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Warum man Barcelona dieses Jahr unbedingt besuchen sollte
KURIER

Warum man Barcelona dieses Jahr unbedingt besuchen sollte

Von Nicola Afchar-Negad Barcelona ist so etwas wie das touristische Grundrauschen Europas, die vielleicht schönste Selbstverständlichkeit des Kontinents, der gemeinsame Nenner unzähliger Reisepläne. War man, kennt man, nichts Neues könnte man meinen. Aber vielleicht liegt genau darin die Chance auf eine andere Perspektive , am besten durchs Prisma der Architektur . Die Stadt hat Ecken und Kanten – und ziemlich viele Kurven . Klar, worauf das anspielt. Antoni Gaudí , der seine Stadt geprägt hat, wie es nicht einmal Georges Eugène Haussmann in Paris geschafft hat. Und: diesen Juni, anlässlich seines 100. Todestags, wird in der katalanischen Metropole ein Meilenstein gesetzt, genauer gesagt ein 172,5-Meter-Stein. Am 10. Juni wird der Jesus-Christus-Turm der Sagrada Família eingeweiht, er ist wohlgemerkt bereits seit 2025 der höchste Kirchturm der Welt. Habemus Rekord: Selbst Papst Leo XIV. wird dafür in Barcelona sein. Man darf für diesen Tag ein ordentliches Spektakel erwarten – und wohl nicht nur für diesen Mittwoch. Man kann nur schwer über Barcelona schreiben, ohne zuzugeben, dass die Stadt mit Übertourismus kämpft. Das Problem: Sie ist einfach zu gut. Im April wurde als Folge dessen die Nächtigungssteuer erhöht, bis zu 15 Euro pro Person stehen jetzt pro Hotelnacht auf der Rechnung. Wirklich fernhalten wird das aber vermutlich keinen. Gebaut wie geträumt Wer diesen Frühsommer in Barcelona-El Prat aus dem Flieger steigt, sollte ein wenig anders planen. An Sagrada Família und Park Güell kommt man nicht vorbei, soll man auch gar nicht, aber: Bitte auch Orte bedenken, für die man nicht schon ewig im Voraus ein Time-Slot-Ticket kaufen muss. 2026 ist ein gutes Jahr für den zweiten, dritten oder vierten Blick auf die Stadt. Zum einen eben wegen des 100. Todestags von Gaudí. In seinem Blockbuster-Bau Casa Batlló wurde eine neue Ausstellungsfläche für Zeitgenössisches geschaffen – die erste Schau ist gerade zu Ende gegangen, die zweite startet im Juli. Im Palau Güell zu bewundern: „Finestres al futur“ , übersetzt: Fenster in die Zukunft, eine Annäherung an Gaudís innovative Fensterdesigns.  Zum anderen schmückt sich die Stadt heuer auch noch mit dem UNESCO-Titel „World Capital of Architecture“ . Ziemlich viel Ruhm und Ehre auf einmal für die gut 1,7-Millionen-Stadt. Wer dem gerecht werden möchte, könnte etwa mit dem Hospital Sant Pau beginnen. Der Bau ist dem Modernismus zuzurechnen – oft auch als katalanische Art nouveau bezeichnet – und erstreckt sich über ganze neun Häuserblöcke im Eixample-Viertel , unweit der Sagrada Família. Und wenn’s dann doch wieder Gaudí sein soll, spaziert man einfach weiter zur Casa Vicens , dem ersten Haus des „El arquitecto de Dios“ („Gottes Architekt“), der es folgendermaßen beschrieben hat: „Stellen wir uns ein Haus vor – weder groß noch klein, ein gewöhnliches Haus, das sich verändert, wächst und nach und nach so weit ausgestaltet wird, dass es schließlich einem Palast gleicht“.  Bereits verspielt und ornamentverliebt , aber noch deutlich geradliniger als das, was mit Casa Milà oder Casa Batlló folgen sollte. Spiel von Licht und Mosaiken Noch ein Must: der Palau de la Música Catalana in El Born, √ein Konzertsaal , wie auch Sant Pau nicht von Gaudí, aber ebenfalls der Jugendstil-Epoche zugehörig. Kann man irgendwann gesättigt sein von all diesen Farben , dem Spiel von Licht und Mosaiken , den Mustern , der Einzigartigkeit ? Wir glauben nein. Man kommt wegen der Architektur und lächelt noch Jahre später beim Gedanken an ganz anderes: an Fisch-Carpaccio im Barra Oso, den Sonnenuntergang auf der