozent Auslastung erreichen wir nur zu Silvester. Wien hat mit mehr als 84.000 Betten eine sehr große Kapazität, was auch Vorteile hat: Man findet immer ein Zimmer. Wichtiger als kurzfristige Spitzen ist für uns der langfristige Effekt – etwa für die Akquise zukünftiger Großveranstaltungen. Der ESC ist ein weiterer Beweis, dass Wien große Events kann. Wenn wir in die Akquise für einen Großkongress gehen, ist das sozusagen ein Showreel.
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