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Historiker Sandgruber: „Die Bauern wurden  hingeschlachtet“
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Historiker Sandgruber: „Die Bauern wurden hingeschlachtet“

Roman Sandgruber ist Historiker. Der 79-Jährige war bis zu seiner Emeritierung 2015 Leiter des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz. Er ist Autor zahlreicher Bücher. KURIER: Oberösterreich erinnert sich an den Bauernkrieg 1626, der vor 400 Jahren stattfand. Das Land inszeniert dazu den Veranstaltungsreigen Communale, der unter dem Schlagwort „Mut“ steht. War der Aufstand mutig oder eine selbstmörderische Aktion? Roman Sandgruber: Es gab schon Gründe für einen Aufstand. Die äußeren Umstände waren in vielem ähnlich zu heute. Es gab im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges eine Hyperinflation. 1622 gab es die Kipper und Wipper. Man hat die Münzen, die aus Silber und aus Kupfer waren, kleiner gemacht, indem man die Ränder runtergeschnitten hat. Damit das nicht auffällt, hat man sie gerändelt. Seither sind die Münzen am Rand mit kleinen Zacken versehen, damit das Runterschneiden nicht mehr möglich ist. Es war damals die kleine Eiszeit, der Höhepunkt des Kälterwerdens. Sie hat sich vor allem in den höhergelegenen Gebieten sehr kritisch ausgewirkt, die Ernten sind schlecht ausgefallen. Darum sind sehr viele Zentren des Widerstands in den höhergelegenen Regionen, im Mühlviertel, im Sauwald. Viele ärmere Bauern beteiligten sich. Der dritte Aspekt für die Aufstände war die beginnende Gegenreformation, die Vertreibung der Protestanten. Im Bauernkrieg stehen sich Adel und Bauern gegenüber, also die Grundherren und die Untertanen. Beide waren evangelisch. Der oberösterreichsche Adel hat an der Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 gegen die Truppen des katholischen Kaisers teilgenommen. Diese waren zum großen Teil sogar Calvinisten. Die Calvinisten wurden von beiden Seiten verfolgt, sowohl von den Lutheranern als auch von den Katholiken. Der Religionsaufstand war ein merkwürdiger, denn die Bauern sind gegen Protestanten aufgestanden, die dann ziemlich schnell katholisch geworden sind. Aus opportunistischen Gründen, um sich auf die Seite der Herrscher zu schlagen. Adam Graf Herberstorff, der Befehlshaber der bayerischen Besatzungssoldaten, war ja auch ursprünglich protestantisch, hat aber die Seiten gewechselt. Interessanterweise war Kaiser Ferdinand II., (Kaiser 1619–1637) der die Gegenreformation angeordnet hat, für die Bauern nie ein Feindbild. Entweder haben die Bauern die Position des Kaisers nicht wahrgenommen oder nicht wahrhaben wollen. Es gab unter den Bauern schon auch anarchistische Stimmen, die gesagt haben, alle müssen weg. Das waren aber Ausnahmen. Die Zeit um 1620 war eine ähnliche zu unserer heutigen Zeit. Aber so eine radikale Situation wie damals liegt heute nicht vor. Aber wir haben auch Inflation. Sie wirkt sich vielleicht heute stärker aus als damals. Heute ist die Geldwirtschaft wichtiger, damals erfolgte der Handel hauptsächlich in Naturalwirtschaft. War der Aufstand mit 12.000 toten Bauern nicht eine Katastrophe? Die bäuerlichen Krieger waren viel mehr. 40.000 waren in Oberösterreich in den Bauernheeren vereinigt. Sie waren schlecht ausgebildet und bewaffnet. Es waren eher führungslose Haufen, keine Regimenter, die regulär geführt wurden. Mut haben sie gehabt, aber es fehlte ihnen die Professionalität. Zwischendurch haben sie gesagt, jetzt müssen wir zu Hause noch den Weizen und Roggen einbringen, dann können wir wieder kämpfen. Sie waren Teilzeitkämpfer, deswegen sind sie so leicht besiegt worden. 40.000 sind viel bei einer damaligen Gesamtbevölkerung Oberösterreichs von 300.000. 