Dachterrasse des Grand Hotel Central, die Churros mit heißer Schokolade – bei 30 Grad! – im Granja Dulcinea oder an den Geruch der gerösteten Nüsse in der Casa Gispert! Nicht zu vergessen das Glas Tinto de Verano , nachdem man gelernt hat, dass Sangría eigentlich ein Unding ist. All sowas. Wer Städte liebt, weiß: Es geht um die kleinen Geschichten, die in engen Gassen , in versteckten Hinterhöfen und mit Blick über die Dächer geschrieben werden. Die, die sich nicht planen lassen, nicht wiederholen, aber zu denen man andere inspirieren kann. Barcelona hat eine ganz eigene Agenda , von der man erst einmal die Klischee-Kruste abkratzen muss. Baden in Barceloneta: muss nicht sein. Und die La Rambla kann man auslassen, die Rambla del Raval verläuft parallel und ist deutlich angenehmer. Direkt anschließend: das gotische Viertel mit seinen engen Gassen, der Kathedrale , der Schokoladengasse (Carrer de Petritxol) und der Bischofsbrücke. Nicht wundern, wenn Touristen unter der Brücke rückwärts gehen – und dabei nach oben schauen. Wer den Totenkopf auf diese Art im Blick behält, soll einer Legende nach Glück haben. Das Barri Gòtic ist der westliche Teil der Altstadt, östlich davon liegt El Born – der Hype im Hype, das vielleicht angesagteste Viertel der Stadt, auch wenn sich das schneller ändert als beim FC Barcelona der Trainer. Jedenfalls: Hier in El Born findet man das Picasso Museum , Tür an Tür mit kleinen Galerien in der Carrer de Montcada , charmante Geschäfte (kreative Souvenirs!) und Confiserie-Kreationen, die auf Instagram gerne viral gehen. Höhere Mächte entscheiden Dass in Barcelona alle Wege ans Meer führen, ist keine Überraschung. Das macht ja den Reiz der Stadt aus. Man bekommt alles – in perfekter Dimension. Barceloneta – so heißt der bekannteste Stadtstrand – hat  nach wie vor seine Berechtigung, wie gesagt weniger zum Baden (dafür lieber zum Beispiel zum Platja de la Mar Bella fahren), aber unbedingt für eine „La Bomba“ (paniertes und frittiertes Kartoffelpüree, gefüllt mit Faschiertem und getoppt mit Aioli und scharfer Sauce) im kleinen Lokal La Cova Fumada , immer voll, immer laut, immer eine gute Idee. Bestellt wird am Tresen, bezahlt ebenso – man weiß, was man an dieser Art von Tapasbars hat. „Urig“ würde man in Österreich sagen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es eine auffallend hohe Dichte an Michelin-Restaurants , Albert Adrià ist der vermutlich bekannteste Koch der Stadt. Man sollte sich allerdings keine falschen Hoffnungen machen – einen Tisch im „ Enigma “ zu buchen erfordert ungefähr so viel Millisekunden Glück wie der Kauf von Konzertkarten für Taylor Swift, oder aber man hat einen richtig guten Hotel-Concierge. Das Disfrutar ist da schon realistischer. Egal,  wo man isst, es gibt Unumstößliches: keine Paella nach dem Mittagessen, kein Abendessen vor 20 – besser 21 – Uhr und bitte niemals an einem Montag Fisch bestellen. Ach ja, und mit jedem Grad plus auf dem Thermometer verlängern sich die Warteschlangen vor den Restaurants. Umso besser, dass es in den milden Sommernächten genug anderes gibt. Dachterrassen-Konzerte in der Casa Batlló, Nacht-Touren in der Casa Milà oder die Lichtshow beim Brunnen am Hausberg Montjuïc – die Stadt verwandelt sich in der Dunkelheit in eine kühlere, entspanntere Version ihrer selbst. Apropos entspannt: so hält man es anscheinend auch in Sachen Fertigstellung der Sagrada Família. Der aktuelle Chef-Architekt (der 7. nach Gaudí selbst) möchte nach wie vor keine Jahreszahl nennen und sagt stattdessen: „Die Zukunft kennt nur Gott.“ Das wiederum dürfte ganz im Sinne von Antoni Gaudí sein, der anno dazumal angeblich ähnlich argumentiert haben soll: „Mein Kunde hat keine Eile“.

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