KURIER
Wien ist vieles: Musikstadt, Kulturmetropole, Weltstadt. Doch hinter den Fassaden der Ringstraße und abseits der großen Institutionen entfaltet sich eine leisere, oft übersehene Dimension der Stadt – eine Welt aus Werkstätten und Manufakturen, in denen seit Jahrhunderten Wissen weitergegeben wird. Hier lebt ein kulturelles Erbe, das tief in die Zeit der k.u.k. Habsburgermonarchie zurückreicht. Damals war Wien nicht nur politisches Zentrum, sondern auch ein europäischer Knotenpunkt für Handwerk, Luxusgüter und künstlerische Produktion. Was in den Hofwerkstätten und Zünften entstand, prägt bis heute die DNA der Stadt. „Wien ist nicht nur ein Standort für Kunsthandwerk – Wien ist sein Ursprung“, sagt Wolfgang Hufnagl, Innungsmeister der Landesinnung Wien der Kunsthandwerke. „Was hier geschaffen wurde, hat sich über Generationen weiterentwickelt. Und das Entscheidende ist: Es ist noch immer lebendig.“ Diese Lebendigkeit lässt sich auch in Zahlen fassen. Heute sind rund 1.270 aktive Kunsthandwerksbetriebe in Wien tätig – eingebettet in 20 Berufszweige, die ein beeindruckendes Spektrum an unterschiedlichen Gewerken abdecken. Gelebtes Erbe Doch die wahre Besonderheit liegt nicht allein in der Größe, sondern in der Tiefe dieser Struktur. Neben traditionsreichen Gewerken wie Gold- und Silberschmieden, Musikinstrumentenerzeugern, Buchbindern, Edelsteinschleifern und Uhrmachern existieren in Wien Berufe, die anderswo längst verschwunden sind. In manchen Berufsgruppen gibt es nur noch einen einzigen Betrieb in der gesamten Stadt: einen Orgelbauer, einen Harmonikamacher, einen Präger oder einen Erzeuger von Etuis. „Gerade diese kleinsten Strukturen sind von unschätzbarem Wert“, betont Hufnagl. „Sie bewahren ein Wissen, das über Jahrhunderte gewachsen ist und heute kaum mehr reproduzierbar wäre.“ Silber, das Generationen überdauert Wie diese Kontinuität konkret aussieht, zeigt sich exemplarisch in den Wiener Silberschmieden. Jarosinski & Vaugoin steht stellvertretend für eine Tradition, die bis in die Glanzzeit der Monarchie zurückreicht. Schon damals war Wiener Silber international gefragt – an den Höfen Europas ebenso wie im gehobenen Bürgertum. Bis heute entstehen hier Objekte von zeitloser Qualität, gefertigt mit jener Präzision und Hingabe, die seit Generationen weitergegeben wird. Im Rahmen der „Europäischen Tage des Kunsthandwerks in Wien“ durfte eine Besuchergruppe dieses Handwerk hautnah erleben und einen Blick hinter die Kulissen der Werkstatt werfen. „Die Arbeit ist immer auch ein Dialog mit der Vergangenheit“, so Hufnagl. „Aber sie richtet sich genauso an die Gegenwart – und an kommende Generationen.“ Die leise Kunst des Alltäglichen Weniger im Rampenlicht, aber nicht weniger bedeutend, ist das Bürstenmacherhandwerk. In einer Wiener Werkstatt führt Gerhard Duchac eine Tradition fort, die exemplarisch für die erstaunliche Bandbreite des Standorts steht. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als hoch spezialisierte Handwerkskunst. „Es gibt Anwendungen, für die es genau eine einzige Bürste braucht“, sagt Duchac. „Und genau diese fertigen wir – oft in Handarbeit und nach Maß.“ Kunsthandwerk als Identität und Zukunft Es sind diese leisen, oft unsichtbaren Handwerke wie das der Uhrmacher, Musikinstrumentenerzeuger, der Goldschmiede und Buchbinder, die das Fundament der Wiener Kunsthandwerkskultur bilden – getragen von Erfahrung, Präzision und einem tiefen Verständnis für Material und Funktion. Gleichzeitig ist das klassische Handwerk alles andere als rückwärtsgewandt. Die Betriebe bewegen sich selbstverständlich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, verbinden historische Techniken mit neuen Materialien, zeitgenössischem Design und internationalen Märkten. „Tradition heißt nicht Stillstand“, so Hufnagl. „Im Gegenteil: Unsere Stärke liegt darin, dass wir das Alte verstehen und daraus Neues entwickeln.“ So wird Wien zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen. Die k.u. k. Wurzeln sind nicht museal konserviert, sondern Teil eines lebendigen Systems, das sich ständig weiterentwickelt. In einer Zeit, in der vieles standardisiert wird, wirkt diese gewachsene Vielfalt beinahe wie ein Gegenentwurf: individuell und zutiefst menschlich. Wien bleibt damit eine der letzten großen europäischen Städte, in denen Kunsthandwerk nicht nur Geschichte erzählt, sondern Tag für Tag neu geschrieben wird.
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