KURIER
Ab heute ist Wien nicht nur die Welthauptstadt der Musik, sondern eine Woche lang auch die europäische Hauptstadt jener Art Musik, die nur beim Song Contest erklingt: Die Urgroßtante aller Castingshows macht Halt in Österreich. Man hat das schon zuletzt durch angemalte Radwege, Social-Media-Posts der „Tanzschein“-Choreografie oder zarte Hinweise in Werbeeinschaltungen des ORF mitbekommen können. Mit der Eröffnung des Eurovision Village am Rathausplatz geht es nun heute auch offiziell los. „Es“, das ist in diesem Falle das größte Musikevent der Welt, das ohne Zweifel ein Riesenspektakel nicht nur kommenden Samstag in der Wiener Stadthalle, sondern schon für die Tage bis dahin in der ganzen Stadt wird. Zehntausende gut gelaunte Gäste sind angereist, um in Fan-Cafés, bei Public-Viewing-Angeboten oder in überteuerten Hotelzimmern Song-Contest-Atmosphäre aufzunehmen und mitzugestalten. Dass die Stadt im Zeichen der Eurovision steht, daran ist JJ schuld, der den Bewerb 2025 in Basel gewonnen hat. Sein Nachfolger Cosmó vertritt Österreich nun mit seinem Song „Tanzschein“. Gewinnen muss er den Bewerb lieber nicht, so ein Sieg ist nämlich immer auch ein bisschen ein (finanzieller) Schreckmoment, wie Roland Weißmann nach dem Sieg JJs zugestanden hat. Er war damals ORF-Generaldirektor und ist inzwischen zurückgetreten, aber nicht deshalb. Gemeinsam Das Fest steht im Zeichen der Gemeinsamkeit und der Inklusion. Der Anteil bunter und gut gelaunter Menschen in der Stadt erhöht sich daher schlagartig, was viele freut und manche, Wien bleibt Wien, verärgert. Dass der 70. Song Contest gefeiert wird, verleiht der hiesigen Ausgabe zusätzlichen Jubiläumscharakter. Mit allem, was dazugehört: Es gibt Sing-Alongs, Kulturprogramm, Kulinarik; es gibt Bootsfahrten und ganz viele sonstige Möglichkeiten, gemeinsam zu feiern. Ein bisschen weniger gemeinsam gestimmt ist Europa in Hinblick auf Israel: Dass das Land wieder am Song Contest teilnimmt, sorgte im vergangenen Herbst für Debatten bei den europäischen Fernsehanstalten – und für das Fernbleiben von fünf Ländern vom Bewerb in Wien. Schon zuletzt in Malmö und Basel war die Stimmung bezüglich Israel gereizt, in Wien wird es Demos geben. Dabei liegt das Land bei den Wettquoten zumindest für das Publikumsvoting wieder weit vorne. Insgesamt schaut es so aus, als ob – diesen Reim werden Sie in diesen Tagen leider noch öfter hören – die Finnen gewinnen. Linda Lampenius und Pete Parkkonen führen mit ihrem Song „Liekinheitin“ nämlich deutlich bei den Wettquoten, vor Griechenland (Cosmó rollt das Feld hier eher von hinten auf). Wie es zum Sieg kommt, das ist eine eigene Wissenschaft mit Ländervotings, Jurys, zusammengeführten Punkten – und die Entscheidungsfindung wurde vor ein paar Jahren noch dazu neu gestaltet. Für heuer wurde auch das Publikumsvoting ein wenig verändert – nach Kritik daran, dass Israel im Vorjahr dort am besten abschnitt. Man muss das alles nicht ganz durchschauen, nur sich merken, dass in den meisten Fällen die Abstimmung wirklich bis zum Schluss offen ist. Damit fällt der einst lustige „Der hat doch schon gewonnen“-Moment weg, der eintrat, wenn der Führende mit den verbleibenden Punkten nicht mehr eingeholt werden konnte. Es macht es aber auch dementsprechend spannender – und zwar bis ungefähr 1 Uhr am Sonntagmorgen, dann ist es offiziell vorbei. Um den Sieg geht es bei dem Fest für viele ohnehin nur nebenbei. Der Song Contest ist wie ein tagelang dauerndes Popmusikfestival, dort geht es ja auch längst mehr um das Miteinander als um die Musik. Stadtmarketing, Tourismusverantwortliche und die Politik nützen das alles zur Selbstdarstellung (gut fürs Image! großer wirtschaftlicher Nutzen! weltoffen simma auch noch dazu!). Hinter der gut gelaunten Fassade werden aber natürlich auch strenge Sicherheitsmaßnahmen durchexerziert. Der Streit um Israel, der Irankrieg und die Absage der Taylor-Swift-Konzerte im Vorjahr umrahmen die doch herausfordernden weltpolitischen Umstände, unter denen der Song Contest stattfindet. Alle haben recht Ziel des ganzen Unterfangens ist natürlich, dass das alles am Schluss keine Rolle gespielt haben wird. Derweil haben sich all jene, die eine Meinung zum ESC haben, längst in die üblichen und bekannten Lager sortiert: Es gibt die, die den Song Contest lieben; die, die zuschauen, weil sie nichts Besseres zu tun haben; und jene, die das alles ganz furchtbar finden (aber vielleicht heimlich trotzdem zuschauen). Bestätigt dürfen sich am Schluss dann sicher alle fühlen: Viele Menschen werden sich gut unterhalten haben, es wird wohl wieder kein Star für die echte Welt gefunden werden, der Wien-Tourismus wird danach auch ohne Song Contest weiterschnurren. Wie interpretationsflexibel das alles ist, zeigte jüngst eine Marktagent-Umfrage: „Nur rund ein Drittel“ der Bevölkerung plant, zumindest eine der Live-Shows anzuschauen. Was 3 Millionen Leute wären – und eine Traumquote für den ORF.
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