40.000 sind viel. Beim Bauernkrieg 1525 ist der Begriff der Haufen aufgekommen. In Wahrheit betrug Oberösterreichs Bevölkerung 250.000. Das Innviertel war damals noch nicht bei Oberösterreich, man darf auch das Salzkammergut nicht dazurechnen. Dort hat es keinen Aufstand gegeben. Es hat, umgelegt auf die Bevölkerungsanzahl, viel mehr Tote gegeben als beispielsweise im Zweiten Weltkrieg, selbst wenn die ermordeten Juden und die ermordeten Gegner des NS-Regimes miteinrechnet werden. Das waren für sieben Jahre rund fünf Prozent der Bevölkerung. Das waren Massaker im Bauernkrieg. Es gab ja auch jede Menge Folterungen. Die Bauern wurden hingeschlachtet, ohne Rücksicht auf Verluste. Man ist mit den Pferden über sie drübergeritten. Das Gericht auf Haushamerfeld, als die Bauern um ihr Leben würfeln mussten, ist eine als Gottesgericht getarnte Folter. Das ist noch relativ harmlos im Vergleich zu den schrecklichen Berichten über die Ereignisse am Frankenberg bei Mauthausen (1632–1636). Da wurden ein paar Hundert Frauen und Kinder in einer Kirche eingesperrt, die sich dorthin zurückgezogen haben, und die Kirche ist angezündet worden. Die Verantwortlichen des Aufstands sind dann am Hauptplatz in Linz gefoltert worden. Es gibt hier einen Bericht des englischen Botschafters, der da anwesend war. Die Aufständischen wurden mit glühenden Zangen in die Brust gezwickt, dann wurde ihnen eine Hand abgehackt, am Schluss wurden sie geköpft. Auch ein vierjähriger Bub, der Sohn des aufständischen Leimbauern. Dabei waren die Rachefeldzüge zum Teil völlig unlogisch. Kaiser Matthias (Kaiser 1612–1619) hat angewiesen, man soll den Rebellen nicht nur die Ohren abschneiden, sondern auch die Hände abhacken, damit sie zu keiner Arbeit mehr zu gebrauchen sind. Dabei hat der Adel die Bauern zur Arbeit gebraucht. Auf der anderen Seite war es auch völlig unlogisch. Anführer Stefan Fadinger reitet vor dem Linzer Schloss vorbei, weil er sich für unverwundbar hält, er wird von einer Kugel getroffen und stirbt. Es herrschte ein gewisser kollektiver Wahn. Vor allem dann im Machland, wo alles nur mehr sektiererische Züge hat. Es gab von 1632 bis 1636 einen Aufstand, wo sich Martin Achinger, vulgo Laimbauer, als Messias gesehen hat. Das alles kann man nur mit religiösem Eifer auf beiden Seiten erklären. Der Begriff Mut stimmt einerseits, andererseits ist er völlig falsch, weil man sich mit dem Messianischen überschätzt hat. Die aufständischen Bauern waren Protestanten, heute sind sie wieder fast alle katholisch. Warum dieser Wandel? Der Aufstand war nicht nur religiös, sondern es gab auch eine wirtschaftliche Erbitterung. Die Abgabenlast war groß, Grundherren setzten sich maßlos über die Grenzen des alten Rechts hinweg. Dann ging die Gegenreformation mit unerbittlicher Härte drüber. Bauern wurden vertrieben, ein Teil ging in den religiösen Untergrund. In ein paar Gegenden wie im Inneren Salzkammergut oder in der Scharten haben sie es durchgestanden. Unter Josef II. (1780–1790) sind dort die sieben Toleranzgemeinden entstanden. Oberösterreich war zur Zeit des Bauernaufstandes durch die Bank protestantisch, heute katholisch. Das Resultat der Gegenreformation. Sie hat nur dort nicht durchgeschlagen, wo es ökonomisch nicht opportun war. Im Salzkammergut hat man die Leute als Bergwerksarbeiter und Holzknechte gebraucht. Darum sind zum Beispiel Bad Goisern oder Gosau evangelisch geblieben. Man hat aus wirtschaftlichen Interessen darüber hinwegsehen müssen. Welche Schlüsse kann man aus dem Bauernkrieg für heute ziehen? Die Erinnerung ist immer instrumentalisiert worden. Sowohl von links als auch von rechts. Als ich studiert habe, ist die gesamte Bauernkriegsliteratur aus der DDR, aus Polen und Tschechien gekommen. Es wurde alles marxistisch und links interpretiert. Auf der anderen Seite hat es den faschistischen und nationalsozialistischen Bauernkriegsmythos gegeben. Das Frankenburger Würfelspiel ist 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufgeführt worden. Man hat das nach 1945 nur sehr mühsam wegbekommen. Die Texte sind in der Folge entschärft worden. Der Bauernkrieg ist auch von der politischen Mitte instrumentalisiert worden. Der ÖVP-Bauernbund hat sich genauso draufgesetzt. Jeder Traktorenaufmarsch wird zum Bauernkrieg erklärt. In jedem der Bauernbundkalender der 1960er-Jahre ist eine Bauernkriegsgeschichte enthalten. Man hat sich hier des nationalsozialistischen Gedankenguts bedient, wie wohl sie keine Nazis waren. Was wäre eine entsprechende Erinnerungskultur? Ein sozialpartnerschaftliches Aushandeln der Gegensätze. Das Wort Mut passt nicht. Verständigung wäre besser.

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